Von René Hofmann

Im vergangenen Jahr war er noch der Sympathieträger. Doch Lewis Hamilton hat ein Problem: Sein Ruf hat gelitten. Er gilt zunehmend als Formel-1-Rowdy.

Es gibt Dinge an Lewis Hamilton, die nicht perfekt sind. Sein Haaransatz zum Beispiel. Dafür, dass Hamilton erst 23 Mal Geburtstag gefeiert hat, ist der schon recht weit nach hinten gerutscht. Aber das fällt kaum auf, weil er seine Haare immer raspelkurz trägt. Mit dem Rasierer gegen Geheimratsecken - das funktioniert immer. Ähnlich zuverlässig glückte jüngst aber keineswegs alles. Nach 14 von 18 Rennen führt Hamilton die Formel-1-WM an. Allerdings liegt er nur noch knapp vor Ferrari-Fahrer Felipe Massa. In Monza hatte Hamilton jüngst das Zeug zum Sieg. Er vergab ihn, weil seine Reifenwahl nicht aufging. Acht Tage zuvor in Spa war er der Schnellste gewesen, wurde aber auf Platz drei zurückgestuft, weil er eine Schikane ausgelassen hatte, bevor er Kimi Räikkönen überholte. Gegen das Verdikt legte das McLaren-Mercedes-Team Einspruch ein. An diesem Montag wurde der vor dem Automobilweltverband in Paris verhandelt. Doch wie er auch ausfällt - Hamilton hat ein Problem: Sein Ruf hat gelitten. Er gilt zunehmend als Formel-1-Rowdy.

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(© Foto: Reuters)

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"Dem Reiz des Siegen-Wollens erlegen"

Im vergangenen Jahr war er noch der Sympathieträger. Der Debütant, der dem Favoriten Fernando Alonso wacker die hohe Stirn bot. Hamilton hätte erreichen können, was zuvor noch keinem geglückt war: auf Anhieb Champion zu werden, mit 22. Schon beim vorletzten Rennen in China hätte er den Coup einfahren können. Doch sein Team wollte den Triumph mit einem Sieg begehen und nicht mit einer Spazierfahrt. Im unsicheren Wetter ließ es Hamilton so lange auf Regenreifen kreisen, bis die abgefahren waren und der Neuling auf dem Weg zur Box in den Kies schlitterte. "Da sind wir dem Reiz des Siegen-Wollens erlegen", gibt Mercedes-Sportchef Norbert Haug zu, der sich allerdings sicher ist, dass daraus jeder die Lehre gezogen hat: "Ein bisschen weniger zu wollen, bringt manchmal mehr."

Weniger zu wollen, heißt nicht zu trödeln, sondern kühl zu kalkulieren: Was kann ich jetzt erreichen, was später? Alain Prost konnte das. "Der Professor" wurde er deshalb genannt. 1988 und '89 trat er bei McLaren neben Ayrton Senna an. Der Brasilianer konnte auch gut rechnen, im Rennwagen aber hat er selten kalkuliert. Senna fuhr auf Sieg. Immer. Erfolgreich waren beide. Prost sammelte vier, Senna drei WM-Titel. Es ist bloß eine Frage des Stils, die seitdem immer gestellt wird, wenn sich ein besonderes Talent hervortut: Wie viel Senna steckt in ihm, wie viel Prost? Am besten möglichst viel von beiden, dann ist die Waage in der Balance.

Bis vor wenigen Wochen sah es so aus, als habe Hamilton das verstanden. Vor dem Rennen in Belgien gab er sich gelassen und betonte abgeklärt: "Ich habe gelernt, dass es manchmal ein Vorteil sein kann, so viele Punkte wie möglich mitzunehmen und den ganz großen Kampf zu verschieben." Als sich zwei Runden vor dem Ziel aber die Möglichkeit ergab, auf Sieg zu setzen, tat er das. Im stärker werdenden Regen hätten sich ihm auf den finalen 14 Kilometern etliche Möglichkeiten geboten, an Räikkönen vorbeizugehen. Der McLaren ist im Nassen schlicht das bessere Auto. Aber Hamilton wollte nicht warten. Er wollte alles: Ruhm und Stolz und zehn Punkte. Das Ergebnis ist bekannt: Nach seiner Abkürzung durch die Schikane ließ er sich nur knapp hinter Räikkönen zurückfallen, sodass er schon vor der nächsten Kurve wieder vorbeibrausen konnte.

Drohen gehört zum Geschäft

Die Rennfahrerkollegen mögen nicht die besten Zeugen sein - wer lässt sich schon gerne überholen? -, aber in ihren Reihen herrschte eine einhellige Meinung: Mit der Aktion habe es Hamilton übertrieben. Am prägnantesten brachte es Williams-Fahrer Nico Rosberg auf den Punkt: "19 Fahrer haben dazu eine Meinung." Freunde lassen sich auf der Rennbahn keine finden. Es ist schon viel, wenn einer nicht allzu viele Feinde hat. Deren Zahl aber hat Hamilton in Monza drastisch gesteigert, was damit begann, dass er Weltmeister Räikkönen vorhielt, er habe nicht "the balls", um spät zu bremsen. Den Unterleib eines Gegners hat schon lange kein Formel-1-Fahrer mehr ins Spiel gebracht. Von den Tifosi wurde Hamilton dafür an den folgenden Tagen mit gereckten Fäusten begrüßt und auf der Piloten-Parade heftig ausgepfiffen. Seine Reaktion darauf? Angriff.

Im zweiten Qualifikationsdurchgang ließ er sich als Einziger Allwetter-Reifen aufziehen, als der Regen ein wenig nachließ. Das war eine gewagte Entscheidung. Als WM-Führender wäre es klüger gewesen, auf Nummer sicher zu gehen. Wieder einmal stolperte Hamilton über seinen Drang zum Sieg. Für die Reifen war es noch zu nass. Startplatz 15. Eine Enttäuschung. Aber kein Anlass, darüber nachzudenken, dass ein bisschen weniger zu wollen, manchmal viel mehr bringen könnte. Im Gegenteil. Als das Rennen begann, stürmte Hamilton fulminant los und in den ersten 20 Runden an sieben Gegnern vorbei. "Im Auto ist er ein Monster", hat sein Vater Anthony jüngst gesagt. Was er damit meint, war in Monza zu sehen.

Ayrton Senna trug einen gelben Helm. Wer den im Rückspiegel sah, wusste: Da kommt einer, der kennt kein Pardon. Hamiltons Helm ist ebenfalls gelb. Gegen Timo Glock kannte er kein Pardon. Als der ihm nicht genug Platz zum Passieren bot, drängte Hamilton den Toyota aufs feuchte Gras. Ein solches Manöver ist überall riskant. Im Regen auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke gilt es fast schon als Anschlag. "Manchmal denkt er, er sei alleine auf der Strecke", grollte Glock und kündigte an: "Das nächste Mal werde ich es genauso machen." Drohen gehört zum Geschäft. Und bloß nie eine Schwäche zeigen.

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(SZ vom 23.09.2008/mb)