Britische Medien erkennen in Silverstone-Sieger Sebastian Vettel ein Gegenbild zum rücksichtslosen Machtstreben in der Formel 1.
In den Minuten vor dem Start geht es in der Formel 1 drunter und drüber. Mechaniker, Reporter, Prominente und Möchtegern-Prominente drängen sich in der Startaufstellung. Es wird geschaut, gefragt, geschubst - und gelegentlich auch gedroht. Sebastian Vettel hat das erlebt, an diesem Sonntag in Silverstone. Bevor er in seinen Rennwagen von Red Bull kletterte, der auf der Pole-Position stand, tippte ihm ein nicht allzu großer älterer Mann auf die Schulter.
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Hinterließ einen bleibenden Eindruck auf der Insel: Sebastian Vettel bei der Feier seines dritten Formel-1-Sieges. (© Foto: Getty)
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Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone riet ihm: "Versau's dieses Mal nicht!" Vettel hielt sich an die Anweisung. 1:22:49,328 Stunden später fuhr er mit großem Abstand als Erster über die Ziellinie. Start-Ziel-Sieg, WM-Gegenspieler Jenson Button war als Sechster bester Einheimischer - und trotzdem erhoben sich viele der mehr als 120.000 Zuschauer von ihren Plastiksitzen, als Vettel auf die Zielgerade bog. Es war ein Bild, das überraschte, selbst erfahrene Beobachter.
"Die Menge war glücklich, einen neuen Helden willkommen zu heißen", notierte die Times, Vettels Ruf sei mindestens so eindrucksvoll wie sein Auto. "Er hat einen bleibenden Eindruck in Silverstone hinterlassen", glaubt der Daily Telegraph. Selbst die Daily Mail, die erst noch einmal daran erinnerte, dass die deutsche Hymne einst die Worte "Deutschland über alles" beinhaltete, kam um Anerkennung nicht umhin.
"Selbst eingeschworene Patrioten konnten sich kaum gegen Vettel stellen", schrieb die Boulevard-Zeitung. Warum? "Er ist einfach ein zutiefst anständiger Kerl in einem Sport, der viel zu oft vom Machtstreben seiner egoistischen Besitzer und Aufseher geprägt ist."
Auf einem Luftkissen
Sebastian Vettel als Gegenbild zu Ecclestone und FIA-Präsident Max Mosley, als Symbolfigur für ein neues Deutschland-Bild - das ist ein bisschen übertrieben, zeigt aber, was auf ihn zukommen könnte, wenn er seinen Erfolgskurs in drei Wochen am Nürburgring fortsetzt und Button tatsächlich ein Duell um den WM-Titel liefern kann. Im Moment liegen noch 25 Punkte zwischen den beiden. Lewis Hamilton war im vergangenen Jahr mit 23 Jahren der bislang jüngste Weltmeister. Vettel kann ihm diesen Rekord abnehmen. Am 3. Juli feiert er seinen 22. Geburtstag. Seit Sonntag ist er schon mal der bislang jüngste Sieger des britischen Grand Prix, und der hat immerhin eine Tradition von 59 Jahren.
Das Rennen in Mittelengland lieferte einen weiteren Beleg, wie schnell Vettel lernt. Vor zwei Wochen in der Türkei vergab er seine Siegchance mit einem Fahrfehler in der ersten Runde. In Silverstone fuhr er scheinbar schwerelos, "wie auf einem Luftkissen", wie der Daily Express dichtete. Vettel demonstrierte Gelassenheit: Als sich unmittelbar vor dem Start die Sohle seines Schuhs löste, blieb er ruhig und schickte einfach einen Mechaniker los, eine Tube Sekundenkleber zu holen.
Vettel demonstrierte Geduld: Als er zur Rennmitte um die Überrundeten herum Slalom fahren musste, zügelte er seinen Vorwärtsdrang, wie es ihm seine Strategen am Funk rieten. Vettel demonstrierte Machtbewusstsein: In Barcelona und in der Türkei hatte er mit der Taktik seines Teams gehadert, in England wurde er mit mehr Benzin in die Qualifikation geschickt als Mark Webber im zweiten Red Bull. Trotzdem eroberte Vettel die Pole-Position, die der Grundstein für den Erfolg war.
Seit die beiden ein Duo bilden, ging Webber noch nie vor Vettel in ein Rennen. Auch wenn die beiden in der Fahrerwertung lediglich 3,5 Punkte trennen, so hat der elf Jahre Jüngere im Moment doch klar die Führungsrolle inne. "Er ist sehr gut darin, auf Leute einzugehen", sagt Teamchef Christian Horner, "er ist jung, intelligent, macht ständig Witze und versteht sogar den britischen Humor. Er ist sehr beliebt im Team."
Vettel legt keinen großen Wert auf seine Wirkung, anders als bei Lewis Hamilton wirken seine Auftritte nie inszeniert, seine Aussagen nicht auswendig gelernt. Offenbar instinktiv gibt er in entscheidenden Momenten das Richtige von sich. Auch am Sonntag war das so, als er nach der Champagnerdusche im Jubel bekannte: "Davon habe ich geträumt, seit ich in der Ära von Nigel Mansell den ersten Silverstone-Grand-Prix gesehen habe. - Es ist fast schade, dass ich kein Engländer bin." Der Guardian lobte daraufhin: "Vettels Enthusiasmus ist wohltuend unverdorben." Die Times brachte es auf die simple Formel: "Er ist wie Schumacher. Und er ist nett."
Der Serien-Champion war im Geburtsland der WM lange ausgepfiffen worden. Später erntete Schumacher respektvollen Applaus. Sympathiestürme wie jetzt Vettel erntete er nie. In England wird viel Geld mit Sportwetten bewegt. In den einschlägigen Internet-Foren lässt sich eindrücklich verfolgen, welche Stimmung herrscht. Kaum war Vettel zum zweiten Mal in diesem Jahr als Erster an der karierten Flagge vorbeigekommen, entspann sich auf der Homepage der BBC eine Debatte: Warum bieten die Buchmacher für eine WM-Wette auf Vettel bei zwei Pfund Einsatz sieben Pfund Gewinn, bei seinem Teamkollegen Mark Webber, der ja das gleiche Auto bewegt und in der WM-Wertung nur wenig Rückstand hat, für ein Pfund Einsatz aber 50?
Die Diskussion wogte hin und her, bis "cosicave" das Schlusswort sprach - mit der simplen Erklärung, wie die Quoten zustande kommen: "Es geht einfach darum, wer wie viel auf wen setzt. Die Quote zeigt nur, dass die kollektive Meinung im Land die ist: Vettel wird viel wahrscheinlicher Champion."
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(SZ vom 23.06.2009)
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