Von René Hofmann

Sebastian Vettel wird im Rennzirkus beargwöhnt, weil sich sein Auto besonders tief auf die Straße duckt. Für einen formalen Verstoß reichen die Vermutungen offenbar nicht aus.

Eine Untersuchung gibt es nicht, aber Geraune: viel Geraune um das Auto von Sebastian Vettel. Der 22 Jahre alte Formel-1-Fahrer startete am Sonntag in Melbourne von der begehrtesten Ausgangsposition in den Großen Preis von Australien. Der Deutsche hatte sich die Pole-Position in der Qualifikation vor seinem Red-Bull-Kollegen Mark Webber gesichert, obwohl ihm in den drei Trainingssitzungen zuvor nie annähernd die Bestzeit geglückt war.

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Ausfallgrund ungeklärt: Warum Sebastian Vettel in Australien in Runde 27 in Führung liegend ausschied, ist weiter offen. Die Vermutung, eine Radmutter sei locker gewesen, bestätigte sich nicht. (© Foto: dpa)

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Beim Saisonauftakt war das ebenfalls so gewesen. "Das ist ein Zeichen, dass wir unser Auto verstanden haben", hatte Vettel den Erfolg kommentiert. Weil der so auffällig ist, geben sich nun aber auch die Konkurrenten viel Mühe, die Geheimnisse des Red Bull RB6 zu ergründen.

"Da ist etwas im Gange, aber ich weiß nichts Spezifisches", hatte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh am Wochenende orakelt und der BBC gesagt: "Der Red Bull und einige andere Autos können im Qualifying tiefer fahren, als man annehmen würde." Von "Systemen zur Kontrolle der Bodenhöhe" war die Rede, "die viele als nicht zulässig einstufen würden". Für einen formalen Vorstoß reichen die Vermutungen offenbar nicht. Eine Sprecherin des Automobilweltverbandes teilte am Dienstag mit: "Es gibt keine Untersuchung." Christian Horner, der Chef von Vettels Rennstall, versichert: "Bei uns ist alles legal." Aus der Welt ist das Thema damit aber mit Sicherheit noch nicht. Mit Beschwichtigungen lassen sich die rivalisierenden Formel-1-Ingenieure nicht ruhigstellen. Auch neben der Strecke tobt in der Serie ein verbissener Wettstreit.

Ruhig über Bodenwellen

Auf die Fahreigenschaften eines Formel-1-Autos haben viele Faktoren einen Einfluss. Ein ganz wichtiger Faktor ist der Abstand zwischen der Karosserie und dem Boden. "Man versucht, an der Wagenfront so tief wie möglich zu kommen, um den Frontflügel so tief wie möglich zu positionieren", erklärt Mercedes-GP-Konstrukteur Ross Brawn ein Prinzip, das bei der Abstimmung der Autos gilt. Je tiefer sich ein Auto auf den Asphalt duckt, desto weniger Windwiderstand bietet es, und desto schneller lässt es sich meistens bewegen.

Den Abstand zum Boden regeln Stoßdämpfer, die im Prinzip funktionieren wie die in normalen Autos auch: Taucht die Radaufhängung ein, dämpft eine Feder den Schlag. Anschließend drückt ein Dämpfer die Radaufhängung wieder in die ursprüngliche Position zurück. Aerodynamisch am besten wäre es, der Abstand zwischen dem Boden und dem Unterboden des Autos bliebe die ganze Zeit gleich. Weil beim Bremsen, beim Beschleunigen und bei der Fahrt über Bodenwellen aber gewaltige Kräfte wirken, ist das schwer zu bewerkstelligen. Die Konkurrenz vermutet, Red Bull könnte in dem Punkt auf einen besonderen Kniff gekommen sein.

Wie gut sich die Autos von Vettel und Webber bewegen lassen, war bereits bei den Wintertestfahrten aufgefallen. "Es ist fast schon erschreckend, wie einfach sich die beiden am Limit bewegen. Kein anderes Auto beruhigt sich nach Bodenunebenheiten so schnell", war Mercedes-Ersatzfahrer Nick Heidfeld aufgefallen, der sich für die Zeitschrift Auto, Motor und Sport die Wagen genau ansah.

Video-Überwachung in der Box

Die besten Einstellungen für die Federn und für die Dämpfer zu finden, ist in diesem Jahr besonders kniffelig. Weil das Nachtanken verboten ist, tragen die Autos am Start wesentlich mehr Benzin und damit Gewicht als in den vergangenen Jahren. Dieser Ballast fehlt in der Qualifikation. Dort werden nur wenige Runden zurückgelegt. Die Ingenieure würden sich deshalb wünschen, zweimal an den Federn drehen zu dürfen: Am Samstag fürs leichte Auto runter, am Sonntag fürs schwere hoch. Genau das aber ist verboten. Nach der Qualifikation darf nur noch getankt werden. Abstimmungsarbeiten sind untersagt. Mit Video-Kameras in den Boxen wird rund um die Uhr überwacht, dass sich jeder daran hält. Wenn es irgendjemanden trotzdem gelingt, das Auf und Ab wie von Geisterhand hinzubekommen, hat er einen mächtigen Vorteil.

Ein Weg, das zu schaffen, führt über den Reifendruck. Es geht ja nicht um Zentimeter, sondern um Millimeter, und die lassen sich mit ein paar Hundertstel Bar mehr oder weniger im Reifen erreichen. Andere Spekulationen ranken sich um die Radaufhängungen. Über den Gasdruck oder Temperaturveränderungen lässt sich vielleicht auch mit ihnen spielen. Oder hat Red Bull eine extra Portion Gas im Dämpfer versteckt, die den Wagen in der Qualifikation tiefer drückt, und die in der Nacht vor dem Rennen entweicht? Das würde den Wagen wieder heben, womit er die Ladung von etwa 150 Kilogramm Benzin aufnehmen könnte.

Neue Nahrung bekommen dürften die Spekulationen zudem durch Vettels mysteriösen Defekt im gleichen Rennen. In der 27. Runde war er in Führung liegend ins Kiesbett gerutscht, nachdem das linke Vorderrad gewackelt hatte und dort Funken zu sehen waren. Bremsen-Lieferant Brembo teilte dazu am Dienstag mit, dass die zunächst angenommenen Ursachen für den Defekt nicht in Frage kämen: Weder sei die Bremse kaputt gewesen noch eine Radmutter lose. Das Team, so die Firma weiter, suche jetzt nach Lösungen, die schon in Malaysia helfen könnten. Dort geht das Geraune ab Freitag weiter.

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(SZ vom 31.03.2010/jbe)