Von René Hofmann

Felipe Massa gewinnt den Türkei-Grand-Prix in Istanbul - und das WM-Duell wird hitziger.

Istanbul - Felipe Massa feierte wie ein Rockstar. Er sprang auf die Bühne, zeigte die Faust und feuerte die Menge an, ihm zu applaudieren. Die Begeisterung über den fünften Sieg des Brasilianers blieb allerdings überschaubar. Dafür war er zu eindeutig ausgefallen. Vom Start weg hatten Massa und sein Ferrari-Kollege Kimi Räikkönen den Großen Preis der Türkei dominiert. Am Ende gewannen sie ihn vor Fernando Alonso (McLaren) und Nick Heidfeld (BMW). Den WM-Führenden Lewis Hamilton warf im letzten Renndrittel ein Reifenschaden auf Rang fünf zurück. "Ich liebe diese Strecke, ich liebe diesen Ort. Hier hat meine Karriere eine Wende genommen", sagte Massa, dem in der Türkei im vergangenen Jahr sein erster Erfolg geglückt war. "Das Rennen wurde schon am Samstag entschieden", grummelte dagegen Räikkönen, für den nach Rang drei in der Qualifikation die höchste Stufe des Siegertreppchens nicht mehr zu erreichen war. Ähnlich äußerte sich Fernando Alonso. Er sagte: "Das Rennen hatte ich in der ersten Kurve schon ver loren. Danach habe ich mich darauf konzentriert, keinen Fehler zu machen und auf ein Wunder gewartet."

(© )

Anzeige

Unmittelbar vor dem Start hatte er noch angekündigt, von Startplatz vier aus gleich angreifen zu wollen. Daraus aber wurde nichts. Der Titelverteidiger begann das Rennen auf harten Reifen und der schmutzigen Seite der Fahrbahn. Als die Startampel erlosch, hatte er keine Chance, das hinter ihm gestartete BMW-Paar aufzuhalten. Robert Kubica und Nick Heidfeld zogen vorbei und nahmen die Plätze vier und fünf ein. Ganz vorne verwandelte Massa seine fünfte Pole Position 2007 in eine spielerische Führung vor Räikkönen. Hamilton konnte froh sein, sich von der staubigen Startposition zwei aus als Dritter in den Autokorso einreihen zu können.

Es gibt Rennstrecken, die sind so eng, so rutschig oder so schnell, dass Aufregung garantiert ist. Der Istanbul Park gehört nicht dazu. Das Asphaltband ist an vielen Stellen mehr als 20 Meter breit. Die Kurven sind hübsch geschwungen. Es geht schnell dahin. Wirklich nahe aber kommen sich die Kontrahenten selten. Gemessen an den harten Schlagabtäuschen, die oft in Monaco, in Montréal oder in Monza zu sehen sind, ist die Formel 1 in der Türkei so aufregend wie Schattenboxen. Die Piloten duellieren sich auf Distanz. Eine halbe Stunde lang gab es so wenig Gedrängel wie auf einer gut organisierten Prozession. Erst mit den Tankstopps kam ein wenig Bewegung in den Zug.

Alonso eroberte sich mit dem alten Ich-tanke-später-Trick die am Start verlorenen Positionen wieder zurück. Als alle Spitzenkräfte frische Reifen aufgezogen hatten, lautete die Reihenfolge: 1. Massa, 2. Räikkönen, 3. Hamilton, 4. Alonso, 5. Heidfeld. Die Ich-tanke- besonders-früh-Strategie von Robert Kubica ging hingegen nicht auf. Er wurde am Ende lediglich Achter, was BMW-Sportchef Mario Theissen bilanzieren ließ: "Ein gemischtes Ergebnis."

Mit der Vereinigung der Viererbande, die um den WM-Titel rangelt, deutete sich früh im Rennen an, dass eine Serie halten würde: 2007 gingen die Siege bisher ausschließlich an McLaren und Ferrari. Zuletzt hat es das in der Saison 2000 gegeben. Damals holte Ferrari zehn Erfolge und McLaren sieben. In diesem Jahr steht es sechs zu sechs. Räikkönen, Massa, Hamilton und Alonso durften jeweils dreimal den größten Pokal holen. In der Türkei hätten die beiden Teams wieder geschlossen die ersten vier Plätze belegt, wenn Hamilton 16 Runden vor dem Ende nicht die einzige Schreck- sekunde des Nachmittags ereilt hätte: Sein rechter Vorderreifen platzte. Die Panne kostete ihn zwei Plätze. Statt Dritter wurde er Fünfter. Damit steht es nach zwölf von 17 Rennen bei den Konstrukteuren 148 zu 137 für McLaren, im Fahrerklassement führt weiter Hamilton (84 Punkte) vor Alonso (79), Massa (69) und Räikkönen (68). Der nächste Grand Prix findet am 9. September in Monza statt. "Dort werden wir stark sein", kündigte McLaren-Chef Ron Dennis an.

Wie sehr die Atmosphäre zwischen den Kontrahenten inzwischen vergiftet ist, ließ sich an den Plakaten ablesen, die in Istanbul an der Haupttribüne hingen. Viele Zuschauer kamen nicht. Aber die 50 000, welche sich durch die flirrende Hitze an die Piste kämpften, hatten fleißig geschrieben. Vor allem die Alonso-Anhänger. "Fernando. Du hast ihnen zu Siegen verholfen, und sie lassen dich verlieren. Wo ist da das Fairplay?", stand auf einem Transparent in Anspielung auf die angebliche Benachteiligung des Spaniers in dem britischen Team. Über das gute Verhältnis von Teamchef Ron Dennis zu Hamilton hatten die Alonso- Anhänger gedichtet: "Wer Krähen züchtet, bekommt die Augen ausgehackt." Zu Hamilton: "Du weinerlicher Schwindler. Du wirst dein Leben lang ein Verlierer bleiben." Massa, mit dem Alonso in diesem Jahr schon zweimal aneinander geraten ist, forderten sie auf: "Steh dem Champion nicht im Weg!" Setzt sich der Trend fort, ist bald mit Morddrohungen zu rechnen.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 27.8.2007)