Von Klaus Hoeltzenbein

Sensationelle Rückkehr in die Formel 1: Der siebenmalige Weltmeister Michael Schumacher vertritt Felipe Massa im Cockpit. Ferrari hat den Ziehsohn zurück ans Lenkrad gebeten.

Die Nachricht kam am Mittwoch gegen 18.30 Uhr, sie kam mit solcher Wucht und so plötzlich, dass sie kurzfristig auch die Technik der Internet-Seite www.michael-schumacher.de überforderte. Eine Zeitlang war die Seite nicht aufzurufen, weil sich Tausende zugleich einzuklicken versuchten, nachdem die Botschaft - die gar nicht mehr so überraschend kam - die Runde gemacht hatte.

Ferrari Formel 1 Michael Schumacher AP

"Michael bereit zu helfen!" Schumacher vor der Rückkehr in die Formel 1. (© Foto:)

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Wer sich später durchklicken konnte, fand auf der Seite eine Erklärung des 2006 erstmals zurückgetretenen Autorennfahrers Michael Schumacher (Überschrift: "Michael bereit zu helfen!"), die durchaus Stil und Anstand zu wahren vermochte. Schumachers Einleitung: "Das Wichtigste vorweg: Gottseidank sind die Nachrichten von Felipe durchweg positiv. Ich wünsche ihm hiermit erneut alles Gute!"

Dann die Verkündung, die aus vielerlei Gründen interessant ist - nicht nur, weil sie nur wenige Stunden, nachdem BMW die Formel 1 mit einer Rücktrittserklärung schockte, der Rennserie einen neuen Impuls verleihen wird. "Ich habe mich heute Nachmittag", schreibt Schumacher seinen Fans, "mit Stefano Domenicali und Luca di Montezemolo besprochen, und wir haben gemeinsam entschieden, dass ich mich darauf vorbereiten werde, für Felipe einzuspringen. Obwohl das Thema Formel 1 für mich seit langem und komplett abgeschlossen war, kann ich aus Verbundenheit zum Team diese unglückliche Situation nicht ignorieren. Als Wettkämpfer, der ich nun mal bin, freue ich mich aber auch auf diese Herausforderung."

Domenicali ist der Ferrari-Teamchef, di Montezemolo ist der Präsident - die Familie hat den Ziehsohn des Unternehmens zurück ans Lenkrad gebeten. Und der Sohn leistet Folge.

Er ließ sich bitten, aber wer den 40-Jährigen noch aus seiner Rennzeit in Erinnerung hat, der darf sicher sein, dass Schumacher zum Comeback nicht gezwungen werden musste (was immer auch in jenem Vertrag stehen mag, den er nach seinem letzten Grand Prix am 22.Oktober 2006 in São Paulo mit der Firma Ferrari geschlossen hat, für die er seither in beratender Funktion wirkt). Fünf seinen insgesamt sieben WM-Titel hat Schumacher für das Team aus Maranello gewonnen, in seiner einzigartigen Bilanz stehen 91 Siege in 250  Rennen.

Etliche dieser Rennen hat er gemeinsam mit dem Teamkollegen Felipe Massa bestritten, den er nun im Cockpit ersetzen wird. Kurz bevor am Mittwoch die Kunde vom Schumacher-Comeback die Runde machte, hatten die Italiener verbreiten lassen, dass sich der Gesundheitszustand des Brasilianers verbessert habe. Der 28-Jährige, der am Samstag auf dem Hungaroring so schwer verunglückt war, mache erste Schritte, in Kürze könne er die Intensivstation des AEK-Krankenhauses von Budapest verlassen.

Im Training am Samstag war Massa bei hoher Geschwindigkeit eine rund 800 Gramm schwere Dämpferfeder eines anderen Autos gegen den Kopf geprallt, hatte den Helm beschädigt und zu lebensgefährdenden Verletzungen geführt. Drei Stunden lang musste Massa operiert werden, wobei ein über dem Auge gebrochener Stirnknochen gerichtet wurde.

Es verbietet sich, heute schon über eine Comeback-Chance von Felipe Massa zu spekulieren, für Michael Schumacher bedeutet dessen Ausfall zunächst, dass er maximal bis Saisonende ins Cockpit steigen soll. Er gilt weiterhin als Meister seines Faches, bei Testfahrten 2008 hat er sich beachtlich geschlagen. Dieser Fakt ist ein Vorteil, denn weil die Formel 1 um einen Sparkurs ringt, wurden Tests während der Saison weitgehend verboten.

Bis zum nächsten Rennen, der Hafenrundfahrt am 23. August in Valencia, darf Schumacher nicht im Auto üben. Er hat sich aber stets mit der Technik beschäftigt, weshalb davon auszugehen ist, dass Schumacher das Fahrzeug kaum schlechter kennen dürfte als Kimi Räikkönen, der im zweiten Ferrari sitzt. Saisonfinale ist am 1. November in Abu Dhabi, und für die Saison 2010 hat Ferrari seine Dispositionen bereits getroffen: Der Spanier Fernando Alonso, auch ein einstiger Weltmeister, der im Renault nicht mehr vorwärts kommt, soll eines der beiden Lenkräder übernehmen.

"Ich habe Michael eigentlich abgeraten", sagt Schumacher-Manager Willi Weber: "Das Problem ist die Erwartungshaltung der Menschen. Wenn ein Schumacher wieder ins Auto steigt, wollen sie ihn siegen sehen." Doch: "Er hat eine Riesenlust." Und theoretisch, rein theoretisch kann er sogar noch seinen achten WM-Titel gewinnen: Der Führende Jenson Button hat nach zehn Rennen der 17 Rennen 70 Punkte gesammelt, Schumacher könnte noch gleichziehen.

Sein Ehrgeiz war immer weltmeisterlich, und vom Motorsport hat er nicht lassen können. Im Februar verletzte sich Schumacher bei einem Motorradunfall so schwer am Nacken, dass er seinen avisierten Start bei der Int. Deutschen Motorradmeisterschaft absagen musste. Nun aber erfüllt sich auf schicksalhafte Weise die Sehnsucht eines demnächst 41-Jährigen, weiter im Rausch der Geschwindigkeit zu leben.

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(SZ vom 30.07.2009)