Von René Hofmann

Silverstone, Donington und wieder zurück: Wie Formel-1-Boss Bernie Ecclestone den Wettbewerb unter den Rennstrecken anheizt.

Die ersten Zahlen sind vielversprechend. 24 Stunden nachdem bekannt wurde, dass die Formel 1 auch 2010 auf der Rennstrecke in Silverstone gastiert, meldeten die Kursbetreiber 6500 verkaufte Karten. Das Interesse am Großen Preis von England ist groß. Das Land stellt nicht nur den aktuellen Weltmeister - Jenson Button -, auch Vorgänger Lewis Hamilton stammt von der Insel. Die meisten Rennställe unterhalten ihre Fabriken dort, was etliche tausend Arbeitsplätze sichert.

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Bernie Ecclestone hat die Formel 1 fest im Griff. (© Foto: dpa)

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Vor diesem Hintergrund wird klar, warum sich sogar Premierminister Gordon Brown von der Nachricht angetan zeigte, dass auch künftig ein Grand Prix in Silverstone ausgetragen werden soll, dort, wo 1950 der erste Formel-1-WM-Lauf stattfand. "Das manövriert Großbritannien in den kommenden 17 Jahren in das Zentrum der Motorsportwelt", glaubt Brown: "Es ist ein besonderes Privileg für mich, an diesem Tag dabei zu sein."

Dem großen Tag war ein langes Tauziehen vorausgegangen. Auf der einen Seite zerrte der britische Rennfahrerklub, der die historische Strecke unterhält und an dessen Spitze der einstige Formel-1-Fahrer Damon Hill steht. Auf der anderen Seite des Taus stand Bernie Ecclestone. Der 79-Jährige führt immer noch die Geschäfte der Firma, die vom Automobilverband das Recht bekam, die Formel 1 hundert Jahre lang vermarkten zu dürfen.

Vorzug für Donington

Jahr für Jahr warf Ecclestone den Silverstone-Betreibern vor, sie investierten nicht genug in die Anlage. Jahr für Jahr drohte er, mit seinem Wanderzirkus nicht mehr vorbeizukommen. Im vergangenen Jahr schließlich ließ er den Worten Taten folgen: Statt mit der Traditionsstätte schloss er einen Vertrag mit den Betreibern des Kurses in Donington ab. Auf der dortigen Schleife hatte zuvor die Motorrad-WM ihre Runden gedreht. Dass es bloß kleine Zufahrtsstraßen gab, störte Ecclestone nicht. Schließlich versprachen die Betreiber ihm, mächtig zu investieren.

Der Schachzug sorgte im Rennsport-begeisterten Land für Aufregung. Denn Ecclestone drohte gleichzeitig: "Wenn Donington es nicht hinbekommt, wird es 2010 keinen Großen Preis von England geben." Eine WM ohne das Mutterland des Sports - das mochte sich zumindest im Mutterland des Sports niemand vorstellen. Monatelang wurde gefeilscht, gedroht, geblufft. Dann stand fest: Die Finanzierung für die Pläne in Donington klappt nicht.

Aber - Überraschung! Überraschung! - in Silverstone geht doch noch was. Der Rennfahrerklub verspricht, sich um den Ausbau der Boxenanlage zu kümmern. Im Gegenzug ist ihm das Rennen bis 2026 sicher. Dann wird Ecclestone 96 sein. Als Antrittsgeld werden angeblich zwölf Millionen Pfund fällig, was aktuell rund 13 Millionen Euro entspricht. Als kleines Entgegenkommen verzichtet Ecclestone, der gerne eine automatische Steigerungsrate in die Verträge schreiben lässt, auf einige Prozente: Statt, wie sonst üblich, um sieben Prozent erhöht sich das Antrittsgeld in seiner Heimat jährlich bloß um fünf. "Jenseits von Europa", schimpft der einstige Gebrauchtwagen-Händler, "hätte ich viel mehr rausholen können."

In Abu Dhabi, Singapur, China, Bahrain und Malaysia wurden in den vergangenen Jahren Rennen etabliert, die von den Gastgeber-Regierungen großzügig alimentiert werden. 2010 soll noch Südkorea dazukommen. Der Trend geht zum Staats-Grand-Prix, weshalb es Ecclestone leicht fällt, den Wettbewerb unter den Rennstrecken anzuheizen.

Die Geschichte um das Rennen in Großbritannien ist die jüngste dieser Art. Sie steht in einer unseligen Tradition. Um den Traditionskurs in Spa-Francorchamps in Belgien schlug Ecclestone so lange einen Bogen, bis er renoviert war. In Japan ließen sich die zu den Autofirmen Toyota und Honda gehörenden Pisten in Suzuka und in Fuji gegeneinander ausspielen. Nirgends aber war der Irrsinn größer als ausgerechnet in Deutschland.

Feilschen mit Ecclestone

Im Rausch der Schumacher-Jahre ließen sich zunächst die Betreiber des Hockenheimrings dazu hinreißen, die Strecke komplett umzubauen und mit gewaltigen neuen Tribünen zu schmücken. Kosten des Projektes: mehr als 60 Millionen Euro. Weil das Land mehr als 15 davon beisteuerte, heißt die Strecke offiziell jetzt "Hockenheimring Baden-Württemberg". Geholfen hat ihr das aber nicht viel. Die Schulden drücken so heftig, dass sie sich die Formel 1 kaum mehr leisten kann. Monatelang wurde zuletzt mit Ecclestone gefeilscht, ob er nicht auf ein paar Prozente verzichten könne. Der Impresario zeigte sich gnädig.

Eine Delegation mit einem ähnlichen Anliegen wird demnächst auch vom Nürburgring bei ihm vorstellig werden. An der Strecke, bei der das Land Rheinland-Pfalz maßgeblich das Sagen hat, ist ein gigantischer Freizeitpark entstanden. Achterbahn, Erlebnis-Museum, Großraumdisco - es fehlt an nichts. Nur die Besucher lassen auf sich warten. Mit 500.000 zusätzlichen Gästen im Jahr wurde kalkuliert. Im August und September seien es zusammen nur 25.000 mehr gewesen, will Autobild erfahren haben. Walter Kafitz, der das Projekt als Geschäftsführer eingefädelt hatte, wurde kürzlich abgesetzt. Jetzt soll eine private Betreiberfirma gefunden werden, die den Gigantismus managt. Bernie Ecclestone wird's freuen.

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(SZ vom 10.12.2009/jbe)