Formel 1 in Spa Das Balzen der Tempobolzen

Drei Mann, ein Ziel - vor der entscheidenden Phase der Formel-1-Saison bringen sich die Favoriten Massa, Hamilton und Räikkönen in Position.

Von René Hofmann

Spa-Francorchamps - Eigentlich hätte die finnische Post ein Bild von Felipe Massa auf ihre neue Briefmarke drucken müssen, so zumindest sieht es der Brasilianer selbst. Für einen Euro und sechzig Cent lassen sich von heute an zwischen Hanko und Kemijärvi zwei Postwertzeichen erwerben, die je ein Foto von Kimi Räikkönen schmückt. Der Text dazu: "F1 World Champion '07". "Das", sagt Massa, "ist Kimi nur wegen dem, was ich im vergangenen Jahr gemacht habe." Im Saisonfinale in São Paulo ließ er damals seinen Ferrari-Kollegen zum Sieg passieren, was dem in letzter Minute den Titel brachte, weil am McLaren-Mercedes von Lewis Hamilton 30 Sekunden lang das Getriebe aussetzte und der Favorit nur Siebter wurde. Massa glaubt: "Wenn es nötig ist, wird Kimi mich dieses Jahr sicher auch unterstützen." Na, wenn er sich da einmal nicht irrt...

Der brasilianische Ferrari-Pilot Felipe Massa biegt mit seinem roten Flitzer in die berüchtigte Kurve "Eau Rouge" der Rennstrecke im belgischen Spa ein.

(Foto: Foto: dpa)

Jeder strafft die Schultern

Zwei Drittel der Rennen sind absolviert, die Saison biegt auf die Zielgerade, und drei Piloten sind noch im Titelrennen: Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) hat 70 Punkte, Felipe Massa (Ferrari) 64 Zähler, Kimi Räikkönen (Ferrari) kommt auf 57. Sechs Rennen stehen noch aus, das erste an diesem Sonntag in Spa-Francorchamps in Belgien. Theoretisch dürfen auch Heikki Kovalainen (McLaren-Mercedes/43 Punkte) und Robert Kubica (55 Punkte) noch Titelhoffnungen hegen, aber an deren Chancen glaubt ernsthaft kaum jemand. Kovalainen glückte erst ein Abstaubererfolg, und Kubica gibt selbst zu, dass sein BMW seit dem Rennen in Kanada, das er auch eher glücklich gewann, nicht wirklich näher an die Top-Autos herangerückt ist. "Was unser Renntempo betrifft, ist der Abstand seit Kanada gleich geblieben", sagt Kubica.

Drei Mann, ein Ziel - das kann auf den letzten Metern zu einigem Gerangel führen. Und es ist schon lustig zu beobachten, wie derzeit gerade jeder die Schultern strafft, die Brust aufpumpt und sich in Position schiebt. Lewis Hamilton zum Beispiel: Der Brite ist immer noch erst 23 Jahre alt, aber er gibt sich in seiner zweiten Saison bereits so abgeklärt, als bewerbe er sich um einen Platz im Oberhaus. "Das vergangene Jahr war ein überwältigendes Erlebnis, damals habe ich einfach meinen Traum gelebt. Jetzt bin ich als Rennfahrer auf alles vorbereitet", sagt er und beteuert: "Ich fahre schon noch aggressiv." Aber ums Gewinnen alleine ginge es nun nicht mehr. "Es geht darum, immer so viele Punkte wie möglich mitzunehmen", sagt Hamilton.

Hamilton gibt sich siegessicher

Der unbedingte Siegeswille kostete ihn im vergangenen Jahr den Titel. In Shanghai ließ ihn sein Team zu lange auf abgefahrenen Reifen kreisen. Auf dem Weg zur Box rutschte Hamilton ins Aus. "Ein bisschen weniger wollen bringt manchmal mehr" - nicht nur Mercedes-Sportchef Norbert Haug hat das daraus gelernt. Dafür, dass Hamilton eine kommode Ausgangslage hat, hat sein Rennstall gesorgt. Als sich abzeichnete, dass Heikki Kovalainen schnell genug ist, um den Ferrari-Fahrern ein paar Punkte abzunehmen, aber nicht schnell genug, um Hamilton den Status als Nummer 1 abzujagen, verlängerte das Team den Vertrag mit dem Finnen.

Anders als bei Ferrari sind die Rollen damit klar verteilt. Die Roten befinden sich in einer Situation, die in der Schumacher-Ära undenkbar gewesen wäre. Sie können es sich nicht erlauben, alle Kräfte für einen Fahrer zu bündeln, weil noch zwei im Titelrennen sind. Räikkönen war zuletzt zwar von der Rolle, doch der Finne ist im Schlechten ebenso unberechenbar wie Massa im Guten, sodass sich das Kräfteverhältnis zwischen den zwei Fachkräften schnell wieder drehen kann. Den Druck, der sich inzwischen aufgebaut hat, nimmt Räikkönen hin, wie er so ziemlich alles in seinem Leben hinzunehmen scheint: teilnahmslos. "Die letzten Rennen sind sicher nicht so gelaufen, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber deswegen geht die Welt nicht unter", sagt er.

Keine Entschuldigung von Räikkönen nach Tankunfall

Dem Tankwart, dem er in Valencia einen Benzincontainer auf den Mittelfuß warf, hat er keine Entschuldigungs- blumen geschickt. "Das ist der Rennsport. Das passiert", findet Räikkönen. Eines ist klar: Weil er sich zu viele Gedanken macht, wird er den Titel sicher nicht verlieren. Ob die Nerven eine Rolle spielen können? "Ich bin mir gar nicht sicher, ob er überhaupt welche hat", sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug, der Räikkönen aus fünf gemeinsamen Jahren kennt.

Bei Felipe Massa ist die Frage geklärt. Der 27-Jährige ist seit Jahren einer der Verlässlichsten, wenn es darum geht, in entscheidenden Momenten zu patzen. Neun Rennen hat er bisher gewonnen, vier davon in diesem Jahr. Die Souveränität eines Champion strahlt er trotzdem noch nicht aus. Im Gegenteil. Es klingt eher bemüht, wenn er über die eigenen Stärken referiert. "Ich bin entschlossen, ich bin motiviert. Ich habe alles, was es zum Siegen braucht", sagt Massa, bevor er dann doch noch ein wenig kleinlaut nachschiebt: "Glaube ich."

In den nächsten Tagen könnte es in Spa-Francorchamps regnen. Massa hat in der Formel 1 noch kein Regenrennen gewonnen. "Aber in all den anderen Serien, in denen ich zuvor angetreten bin, ist mir das gelungen", sagt er und versichert: "Ich weiß schon, was ich im Regen machen muss." Wie zum Beweis drehte er am Freitag im ersten Training, als ein paar Tropfen vom Himmel fielen, gleich einmal die schnellste Runde. Die Zeit der Balz um den Titel hat begonnen.