Von René Hofmann

Sebastian Vettel siegt erstmals im Trockenen und festigt mit einer beeindruckenden Vorstellung in Silverstone seinen Status als schärfster Verfolger des WM-führenden Jenson Button.

Der Erfolg war so überlegen, dass Sebastian Vettel schon in der letzten Kurve die linke Hand vom Lenkrad nehmen und den vielen Fans an der Rennstrecke in Silverstone zuwinken konnten. Die Briten waren von dem, was sie sahen, nicht begeistert: Lokalmatador Jenson Button wurde lediglich Sechster. Für den Sieger gab es dennoch respektvollen Applaus: Pole-Position, Start-Ziel-Sieg vor Teamkollege Mark Webber und Brawn-GP-Pilot Rubens Barrichello, dazu noch die schnellste Runde und Bestzeiten in allen Sektoren - Vettels Auftritt war wirklich beeindruckend.

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Sebastian Vettel gelang in Silverstone ein Sieg, bei dem er zumeist einsam unterwegs und in allen Sektoren der Schnellste war. (© Foto: AP)

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"Das war alles andere als leicht. Ich wusste, dass ich einen großen Vorsprung hatte, aber ich musste immer geduldig bleiben. Die letzten zehn Runden habe ich einzeln heruntergezählt", sagte der Sieger: "Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind." Teamchef Christian Horner gab sich ebenfalls kämpferisch: "Es ist noch weit, um Jenson Button einzuholen, aber ich kann nur sagen: ,Achtung, wir kommen!'"

Starkes Qualifying, starkes Rennen

Den Grundstein für seinen ersten Erfolg auf einer trockenen Strecke hatte Vettel am Samstag in der Qualifikation gelegt, als ihm die Bestzeit geglückt war. Zum vierten Mal in seiner Formel-1-Zeit durfte er auf die Pole-Position, zum dritten Mal in dieser Saison und zum ersten Mal bei zwei aufeinanderfolgenden Rennen. "Das war meine beste Runde an diesem Wochenende", sagte Vettel zu dem Ergebnis. Das bemerkenswerte an der Leistung: Vettel bewegte im letzten Qualifikationsdurchgang das schwerste Auto, hatte also mehr Benzin an Bord als alle Konkurrenten.

Sein WM-Gegenspieler Jenson Button hingegen enttäuschte in dem Zeitfahren. Er wurde lediglich Sechster, sein schlechtestes Samstags-Ergebnis 2009. Vettels Teamkollege Mark Webber hätte sich ebenfalls die Chance geboten, den besten Startplatz zu ergattern. Doch der Australier wurde bei seinem letzten Versuch, eine schnelle Runde zu drehen, von Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen behindert. "Ich weiß nicht, ob Kimi sich da einen Wodka genehmigt hat, oder einfach nur geträumt hat", haderte Webber mit Startplatz drei hinter Brawn-Pilot Rubens Barrichello. "Das hat mich um die Siegchance gebracht", bilanzierte er nach dem Rennen.

Internes Duell mit Webber

Webber hat noch kein Rennen gewonnen, Vettel nun schon drei. Webber nennt Vettel "Seb". Nach viel Respekt klingt das nicht. Vettel ist 21, Webber 32. Der Routinier muss sich zunehmend sorgen, dass ihm der Newcomer den Rang abläuft. "Irgendwann muss sich Red Bull entscheiden, wen es zum Rivalen von Jenson Button macht", sagt der einstige Formel-1-Fahrer Martin Brundle. Positionskämpfe zwischen zwei Stallgefährten können wichtige Punkte kosten.

Der privilegierte Angestellte zu sein hat viele Vorteile: Die beste Strategie ist für ihn reserviert, wenn es neue Teile gibt, ist klar, wer sie als erster bekommt. Michael Schumacher hat in seiner Karriere von diesem Status oft profitiert. Dass sich bei Vettel die delikate Frage nun zunehmend stellt, ist ein Indiz dafür, als welch' außergewöhnliches Talent er gilt. Auch an anderen Entwicklungen ist das zu erkennen, beispielsweise an dem kleinen Nervenspiel, das Brawn-GP-Chef Ross Brawn am Abend vor dem Rennen in Silverstone anzettelte. Buttons Arbeitgeber erinnerte daran, wie mäßig sich Vettel bei den jüngsten Rennen von seinem Startplatz gelöst hatte und wertete das als Chance für seine Piloten. Brawn ist seit vielen Jahren in dem Geschäft. Er weiß, wie sich Druck erzeugen lässt - auch auf Rivalen.

Vettel rehabilitiert sich

Vettel zeigte sich davon unbeeindruckt. Als die Startampel erlosch, lenkte er seinen dunkelblauen Wagen blitzschnell dorthin, wo Barrichello vorbeischlüpfen wollte. So war der einzige geblockt, der ihm an diesem wolkigen Nachmittag hätte gefährlich werden können - und die Vettel-Parade konnte beginnen. Nach einer Runde war er bereits um mehr als 1,5 Sekunden voraus. Nach zwei Umläufen betrug der Vorsprung 2,5 Sekunden, nach dreien 3,3. In diesem Stil ging es weiter. Schnellste Runde, schnellste Runde, schnellste Runde, meldete der Zeitenmonitor für Vettel. Nach zehn Runden war er 10,8 Sekunden vor Barrichello, nach elf 12,9. Unbedrängt bog er zum ersten Boxenstopp ab. Danach funkte ihm das Team zu: "Übertreib' es bitte nicht!" Vettel hielt sich an die Anweisung. Trotzdem überrundete er nach der Hälfte der Distanz Titelverteidiger Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes. Es war eine eindrucksvolle Vorstellung, mit der sich Vettel für den Lapsus rehabilitierte, der ihn zwei Wochen zuvor in Istanbul die Siegchance gekostet hatte. Button, der damals triumphierte, war dieses Mal kein Gegner.

Der Brite haderte mit seinem Brawn GP. "Das Auto fühlt sich nicht so an wie beim letzten Mal", stöhnte er. In der Türkei hatte Button den GP001 noch als "Monster" bezeichnet. Dieses Mal gebärdete sich die weiß-lackierte Konstruktion eher wie ein Engel, was den Reifen nicht gefiel. Die kamen deshalb nämlich nicht so recht auf Temperatur. Vettel hatte bei 17 Grad den Vorteil, dass sein Red Bull weniger schonend mit den Pneus umgeht. Mehr Stress, mehr Haftung, bessere Zeiten - so einfach funktioniert Technik gelegentlich.

"Unser Auto ist eine Sensation"

Für den Rest der Saison kann Vettel daraus Hoffnung schöpfen. Brawn GP hat zwar für das nächste Rennen, den Großen Preis von Deutschland am 12. Juli auf dem Nürburgring, etliche Weiterentwicklungen angekündigt, doch Red Bull hat den Doppeldiffusor erst kürzlich für sich entdeckt und deshalb bietet das entscheidende Teil dem Team vermutlich die Chance für weit größere Entwicklungssprünge. Obwohl er in der Fahrer-Wertung nach acht von 17 Rennen 25 Punkte hinter Button liegt, kann sich Vettel deshalb noch Titelchancen ausrechnen. Adrian Newey, der den RB5 konstruiert hat, den Vettel bewegt, erklärte nach dem Großbritannien-Grand-Prix: "Unser Auto ist eine Sensation. Wir mussten nicht mal ans Limit gehen."

Peinliches aus dem Bereich Technik gibt es dagegen von BMW zu berichten. Das Team, das als einziges für die Einführung des Energierückgewinnungs-Systems Kers kämpfte, hat die Technik aufgegeben. "Wir haben die Entscheidung getroffen, dieses Jahr nicht mehr mit Kers zu fahren", kündigte Sportchef Mario Theissen in Silverstone an. Das Team wolle sich auf die Weiterentwicklung der Aerodynamik konzentrieren. Das ist auch nötig. Robert Kubica wurde am Sonntag Dreizehnter, Nick Heidfeld belegte Platz 15.

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(SZ vom 22.06.2009/jbe)