Von René Hofmann

Wegen Motorschadens büßt Michael Schumacher so gut wie alle Chancen auf den Titel gegen Suzuka-Sieger Fernando Alonso ein.

Am Ferrari-Kommandostand hängen 30 Bildschirme. An jedem Platz gibt es zwei Knopfleisten übereinander, sechs Schalter oben, sechs Schalter unten. Mit einem Fingerschnippen können Cheftechniker Ross Brawn und Teamchef Jean Todt so Funkkontakt zu Michael Schumacher und Felipe Massa aufnehmen, mit der Rennleitung sprechen oder die Boxenmannschaft alarmieren.

Fans in Kerpen

In Schumachers Heimatstadt Kerpen waren die Fans geschockt (© Foto: AP)

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Mit dem ersten Knopf links unten lassen sich alle Daten vom Motor in Michael Schumachers F248F1 auf die Bildschirme zaubern. Bis zur 37. Runde des Großen Preises von Japan waren die wunderbar. Michael Schumacher führte, sein WM-Rivale Fernando Alonso war 8,8 Sekunden zurück Zweiter, Felipe Massa Dritter. Es gab kein Anzeichen. Plötzlich aber stürzten alle Kurven jäh ab. Das Aus kam so plötzlich, dass Jean Todt vor Schreck einen Knopf an seiner Hose abriss, mit dem er beiläufig gespielt hatte.

Jubelschreie ins Funkgerät

Michael Schumachers 249. Formel-1- Rennen endete mit seinem 50. Ausfall. Es war sein erster Motorschaden im Rennen seit dem Großen Preis von Frankreich am 2. Juli 2000. "Plötzlich ging alles in Rauch auf", fasste Schumacher den entscheidenden Moment zusammen. Zügig lenkte er seinen qualmenden Ferrari unter der Brücke nach der zweiten Degner-Kurve nach links aufs Gras. Fernando Alonso kam heran. "Ich habe erst gar nicht realisiert, dass es Michael ist", schilderte er die Situation aus seiner Sicht: "Erst als wir auf gleicher Höhe waren, habe ich ihn erkannt." In dem Moment ballte Alonso vor Freude die Faust und stieß Jubelschreie ins Funkgerät. In den verbleibenden 16 Runden konnte er es gemächlich angehen lassen.

Im Ziel war er Felipe Massa, den im ersten Renndrittel ein Plattfuß gebremst hatte, 16 Sekunden voraus. Dritter wurde Giancarlo Fisichella im zweiten Renault, womit das Team am 22. Oktober in Sao Paulo mit einem Vorsprung von neun Zählern in der Konstrukteurswertung ins Saisonfinale geht. Im Fahrerklassement ist Alonso Schumacher um zehn Punkte voraus. Erreicht er mindestens als Achter das Ziel, ist er zum zweiten Mal Weltmeister. "Für mich ist die WM vorbei", sagte Michael Schumacher nüchtern, nachdem der erste Frust verraucht war: "Ich habe gleich realisiert, was passiert ist, und was das für Konsequenzen haben würde."

Einmal hat es in diesem Jahr ein Ergebnis gegeben, mit dem er in Brasilien doch noch Weltmeister werden würde: in Monza. Dort siegte Schumacher, Alonso fiel mit einem Motorschaden aus. "Darauf hoffe ich nicht", sagt Schumacher: "Ich möchte um den Titel kämpfen und nicht mit der Hoffnung zu einem Rennen fahren, dass ein anderer punktelos bleibt." Alonso sei ein guter Pilot. Er könne im letzten der 18. Saisonrennen nun "spazieren fahren. Wir werden jetzt noch mit aller Kraft um die Konstrukteurswertung kämpfen", sagt Schumacher. Nach seiner Rückkehr ins Fahrerlager marschierte er schnurstracks in die Box und klopfte den Mechanikern demonstrativ auf die Schultern. Von ihnen ging die Tour d'honneur weiter an den Kommandostand, wo er Ross Brawn und Jean Todt umarmte. Die große Ferrari-Familie steht zusammen - das Bild war ihm wichtig.

Die Aussicht, dass alles zu Ende geht

"Ich liebe alle in der Garage. Wir haben so viel zusammen gewonnen. Heute haben wir verloren. Für mich hat niemand Schuld daran. Es kamen einfach unglückliche Umstände zusammen", sagte Schumacher erstaunlich milde. Nicht Wut und Ärger umwölkten ihn. In zwei Wochen wird er seine Karriere beenden.

Die Aussicht, dass alles einmal zu Ende geht, schwang deutlich mit an diesem Nachmittag, an dem ein frischer Wind immer wieder tiefliegende dunkle Wolken über den hellblauen Himmel trieb. "Es gibt keinen Grund, enttäuscht zu sein. Ich sehe viel mehr, was wir in diesem Jahr erreicht haben: Wir haben eine WM, die schon entschieden schien, wieder zum Leben erweckt", sagte Schumacher.

Nach dem neunten Rennen in Kanada war Alonso ihm 25 Punkte voraus gewesen und Renault in der Teamwertung um 34 Zähler enteilt. "Im Leben gibt es Aufs und Abs. Das macht es so interessant", philosophierte der 37-Jährige: "Ein Leben, das ausschließlich aus Siegen besteht - das wäre ziemlich langweilig." Aus dem Mund eines siebenmaligen Weltmeisters, der als extrem ehrgeizig gilt und dem gerade die Chance entrissen wurde, seinen 92. Formel-1-Sieg zu feiern, klang das befremdlich. Sollte es Schumacher am Ende seiner langen Karriere tatsächlich auch noch glücken, sich mit Enttäuschungen zu arrangieren?

Mutig, clever, entschlossen

Fernando Alonso machte aus seiner Freude keinen Hehl. Als er über die Ziellinie donnerte, lenkte er seinen Renault ganz nah an seinen jubelnden Mechanikern an der Boxenmauer vorbei. "Das ist ein besonders süßer Sieg, weil wir wirklich nicht damit gerechnet hatten", sagte er. In der Qualifikation hatte er es lediglich auf Startplatz fünf geschafft. Die Bridgestone-bereiften Ferraris und Toyotas hatten die ersten beiden Startreihen okkupiert. Felipe Massa startete von der Pole-Position aus, Michael Schumacher als Zweiter, als Dritter ging sein Bruder Ralf ins Rennen, als Vierter dessen Teamkollege Jarno Trulli.

An den beiden musste sich Alonso erst vorbeikämpfen, bevor er die Jagd auf Schumacher aufnehmen konnte. Er tat es mutig, clever, entschlossen und siegte so auf die gleiche Weise wie Schumacher acht Tage zuvor in Schanghai: als bravouröser Außenseiter. "Jetzt sind wir in einer viel besseren Position. Es ist nicht leicht, mit dem Druck umzugehen, Michael und Ferrari unbedingt schlagen zu müssen", gab er zu. In Brasilien wird das anders sein. "Jetzt", sagt Alonso, "müssen wir nur noch ein paar Punkte holen. Wir werden nichts mehr riskieren."

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(SZ vom 9.10.2006)