Nach dem Erfolg im Regen von Shanghai gibt es keinen Zweifel mehr, dass Sebastian Vettel ein überragendes Talent in der Formel 1 ist.
Um Sebastian Vettels Sieg im Regen von China einordnen zu können, ist es nötig, ein wenig zurückzugehen in der deutschen Sportgeschichte. Als Boris Becker 1985 erstmals das Tennisturnier von Wimbledon gewann, war das eine schöne Überraschung. Ob er diesen Erfolg je würde wiederholen können, ließ sich damals jedoch nicht voraussagen.
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Jubel in Shanghai: Sebastian Vettel, 21, gewinnt sein zweites Formel-1-Rennen. (© Foto: Getty)
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Becker hatte gutes Tennis geboten, aber er hatte auch Glück; zudem traf er nicht auf die ganz großen Gegner wie John McEnroe, Ivan Lendl oder Jimmy Connors. Dass er zu einem Weltstar des Sports aufsteigen würde, war erst klar, als Becker das Turnier 1986 ein zweites Mal gewann und damit sein Talent bestätigte. Diesmal besiegte er den an Nummer eins gesetzten Ivan Lendl in drei Sätzen. "Wimbledon eins war meine persönliche Mondlandung, der Sieg 1986 war der wichtigste meiner Karriere", sagte Becker.
Als Vettel im vergangenen Jahr in Monza gewann, deutete sich an, dass er das Versprechen halten kann, das so viele in ihm sehen. Aber es war eben nur eine Andeutung; ob der erst 21 Jahre alte Pilot diesen Sieg würde wiederholen können, war überaus ungewiss. Der Sieg von Shanghai ist insofern der wichtigere, weil es nun keinen Zweifel mehr daran gibt, dass Vettel ein überragendes Talent in der Formel 1 ist. Er hat zudem gezeigt, dass er über Präzision, Ruhe und Nerven verfügt. Und über enormes Gefühl für sein Auto.
Jeder in der Formel 1 weiß: Im Regen zeigt sich, wer wirklich fahren kann. Michael Schumacher hat die Konkurrenz auf nasser Strecke regelmäßig düpiert, einfach, weil er lange der deutlich beste Fahrer war. Vettel hat jetzt auf einem teilweise überschwemmten Kurs gewonnen, der schon in trockenem Zustand als rutschig gilt. Es war eine fahrerische Meisterleistung, und er hat sie ohne die technischen Hilfsmittel (Doppeldiffusor, KERS) erbracht, auf die manche andere Teams zurückgreifen können.
Der Sieg von China ist für Vettel die vielleicht wichtigste Station auf dem Weg zu einer ganz großen Karriere in der Formel 1. Jeder in der Branche hat das Ausmaß des fahrerischen Potentials des Deutschen nun erkannt - und auch gesehen, wie mühelos Vettel den Sprung vom kleinen Toro-Rosso-Team in die große Red-Bull-Mannschaft geschafft hat. Der zweite Sieg ist der schwerste, heißt es. Der dritte kommt dann meistens von ganz allein.
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(SZ vom 20.04.2009)