Von Thomas Becker

Im Jahr eins nach "Schumi" müssen sich die Fans einen neuen Helden suchen. Wer ist nun eigentlich der beliebteste deutsche Fahrer? Ein Besuch bei den treuesten der Treuen auf den Campingplätzen am Nürburgring.

Wer rausfinden willen, wem die Motorsportfans jetzt die Daumen drücken, fängt dort an, wo es weh tut: auf den Campingplatz direkt unterhalb des Fahrerlagers. Hinter der Tribüne 4 drängt sich in einem Höllenlärm aus gefühlten siebentausend Boxen die Hardcore-Fraktion.

Ralf Schumacher

"Der Porno-Ralle mit seiner Hardcore-Cora hat das Maul ein bisschen zu voll genommen." (© Foto: AP)

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Auf einer Fläche von gut fünf Fußballfeldern stehen tausende Wohnwägen und Zelte, unzählige Fahnen wehen im aufkommenden Gewitterwind, vor allem Ferrari-Rot, aber auch Deutschlandfahnen, auch eine DDR-Flagge ist dabei.

Der "1.Internationale Michael & Ralf Schumacher Fanclub - Die Rottkäppchen" hat hier sein Bierzelt aufgeschlagen, sponsored by Veltins. Daneben: "Onkel Willis Tankstelle", ein Krombacher-Sonnenschirm samt Riesenplanschbecken und Mega-Lautsprechern. Die Belegschaft geht gerade auf große Fahrt: Eine Art fahrbaren Biertisch haben sie sich gebastelt, am Ende hängt das Wichtigste - ein Fass Bier. Der ganze Platz gleicht einer riesigen Open-Air-Disco. Jeder spielt alles: von Karel Gott bis Rammstein und alles andere dazwischen. Hauptsache mindestens 100 Dezibel laut. Krach-Spitzenreiter: die Holland-Ecke. Ein Gespräch ist schlichtweg nicht möglich. Schnell weg.

Ein paar Hundert Meter weiter bergab sieht es besser aus. Am Ortsrand von Welcherath, bei der Abbiegung Richtung Meuspath, sitzen ein paar Dutzend Formel 1-Fans vor ihren Wohnwägen, der Grill brutzelt, die Bierflaschen ploppen - ein Idyll mit vergleichsweise himmlischer Ruhe. Und redefreudigen Menschen. Hermann und Olaf, zwei Mittvierziger aus dem Münsterland, kommen seit sieben Jahren zum Nürburgring. BMW-Käppi auf dem Kopf: klar, Heidfeld-Fans. Aber auch erst seit diesem Jahr. "Wir waren natürlich auch Schumi-Fans, logisch", sagt Olaf, "aber der Nick war auch schon vorher gut. Der schwätzt so schön normal, ist eher ein ruhiger, stiller. Nicht so wie der Porno-Ralle mit seiner Hardcore-Cora. Der hat das Maul ein bisschen zu voll genommen, hat sich selber zu viel versaut. Der hat ganz andere Probleme als die Formel 1." Der Titel des unbeliebtesten deutschen Fahrers dürfte Ralf Schumacher nicht mehr zu nehmen zu sein. Egal, in welches Zelt man hineinfragt: überall kommt Ablehnung zurück: "Nää, den Mofafahrer brauchen wir nicht."

Dass die meisten Fans demjenigen zujubeln, der gerade den größten Erfolg hat, also Heidfeld, überrascht nicht. Aber auch für die anderen deutschen Fahrer finden sie reichlich gute Worte. "Der Rosberg, das wird auch noch ein Guter", meint Hermann, "steht noch ein bisschen zu viel unter den Fittichen vom Papa, aber das wird noch. Der ist ja damals schon mit dem Hamilton auf einer Höhe gewesen." Winkelhocks Einsatz wird unisono als Intermezzo eingestuft, dafür aber Adrian Sutil noch viel zugetraut: "Wenn der nächstes Jahr mal ein besseres Auto hat, ist der vorn dabei", meint der Redeführer einer Ferrari-Fan-Gruppe aus Raesfeld. Knatschrot sind ihre Trikots, Käppis und auch ihr Wohnwagen, sieben Sterne prangen auf der Beifahrertür: für die sieben Weltmeistertitel des Ferrari-Helden. Doch die Firmentreue bröckelt: "Wenn der Heidfeld oben fährt, hast du keine rote Kappe mehr an."

Seit Michael Schumacher nicht mehr dabei ist, fahren viele Fans entspannter zum Rennen. "Ich bin viel ruhiger jetzt", erzählt Olaf, "es gibt diese Feindbilder nicht mehr. Gut, den Alonso mögen wir immer noch nicht. Aber ansonsten..." Es sind nicht weniger Zuschauer als in den vergangenen Jahren, aber die Stimmung kommt vielen etwas gedämpfter vor. Oft fallen Begriffe wie "in ein Loch gefallen", "luftleerer Raum" - Schumacher fehlt den Fans gewaltig. "Als der heute in der Boxengasse ins Bild kam, ist die Stimmung sofort besser geworden", erzählt Olaf vom freien Training am Freitag. "Ich hoffe ja immer noch, dass der nächste Saison sagt: Ich kann meine Ranch nicht mehr sehen, ich kann keine Pferde mehr sehen, ich will wieder Rennen fahren." Und gerade als die Sonne ihre kitschigsten Spätstrahlen über die grüne Wiese schickt, sagt Hermann aus dem Campingstuhl heraus diesen Satz, der das Phänomen eines ganzen Jahrzehnts beschreibt: "Hätt's den Schumi nicht gegeben, wir wären doch alle überhaupt nicht hier."

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(sueddeutsche.de)