Football Adler, Falken und ein Patriot

Acht Teams kämpfen an diesem Wochenende in den vier Viertelfinals der NFL-Playoffs ums Weiterkommen, das Ziel Super Bowl LII (52) in Minneapolis am 4. Februar (Ortszeit) vor Augen. Immer im Mittelpunkt: die acht Quarterbacks. Die Spielmacher-Position gilt im American Football nach wie vor als wichtigste. Das Kuriose ist: In den vier Begegnungen am Wochenende trifft jeweils ein in K.-o.-Spielen erfahrener Quarterback auf einen Playoff-Novizen.

Von Maximilian Länge

Acht Teams kämpfen an diesem Wochenende in den vier Viertelfinals der NFL-Playoffs ums Weiterkommen, das Ziel Super Bowl LII (52) in Minneapolis am 4. Februar (Ortszeit) vor Augen. Immer im Mittelpunkt: die acht Quarterbacks.

Matt Ryan, 32, ist auf dem Papier der effizienteste Playoff-Quarterback der Liga, doch einen Super Bowl hat er bislang nicht gewonnen.

(Foto: Dale Zanine/USA TODAY Sports)

Matt Ryan (Atlanta Falcons, 9 Playoff-Spiele):

28:3. Dieser Spielstand wird die Fans der Atlanta Falcons noch in ein paar Jahrzehnten verfolgen. Mit 25 Punkten Vorsprung sah das Team um Quarterback Matt Ryan im Super Bowl LI (51) vor einem Jahr in Houston im dritten Viertel schon wie der sichere Sieger aus - und verlor am Ende trotzdem. Ein Jahr nach der großen Enttäuschung möchte Ryan nicht mehr über dieses Spiel sprechen, sondern es durch Taten vergessen machen. Er hat die Chance, die Falcons erneut ins große Finale zu bringen. Dass er die Voraussetzungen dafür erfüllt, hat er schon mehrfach bewiesen. Die Saison 2016 beendete er als MVP, als wertvollster Spieler der Liga, in den Playoffs gilt er als der effizienteste Spieler überhaupt. Was fehlt, ist der Titel.

In der National Football Conference, einer von zwei Ligengruppen, die sich zur NFL zusammenschließen, hat von sechs Playoff-Teams aus dem Vorjahr nur eins die erneute Qualifikation geschafft: die Falcons. Vergangene Saison galten sie noch als Topfavorit, diesmal erzielten sie deutlich schwächere Ergebnisse und zitterten bis zum letzten Spieltag der regulären Saison um die Qualifikation für die Playoffs.

Am Samstagabend kehrt Ryan mit Atlanta zurück in seine Heimat Pennsylvania. Vielleicht findet er dort zu der Perfektion zurück, mit der er sein Team 2016/17 in den Super Bowl führte. Denn sowohl für Ryan als auch für die Fans der Falcons gilt: Richtig verarbeiten lässt sich die Pleite aus dem Vorjahr wohl erst mit dem Titel.

Bis Mitte Dezember war Nick Foles nur Ersatz-Quarterback der Eagles. Dann verletzte sich Stamm-Spielmacher Carson Wentz und hinterließ Foles die große Aufgabe, den Super-Bowl-Titel nach Philadelphia zu holen.

(Foto: Eric Hartline/USA TODAY Sports)

Nick Foles (Philadelphia Eagles, 1 Playoff-Spiel):

Bis zum 14. Spieltag der aktuellen Saison hatte Nick Foles ein relativ entspanntes Sportlerleben, vergleichbar mit dem von Sven Ulreich, als Manuel Neuer noch im Tor des FC Bayern stand. Als Ersatz-Quarterback der Philadelphia Eagles sah er Woche für Woche Spielmacher Carson Wentz zu, wie dieser die Eagles von Sieg zu Sieg führte und gleichzeitig seine Bewerbungen um den MVP-Titel abgab. Dann verletzte sich Wentz schwer am Knie, die große Euphorie in Philadelphia erlitt einen Dämpfer.

Das Team, das mit Wentz noch als großer Favorit auf den Titel galt, wurde ohne Wentz plötzlich mit den Cleveland Browns verglichen. Zur Einordnung: Die Browns haben zwischen 2015 und 2017 insgesamt vier Spiele gewonnen und 44 verloren. Die Realität ist: Die Eagles sicherten sich zwar als Topteam die Playoff-Qualifikation, dürften aber in der K.-o.-Runde ohne Wentz kaum noch als bestes Team gelten.

Bei allen Zweifeln: Foles hat das Potenzial, der Sven Ulreich der Eagles zu werden. Das bewies er zum Beispiel 2013, als er 27 Touchdowns und nur zwei Interceptions warf und daraufhin ins Allstar-Spiel gewählt wurde. Gegen die Oakland Raiders schaffte er als jüngster Spieler aller Zeiten sieben Touchdowns in einem Spiel und stellte damit den Rekord ein. Dass seine Resultate als Quarterback ansonsten aber oft durchwachsen waren, zeigten die Jahre 2014 bis 2016, in denen er konstant zwischen Ersatzmann und Stammspieler schwankte, bevor er Anfang der Saison als Backup nach Philadelphia zurückkehrte, wo seine Profikarriere einst begann.

Mit einem sechsten Titel könnte Tom Brady von den New England Patriots zum ersten Spieler überhaupt werden, der sechs Super Bowls gewonnen hat.

(Foto: Keith Srakocic/AP)

Tom Brady (New England Patriots, 34 Playoff-Spiele):

Dass Tom Brady inzwischen alle fünf Finger seiner linken Hand benötigt, um die Ringe anzustecken, die er bei sieben Super-Bowl-Teilnahmen gewonnen hat, sagt einiges über ihn aus. Kein Spieler hat mehr Titel geholt - vielleicht ist Brady bald der erste Spieler, der zwei Hände für seine Ringe benötigt. Kein Spieler hat so viele Playoff-Spiele gewonnen. Und kein Spieler spielt auch mit 40 Jahren noch so konstant gut, dass sein Team nun zum neunten Mal in Serie und zum 15. Mal in diesem Jahrhundert an den Playoffs teilnimmt. Das Geheimnis des Erfolgs im hohen Alter liegt, wenn es nach Brady geht, bei seinem Fitness-Guru Alex Guerrero, der Anfang Januar Teil einer kontrovers diskutierten Enthüllungsgeschichte beim US-Sportberichterstatter ESPN wurde.

Der Artikel beschreibt einen eigenwilligen Superstar, der nur wenige Berater an sich heranlässt, der von Zugängen im Team mit "Sir" angesprochen wird, der Mitspielern die Dienste Guerreros nahelegt, obwohl die New England Patriots wie jedes NFL-Team eine riesige medizinische Abteilung haben, der als sichtlich erleichtert beschrieben wird, als sein prädestinierter Nachfolger Jimmy Garoppolo das Team wechselt. Wie viel davon der Wahrheit entspricht - oftmals bleiben Quellen des Autors ungenannt - ist schwer zu beurteilen. Cheftrainer Bill Belichick hätte Garoppolo gerne im Team behalten, denn irgendwann kann auch Brady sich nicht mehr gegen das Alter wehren.

Belichick steht wie kein Zweiter für eine Philosophie, die den Erfolg über große Namen stellt. Damit waren die Patriots in der auf sportliche Machtwechsel ausgelegten NFL über fast zwei Jahrzehnte hinweg erfolgreich. Brady ist vielleicht der erste Spieler, an dem Belichick seine Philosophie nicht durchsetzen kann. Doch solange New England auch mit einem 40-jährigen Quarterback noch Playoff-Spiele gewinnt, ist das wohl auch nicht nötig.

Marcus Mariota und die Tennessee Titans sind in der Nacht von Samstag auf Sonntag gegen den Titelverteidiger, die New England Patriots, klarer Außenseiter.

(Foto: Jay Biggerstaff/USA TODAY Sports)

Marcus Mariota (Tennessee Titans, 1 Playoff-Spiel)

Vor ein paar Wochen an einem Mittwoch stand Marcus Mariota, 24, wie nach dem Training so üblich, den Medienvertretern gegenüber. Doch statt deren erste Frage abzuwarten, entschuldigte er sich bei den Journalisten, bevor überhaupt einer den Mund aufmachen konnte. "Es tut mir leid, wie ich mich bei der Pressekonferenz nach dem Spiel am Sonntag verhalten habe, das war unhöflich", sagte er. Irritierte Blicke unter den Fragestellern. Einer meldete sich zu Wort: Er spreche für alle, wenn er sage, dass niemand sein Verhalten für unangemessen gehalten habe.

Und tatsächlich war es das auch nicht: Direkt nach der Niederlage gegen die Arizona Cardinals, bei der er selbst kein gutes Spiel machte, wirkte Mariota zwar angefressen und kurz angebunden, beantwortete aber dennoch jede Frage. Von seiner Mutter habe er sich anschließend aber etwas anhören müssen, deshalb die Entschuldigung, erklärte der Hawaiianer mit ernster Miene.

Das ist Marcus Mariota. Er ist einer der stilleren Anführer in der NFL und auch ansonsten das komplette Gegenteil von Tom Brady. Am frühen Sonntagmorgen treffen zwei Generationen aufeinander. Noch nie war der Altersunterschied zwischen zwei Quarterbacks in den Playoffs so groß. Dort, wo Brady am Spielfeldrand seinen Trainer anschnauzt, obwohl er selbst es war, der einen Fehler gemacht hat, entschuldigt sich Mariota bei seinen Mitspielern. Dort, wo Brady Gegenspielern aus dem Weg geht, obwohl er für seine Mitspieler den Weg freiblocken könnte, wirft sich Mariota mit voller Wucht in seinen Gegenüber.

Dass Mariota nur dann zum Egoisten wird, wenn es der Zufall so will, bewies die erste Runde der Playoffs am vergangenen Wochenende: Auf der Flucht vor heranrasenden Gegenspielern setzte er zum Wurf an, der Ball prallte einem Verteidiger an die Hände und von dort zurück zu Mariota. Er fing ihn und trug ihn zum Touchdown in die Endzone. Mariota wurde als Empfänger des Touchdown-Passes in der Statistik vermerkt - und als Werfer.

Big Bens letzter Titelgewinn mit den Steelers liegt neun Jahre zurück. Es war zuletzt ruhiger geworden um den Spielmacher - privat wie sportlich.

(Foto: Erik Williams/USA TODAY Sports)

Ben Roethlisberger (Pittsburg Steelers, 20 Playoff-Spiele):

Schon vor Jahren hat sich die Football-Welt dazu entschieden, den schwer aussprechbaren Nachnamen von Ben Roethlisberger, 35, einfach zu streichen und ein "Big" vor seinen Vornamen zu setzen, wenn es in Gesprächen um den 1,96 Meter großen und 108 Kilogramm schweren Spielmacher der Pittsburgh Steelers geht. "Big Ben" ist nicht nur groß, er hat auch schon Großes geleistet für sein Team. Zweimal führte er die Steelers zum Titelgewinn. Doch mindestens genauso groß sind die Zweifel, die in Bezug auf seine Person existieren.

Roethlisberger war von Beginn seiner Karriere an alles zugefallen, auf Anhieb wurde er auch bei den Profis zum Star. Sonntags glänzte er auf den Spielfeldern der NFL und hatte schon mit 25 Jahren zwei Super Bowls gewonnen, an den übrigen Tagen fiel er durch Arroganz, mangelnde Arbeitsmoral und die Vorwürfe sexueller Gewalt auf. Zweimal soll er zwischen 2008 und 2009 Frauen vergewaltigt haben. Verurteilt wurde er nie.

Sowohl privat als auch sportlich hat "Big Ben" einen Wandel durchgemacht, gibt sich geläutert. 2011 heiratete er eine religiöse Arzthelferin, wurde Vater dreier Kinder. Er erfüllt jetzt die Wünsche kranker Kinder und wirbt für die Arbeit der lokalen Polizei und Feuerwehr. Auf dem Spielfeld stehlen ihm inzwischen zwei Spieler regelmäßig die Show. Antonio Brown, der derzeit so viele Bälle für so viel Raumgewinn fängt wie kein anderer, und Le'Veon Bell, der seit Jahren zu den beständigsten Läufern der NFL zählt.

Kämen die Teams in die Playoffs, die die besten Quarterbacks haben, wären die Jacksonville Jaguars mit Blake Bortles nicht vertreten.

(Foto: Kim Klement/USA TODAY Sports)

Blake Bortles (Jacksonville Jaguars, 1 Playoff-Spiel):

Es gibt im American Football Statistiken, in denen kein Quarterback gerne weit vorne dabei ist. Bei der Anzahl der Interceptions ist das zum Beispiel der Fall, also der Pässe, die in den Armen der Gegenspieler landen und zum Ballverlust führen. Eine weitere Statistik ist die, in der es um den sogenannten Pick Six geht: Der Gegner fängt einen Pass des Spielmachers ab, trägt den Ball ohne Spielunterbrechung direkt in die Endzone und bekommt dafür sechs Punkte. Vier in der laufenden Saison in den Playoffs aktive Quarterbacks liegen in diesem Ranking vor Blake Bortles, doch keiner von ihnen war über mehrere Jahre hinweg so effizient wie der Spielmacher der Jacksonville Jaguars. Zwölfmal warf er zwischen 2014 und 2017 einen Pick Six.

Sein Trainer Doug Marrone hat sich deshalb etwas ausgedacht für seinen 25 Jahre alten Durchschnitts-Quarterback - und bislang geht der Plan auf. Die Jaguars laufen so viel und so erfolgreich wie kein anderes Team in der NFL. Je weniger Bortles werfen muss, desto weniger Fehler kann er machen. Je mehr er das Spiel verwaltet, indem er den Ball an den starken Läufer Leonard Fournette abgibt oder selbst vor den Gegnern die Flucht ergreift, desto mehr Erfolg hat die Mannschaft. Das alleine aber macht aber noch kein Playoff-Team aus. Bortles und Jacksonville können auf eine sensationelle Verteidigung zählen, die es in 16 Spielen der regulären Saison auf 21 Interceptions brachte, übertroffen nur von den Baltimore Ravens (22). Blake Bortles wird auch daran seinen Anteil gehabt haben - schließlich ist er es, gegen den die Jaguars-Defense im Training geübt hat.

Auch mit fast 39 Jahren ist Drew Brees noch der Dreh- und Angelpunkt der New Orleans Saints. Doch er hat dieses Jahr Unterstützung bekommen.

(Foto: Butch Dill/dpa)

Drew Brees (New Orleans Saints, 12 Playoff-Spiele):

Dass er zu klein sei, um in der NFL erfolgreich zu sein, hörte der 1,83 Meter große Drew Brees zu Beginn seiner Karriere andauernd. Heute, siebzehn Jahre nach seinem Profidebüt, ist der 38 Jahre alte Spielmacher der New Orleans Saints Vorbild vieler der kleineren Quarterbacks in der NFL, zu denen auch sein Gegenüber am Wochenende, Case Keenum (1,80 Meter), gehört. Es ist eine der klassischen US-Sport-Geschichten von harter Arbeit, dem Glauben an sich selbst und überwundenen Hindernissen, die Brees geschrieben hat. Normalerweise, so sehen es zumindest die Scouts, reichen grob eins-achtzig nicht, um über die fünf oft zwei Meter großen Spieler der Angriffslinie und die Verteidiger hinweg Pässe beim Mitspieler anzubringen. Dass das doch geht, dafür ist Brees der Beweis. Wo ihm vermeintlich die Größe fehlt, überzeugt er mit Präzision.

Für Statistik-Liebhaber: Zwölf Spielzeiten in Serie hat er Pässe für mehr als 4000 Yards Raumgewinn geworfen, fünfmal sogar mehr als 5000 Yards. In 54 Spielen in Serie hat er zumindest einen Touchdown-Pass geworfen, der nächstbeste Spieler ist mit 47 der 2002 verstorbene Johnny Unitas, dessen Rekord 52 Jahre bestand hatte.

Wer diese Zahlen kennt, erwartet die Saints als passstarke Offensive. Was das Team 2017/18 aber so stark macht, ist die Balance zwischen Pass- und Laufspiel. Oder: das zweiköpfige Monster: In Alvin Kamara und Mark Ingram haben die Saints zwei der besten und am vielseitigsten einsetzbaren Läufer der Liga. Die wiederum schaffen auf dem Spielfeld Räume für neue Brees-Rekorde im Spätherbst seiner Karriere.

Niemand hätte gedacht, dass der Ersatzmann des Ersatzmannes die Vikings in die Playoffs führen würde. Case Keenum tat es trotzdem.

(Foto: Jeff Hanisch/USA TODAY Sports)

Case Keenum (Minnesota Vikings, 0 Playoff-Spiele):

Vor etwa einem Jahr zu diesem Zeitpunkt der Saison hatte Case Keenum schon Urlaub - und eine weitere Spielzeit irgendwo zwischen Ersatzbank und Rasen hinter sich gebracht. Ihre erste Saison in Los Angeles hatten die Rams mit Keenum als Stammspieler begonnen und ohne ihn als Stammspieler beendet. Der 29-Jährige ist das beste Beispiel dafür, dass sensationelle College-Karrieren nicht immer in ähnlich erfolgreiche Profikarrieren münden. Beim NFL Draft 2012, der Talentbörse der Profiliga, interessierte sich kaum ein Team für den Neuling, zum dauerhaften Stammspieler wurde er anschließend nie, sondern zum Wandervogel, der Jahr für Jahr bei einem neuen Team unterkam.

Damit hatte sich Keenum Anfang 2017 wohl abgefunden, als er bei den Minnesota Vikings einen Vertrag als Ersatz-Quarterback unterschrieb. Die Situation dort wird er sich aber vorher dennoch genau angesehen und dabei gemerkt haben, dass die Vikings auf der Quarterback-Position zuletzt große Probleme hatten. Im August 2016 verletzte sich Terry Bridgewater schwer am Knie, Minnesota reagierte und verpflichtete als neuen Spielmacher Sam Bradford. Doch auch der war in den vergangenen Jahren immer wieder von Verletzungen geplagt. Und so kam es, dass am zweiten Spieltag der laufenden Saison plötzlich Keenum der Quarterback des Teams war. Überraschend führte er die Vikings nach einem Auftaktsieg unter Bradford zu zwölf weiteren Siegen bei nur drei Niederlagen und damit in die Playoffs.

Dort hat das Team nun die Chance, den Super-Bowl-Fluch zu besiegen. Noch nie hat ein Team das Endspiel erreicht, das am Austragungsort des Finales auch regulär seine Heimspiele austrägt. Ein Sieg in Keenums erster Playoff-Partie überhaupt wäre am Sonntag der erste Schritt.