Der Bremer Torhüter Tim Wiese hat sich in die Startaufstellung der Nationalmannschaft gekämpft, fürchtet anders als seine großen Vorgänger aber das Publikum.
Das Schöne an Kindern ist, dass sie noch Träume haben, und die schönsten Träume haben mit Sicherheit Fußball spielende Kinder. Wenn die Kinder anders sind als ihre Spielkameraden, dann träumen sie davon, wie sie als Toni Schumacher (ganz früher) oder Oliver Kahn (früher) oder Manuel Neuer (heute) einen Schuss von Michel Platini oder Zinedine Zidane oder Lionel Messi aus dem Winkel fischen. Dann stehen sie da auf dem ackergleichen Rasen mit den Torwarthandschuhen des großen Bruders, der die verschwitzten Dinger bestenfalls von Tomislav Piplica in der Cottbus-Kurve zugeworfen bekam. Und meist steht der Nachbarsjunge im Kasten, weil er größere Hände und Füße hat, und überhaupt größer ist und sich als harter Kerl zwischen Torlatte und Grasnarbe eines erkämpfte: Anerkennung.
Bild vergrößern
Zum Heulen! Bremens Torhüter Tim Wiese. (© Foto: AP)
Anzeige
Vielleicht stand auch der Bremer Torhüter Tim Wiese früher mal auf einem solchen Acker, in Dürscheid östlich von Köln zum Beispiel. Den Acker in Dürscheid hat Wiese längst verlassen, er ist hineingewachsen in die Handschuhe - und inzwischen weit besser als Piplica. Über Jahre hinweg hat er in der Torwartausbildung von Gerry Ehrmann drei elementare Merkmale von Torhütern herausgebildet: einen gewaltigen Körper, die branchenübliche Extravaganz und vor allem eine große Klappe.
Das hat ihn weit gebracht: Tim Wiese, 27 Jahre alt, Vater einer kleinen Tochter, 173 Bundesligaspiele, eine Anzeige wegen Körperverletzung (Attacke gegen Ivica Olic) und Besitzer der blankesten Brust des Weltfußballs, könnte am 5. September gegen Südafrika zum ersten Mal von Beginn an für die Nationalelf zwischen den Pfosten stehen. Und plötzlich war der große Wiese, der doch als Wiedergänger des Torwart-Titans gilt, ganz kleinlaut. Seine Bedenken: Die Fans des Torwart-Konkurrenten René Adler könnten ihn im Leverkusener Stadion auspfeifen. Wörtlich sagte er: "Die nächsten Länderspiele sind in Leverkusen und Hannover. Wenn ich da spiele, werde ich 90 Minuten ausgepfiffen. Das will ich mir nicht antun, darüber werde ich mit Jogi Löw sprechen", und begründete seinen angedachten Verzicht damit, dass er Rücksicht auf das eigene Team nehmen wolle: "Weil es nicht gut ist, wenn man als Deutscher von deutschen Fans ausgepfiffen wird. Darunter leidet auch die Mannschaft."
Auch für andere Sportler war das Publikum ein Albtraum; manchmal flossen sogar Tränen. Da wäre etwa der Brasilianer Emerson, den seinerzeit die Missgunst der Anhänger von Real Madrid dazu trieb, nur noch in Auswärtsspielen aufzulaufen. Oder der Profi-Boxer Oliver McCall, der 1997 seinen WBC-Titelkampf gegen Lennox Lewis verlor, weil er in der fünften Runde einen Nervenzusammenbruch erlitt, anfing zu weinen und sich fortan einfach nicht mehr wehrte. Und da war natürlich auch Andy Möller, Spitzname "Heintje", der selbst in Momenten des Glücks ziemlich weinerlich wirkte. Warum weiß er wahrscheinlich selbst nicht mehr so genau. Aber im Gegensatz zum stählernen, coolen Wiese passte das irgendwie zum sensiblen Möller.
Mittlerweile stehen Kinder wegen Wiese auf ackergleichen Rasen. Sie schmeißen sich mit der gleichen Gelfrisur in den Winkel, ja, vielleicht quetschen sich manche sogar in viel zu enge rosafarbene Jerseys und rasieren sich die Brust, nachdem sie genüsslich an Ganzkörperspiegeln vorbei flaniert sind. Nur erinnert Vorbild Wiese manchmal nicht an Schumacher oder Kahn, die aus den Feindseligkeiten der gegnerischen Fans anscheinend ihre Kraft bezogen. Wiese erinnert an einen Jungen, der in den immer noch zu großen Handschuhen seiner Idole am Rande des Ackers händeringend eines sucht: Anerkennung.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Flügelflitzer RSS
- FC Bayern: Luca Toni Rückkehr als Nummer vier 18.08.2009
- Fußball: VfB Stuttgart Mit einer Hand am Geldspeicher 18.08.2009
- Werder Bremen: Pizarro kommt Der bewährte Wunschstürmer 18.08.2009
- Der Flügelflitzer: DFB-Streit "Gras müsst ihr fressen!" 10.02.2010
- Flügelflitzer: Der Nutella-Fluch Die abgefrühstückten Fußballer 20.01.2010
- Der Flügelflitzer: Weihnachtsgrüße "Sehr geehrter Herr Kahn ..." 23.12.2009
- Der Flügelflitzer: Maskottchen Druck für Urmel 09.12.2009
(sueddeutsche.de/dop)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Schwacher Artikel.
Jogi hat eine Wackelabwehr, da wird er automatisch einen relativ erfahrenen Keeper, d.h. Wiese oder Enke, wählen. Außerdem spielen die ja im Verein auch ohne Abwehr, die sind nacktes chaos vor ihnen gewohnt.
Manuel Neuer wird die deutsche Nummer 1 im Rahmen der allgemeinen Wachablösung ab Herbst 2010, auch wenn er dann für ManU spielt.
Casillas?
Never, auf der Linie ist Casillas extrem stark, aber in der Strafraumbeherrschung hat der auch seine Schwächen und ich sehe ihn nicht wirklich vorne.
Diese Bewertung kann nur am Meisterbonus liegen, den ja schon Barthez bekam.
Wer in Deutschland in der Nationalmannschaft im Tor steht ist Weltklasse. Es gibt kein Land mit in der Breite so guten Torhütern wie Deutschland und auch, wenn sich im Moment andere um DEN ersten Platz streiten, kommen die deutschen nicht weit dahinter.
Okay, kann man drüber streiten. Ich sehe alle 4 in der Weltklasse. Wiese hat seine Strafraumbeherrschung verbessert, Enke ist ein kompletter Torwart ohne einen richtigen Mangel, Adler und Neuer sind für ihr Alter schon extrem weit und dazu noch verbesserungsfähig. Es gibt nicht viele auf der Welt, hinter denen sich das Quartett verstecken muss. Buffon und Casillas sind sicher noch einen Tick davor, danach wird's aber auch schon eng.
Also, meiner Meinung nach widerspricht sich da überhaupt nicht. Es sind halt verschiedene Apekte im Torwartbereich. Nein, und ich kann auch nicht beurteilen ob Buffon jetzt d e r Weltklasse Spieler ist, eines mag ich mit Sicherheit sagen, in meinen Augen ist er besser als die deutschen Torhüter, die ich halt nicht in der Weltklasse sehe. Da fehlt jedem deutschen Kandidaten noch ein kleines Stück. Jeder hat eben seine Stärken.
Paging