Von Thomas Becker

In der Halle: Hölle. Davor: kontrollierte Offensive. Bei der Handball-WM feiern die Zuschauer nicht sich selbst, sondern vor allem die Sportler.

Ein bisschen verschämt trägt die junge Frau ihr Deutschland-Fähnchen. Zusammengerollt, an den Unterarm geklemmt, fast so als wäre es ihr peinlich, nach dem Deutschland-Spiel mit schwarzrotgold ins "Wohnzimmer", einen dieser kuscheligen Prenzlauer-Berg-Klubs, zu marschieren.

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Es ist eine vergleichweise stille Begeisterung, die diese Handball-WM bislang begleitet. In den fast überall ausverkauften Hallen: fachkundiges Publikum, prima Stimmung, auch bei Partien ohne deutsche Beteiligung. Vor dem Spiel und nach dem Spiel: kontrollierte Offensive. Keine Spur von National-Hysterie, kein Verlangen nach Fanmeilen und "Wir-feiern-uns-selbst" - den Menschen geht es ganz offensichtlich vor allem um den Sport. Das tut gut.

Nach den eher lockeren Auftaktspielen gegen Argentinien und Brasilien wird dieser sportliche Aspekt nun auch wichtiger. Mit der Partie heute abend gegen Polen beginnt der ernste Part der WM. Dabei geht es weniger um den Gruppensieg als um die Punkte, die in die nächste Runde mitgenommen werden.

Vor allem aber wird Heiner Brand gegen 19 Uhr wissen, wo sein Team wirklich steht. Denn auch bei den ersten beiden Siegen hat er noch jede Menge Verbesserungspotenzial ausgemacht. Angefangen beim Keeper Fritz, den der Kollege Bitter in Halbzeit zwei gegen Argentinien locker in den Schatten stellte. Weiter beim beileibe noch nicht eingespielten Mittelblock, wo Roggisch und Preiß schon gegen die mäßig variablen Südamerikaner bedenklich oft ins Rudern kamen. Dass der Kieler Zeitz nicht nur im Angriff, sondern auch in der Defensive ein launischer Zeitgenosse, daran wird auch Brand so schnell nichts ändern können. Vorne sind die Halbspieler Hens und Glandorf noch nicht wirklich drin in der WM. Nur gut, dass Routinier Schwarzer am Kreis für den maladen Kilomvets einspringt. Ein Charakter wie er ist in dieser Phase extrem wichtig für das Team.

Gegen Polen also. Da war doch was...Neuvilles Treffer in der letzten Spielminute war damals der Auslöser für eine noch nie dagewesene Nationalbegeisterung. Neuville spielt zwar nicht mit heute abend, aber sollte der deutschen Mannschaft gegen die starken Polen ein weiterer Sieg gelingen, könnte die WM noch ein wenig mehr Fahrt aufnehmen. Nicht nur im Wohnzimmer.

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