Von Jürgen Schmieder

Matthias Sammer und Joachim Löw haben per Dekret verboten, dass beim DFB mit einer Dreierkette gespielt wird. Welchen Erfolg eine derart starre Festlegung auf ein System hat, zeigt das Beispiel Holland.

Nun hat man ja lange nichts mehr gehört von Matthias Sammer, dem Sportdirektor des DFB. So lange, dass man schon denken konnte, Oliver Bierhoff habe ihn in den Keller der DFB-Zentrale eingesperrt. Oder ihn mit mit einem überdimensionalen Bitburger-Glas verprügelt.

Ein totalitäres System

Seht her, was ich mir ausgedacht habe: Matthias Sammer ist voll vom 4-4-2 überzeugt. (© Foto: dpa)

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Nein, es besteht kein Grund zur Sorge. Sammer lebt - und hat die Zeit seiner medialen Abwesenheit dazu genutzt, etwas ganz Pfiffiges auszutüfteln. Das hat er Bild am Sonntag jetzt verraten. Alle deutschen Auswahlmannschaften sollen künftig das 4-4-2-System praktizieren. Lediglich von U 15 bis U 17 darf hin und wieder ein 4-3-3 probiert werden. Die Dreierkette in der Abwehr? Streng verboten! Und diesmal gibt es keinen Konflikt mit dem Bundestrainer: Joachim Löw steht voll dahinter.

Nun wird also beim DFB die taktische Diktatur eingeführt. Früher glaubte man ja, dass ein Trainer sein System nach den Spielern ausrichten sollte, die ihm zur Verfügung stehen. Oder nach dem Gegner. Oder nach den Platzverhältnissen. Oder danach, dass ein Trainer einen genialen Einfall hat und seinen Konkurenten übertölpeln möchte. Alles vorbei, taktische Experimente sind von vor-vor-vor-gestern. Einer wie Sammer, der ist modern und bestimmt die Taktik per Dekret.

Kein Platz für Makaay

"Jeder Spieler beim DFB soll wissen, was von seiner Position verlangt wird", sagt Sammer zu dem Beschluss. Das hört sich zuerst einmal vernünftig an, hat der deutsche Fußball in den 90er Jahren doch die Einführung der Viererkette verschlafen, weil Jugendtrainer immer noch mit Libero spielen ließen. Aber die Vorgabe eines kompletten Systems? Bis zur EM 2008?

Wie erfolgreich ein starres System sein kann, führt die holländische Nationalmannschaft vor. Dort wird schon so lange ein 4-3-3-System praktiziert, dass sich Fußballhistoriker langsam fragen, was denn zuerst da war: der Fußball oder das holländische System.

Dieses 4-3-3 hat zur Folge, dass manche Kicker nicht in der Nationalelf auflaufen dürfen. Klar wäre Makaay ein Weltklassestürmer, aber Holland spielt eben nur mit einem zentralen Angreifer - und das war bis zur WM 2006 van Nistelrooy, nun ist es Dirk Kuijt. Da ist einfach kein Platz für Makaay, und wenn er noch so gut ist. Zwei Stürmer gibt's eben nicht in Holland.

Der atemberaubende Erfolg bei großen Turnieren gibt den Holländern Recht. Ein Titel bei 15 Teilnahmen - und das, obwohl die Mannschaft fast immer als Favorit anreiste. Für die WM 2002 konnte sich die Mannschaft erst gar nicht qualifizieren.

Man kann durchaus den Vorschlag machen, ein Spielsystem zu bevorzugen und es primär verwenden. Das macht Sinn, wenn junge Spieler auf zukünftige Aufgaben vorbereitet werden sollen. Aber das generelle Verbot per definitionem erinnert weniger an einen taktischen Geniestreich als vielmehr an totalitäres Denken. Vielleicht sollte sich Oliver Bierhoff die Sache mit dem Keller noch einmal überlegen.

(sueddeutsche.de)

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