Flüchtlinge im Fußball Anpfiff in der neuen Heimat

Flüchtlinge auf deutschen Trainingsplätzen, hier in Kronau.

(Foto: imago/Gustavo Alabiso)

Vom Kreisligaverein bis zum Bundesligisten: Viele Klubs in Bayern engagieren sich für Flüchtlinge. Oft geht es nur darum, den Menschen etwas Ablenkung zu bieten.

Von Christopher Gerards

Marcus Steer will gerade erzählen, wie das alles kam mit dem FC Wacker München und den Flüchtlingen, da hört er in der Einfahrt des Sportplatzes lauter werdende Stimmen. Der 42-Jährige entschuldigt sich, er muss jetzt kurz raus aus dem Vereinsheim in München-Sendling, einige Spieler begrüßen. Jugendliche, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Immer dienstags kommen sie zum Fußballtraining des FC Wacker. Steer, der Klub-Vorstand, stellt sich an die Tür des Vereinsheims und hebt die rechte Hand. Der erste Spieler klatscht ab, der zweite, der dritte. Steer sieht zufrieden aus.

In dieser Woche beginnen wieder die europäischen Wettbewerbe im Profifußball, die Sterne der Flagge der europäischen Union finden sich in den Werbebannern wieder. Angesichts der aberwitzigen Ablösesummen hatte der Profifußball in diesem Sommer den Eindruck hinterlassen, dass es den Klubs vor allem ums Geld geht. Allerdings zeigt der Fußball in diesem Spätsommer auch dies: dass er die Menschen verbinden kann, im Großen wie im Kleinen. Bundesligisten laden Flüchtlinge zu ihren Spielen ein, Fans bekunden auf Plakaten ihre Unterstützung, und Amateurmannschaften nehmen Flüchtlinge in ihre Kader auf. Wie der FC Wacker München.

"Spiel ab", "links raus", "forward"

Steer steht jetzt an einem der drei Trainingsplätze, ein Vereinsvorsitzender in Jeans und Skater-Schuhen. Über den Rasen laufen Spieler in Trikots ihrer Lieblingsmannschaften, Real Madrid, Brasilien, Eintracht Frankfurt. "Spiel ab", "links raus", "forward", schallt es über das Feld. Seit 2008 ist der 42-Jährige im Vorstand des FC Wacker, und im selben Jahr war es, dass er das erste Mal Flüchtlinge zum Training einlud. Heute zählt der Münchner Traditionsklub 500 Mitglieder aus 52 Ländern. In den drei Männermannschaften gibt es derzeit 62 Spieler, die in Asylverfahren waren oder kommen; außerdem gibt es eine Mannschaft für Jugendliche, die in Erstaufnahmeeinrichtungen leben - und womöglich nicht lange bleiben können.

"Fußball kann ein bisschen Ablenkung bieten", so sieht Steer das. Er hat die Geschichten der Flüchtlinge gehört und ihren Alltag in den Unterkünften gesehen. Beim Fußballspielen können sie sich austoben und neue Leute kennenlernen, sagt er. Den monatlichen Mitgliedsbeitrag von 15 Euro pro Erwachsenen müssen sie nicht zahlen. Für Steer ist das bislang eine Selbstverständlichkeit: "Ein Verein ist ja immer eine Ansammlung von Menschen, die einander helfen", sagt er. Klubs könnten allerdings Hilfe bei der Sozialstiftung des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) anfordern, sagt BFV-Sprecher Thomas Müther. Die Egidius-Braun-Stiftung des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) gewährt anfragenden Vereinen für ihre Flüchtlingsarbeit eine Starthilfe von 500 Euro.

Muzinga, 19, grauer Pullover, weiße Hose, rote Fußballschuhe, geht vom Feld zurück zur Umkleidekabine. Seit elf Monaten lebt er in Deutschland, er ist aus dem Kongo geflohen. Sein Vater sei umgebracht worden, "er war ein politischer Mann", sagt Muzinga in gebrochenem Englisch. Über Frankfurt und Dortmund kam er schließlich nach München, wo er anfangs in einer Turnhalle in Pullach untergebracht war. Dort hat er auch vom FC Wacker erfahren, wo er jetzt seit zwei Wochen in der dritten Mannschaft spielt.