Von Philipp Mattheis

Nationalstolz ist hässlich, dumpf und einfach antiquiert.

Ist schon klar: Die Globalisierung nimmt uns unser Herz. Die Innenstädte dieser Welt sehen alle gleich aus: McDonalds, H&M und fotografierende Japaner. Die deutsche Seele, die versteckt sich vielleicht in irgendeinem absterbenden Wald, aber bestimmt nicht in München, Berlin oder Hamburg.

Haus in den Nationalfarben

Muss das sein? (© Foto: dpa)

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Europa einigt sich zwar mühsam, aber unaufhaltsam. Die Welt wird kleiner und wächst zusammen. Die nationale Identität verliert sich währenddessen irgendwo zwischen Verordnungen aus Brüssel und international agierenden Großkonzernen.

Die deutsche Seele musste also lange leiden und nun zum Fußballgroßereignis kommen all die Kränkungen hervorgekrochen: Sind wir nicht Exportweltmeister? Sind wir nicht großartige Fußballspieler? Schicken wir unsere Soldaten nicht in den Kongo? Sind wir nicht ein gründliches, anständiges und modernes Völkchen und ist unsere Geschichte nun nicht langsam endlich mal Geschichte? Kurzum: Sind wir nicht endlich wieder wer?

So lasset uns stolz sein und die Fahnen raushängen! Überall, wo es nur irgendwie geht. Lasst uns Unterhosen in den Nationalfarben tragen! Malt unsere Gesichter schwarz-rot-gold und schmückt unsere Balkone! Brüllt, grölt und schreit! Zeigt den anderen den Furor Teutonicus, auf dass jeder merkt: Wir sind stolz auf dieses Land. Auch Du bist schwarz-rot-geil!

Endlich kann wieder das nationale Süppchen gekocht werden, das unseren Nachbarn früher so wenig schmeckte. Schließlich wurde die Rezeptur wesentlich verbessert. Nun schmeckt es zeitgemäßer. So gut, so modern, so einheitlich, dass es jedem schmecken muss. Fehlt nur noch der Blockwart, der kontrolliert, ob auch von jedem Balkon die Flagge baumelt.

Nationalstolz reloaded

Schließlich hat man im Geschichtsunterricht dreimal den Nationalsozialismus durchgenommen, Goldhagen- und Walser-Debatten ertragen, und auf einer Lichterkette war man auch schon mal. Und deswegen muss jetzt endlich Schluss sein mit dem Deutschland-Bashing. Mia wussten das schon lange, Blumfeld haben es immer noch nicht kapiert.

Nationalstolz und Nationalsozialismus, das klinge zwar irgendwie ähnlich, habe aber ansonsten nicht viel miteinander zu tun. Die Nazis, das sind noch immer die Bösen und die NPD. Die Stolzen dagegen sind die Aufrechten, die Ballacks, Klinsis und Beckenbauers. So einfach ist das. Und jetzt grölen wir alle zusammen die Nationalhymne.

Und manchmal hört man auch noch Sätze wie: "Die Deutschen sind so blöd. Die können einfach nicht normal patriotisch sein wie alle anderen auch."

Dass die Italiener vor allem stolz auf ihr Essen und die Brasilianer auf ihren Fußball sind, dass sonst niemand zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen hat und es mittlerweile wieder No-Go-Areas für andersfarbige Deutsche gibt; und dass, wenn man sich schon mit einer ganzen Nation identifiziert, man das bitte auch mit seiner ganzen Geschichte und nicht bloß mit einer Lichtgestalt und einem Großereignis tun sollte - wurscht.

Es ist nun mal so, dass die Deutschen in ihrer Geschichte schon immer zu Übertreibungen neigten. Was sie daraus früher einmal gelernt zu haben schienen, war nicht schlecht: Nationalstolz ist hässlich, dumpf und ganz nebenbei auch schlicht nicht mehr zeitgemäß.

Mal ganz abgesehen von dem ästhetischen Desaster dieser Flaggenparade schmeckt mir dieses nationale Süppchen jetzt schon nicht mehr. Auch wenn es "nur" um Fußball geht, manchmal sehne ich mich nach den Zeiten, in denen man statt Nationalflaggen Graffitis an den Häusern sehen konnte.

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(sueddeutsche.de)