Fifa Zwischen Titanic und Kabarett

Unruhige Zeiten vor WM-Beginn: Sepp Blatter in Brasilien

(Foto: REUTERS)

Dass der "Saustall" Fifa Dimensionen hat, die jede Vorstellungskraft sprengen, ist bekannt. Nun taucht auch noch Beckenbauers Name auf. Das ist delikat und erklärungsbedürftig. Aber in der Bredouille steckt vor allem Sepp Blatter.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Wenn die Fifa-Funktionäre am Mittwoch in São Paulo ihren Kongress abhalten, erinnert einiges an die Reisegesellschaft der Titanic, auch da wurde getanzt und musiziert, als der Dampfer unterging. "Die Fifa gehört abgeschafft", fordert die New York Times, die die Vorgänge in der Fußballwelt sonst aus der Distanz betrachtet. Dazu passt die Nachricht des Wochenendes: Sepp Blatter und seine selbstgewissen Sportsfreunde sind mit Feuereifer dabei, die Anregung aus den USA selbst umzusetzen.

Dass der "Saustall" Fifa (Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt) Dimensionen hat, die jede Vorstellungskraft sprengen, ahnen Branchenkenner seit Langem. Dass diese Dimension jetzt - ansatzweise - vorgeführt wird, verdankt sich den Möglichkeiten der elektronischen Spurensuche. Der Fundus, aus dem die Londoner Sunday Times täglich zitiert, stammt aus Computern von Asiens Fußballverband AFC. Zugriff darauf hatten Mitarbeiter des früheren AFC-Chefs, Blatter-Intimus und Fifa-Vizes Mohamed Bin Hammam.

Es ist müßig, angesichts der Geschäftsumtriebe Katars rund um die Bewerbung noch ernsthaft zu erörtern, ob diese WM-Vergabe 2022 sauber war. Zumal die bisher veröffentlichten Papiere gewisse Personen ja noch gar nicht erfassen, die für Katar stimmten und die auch ohne dieses Votum im Ruch schräger Geschäfte stehen.

Geschäfte auf höchster Ebene

Enthüllungen zur Vergabe der WM 2022 zeigen, wie intensiv katarische Vertreter Wahlmänner umgarnten, um den Zuschlag zu bekommen. Auch ein Trip von Franz Beckenbauer wirft Fragen auf. Die Sponsoren erhöhen den Druck auf den Verband, die Vorwürfe aufzuklären. Von Thomas Kistner, Rio de Janeiro mehr ...

Vorneweg die Südamerika-Connection um Blatters ewigen Stellvertreter Julio Grondona, den Argentinier, den alle "Don Julio" nennen. Und in dessen Landesverband die Bewerber aus Katar damals ein Loch von 76 Millionen Dollar ermittelten (das sie aber nicht gestopft haben wollen).

Dafür taucht nun Franz Beckenbauer auf, samt Geschäftsfreund Fedor Radmann. Der sorgt ja verlässlich für Schlagzeilen, wo immer er aus den stillen Tiefen des Sportlobbytums emporgespült wird. Die Causa Beckenbauer erscheint erklärungsbedürftig. Er spielte ja auch im Kontext der Russland-Kür für die WM 2018 eine spannende Rolle: Kurz nach der Wahl gab er sein Fifa-Mandat auf und wurde Sportbotschafter der russischen Energiewirtschaft. Wen er kurz zuvor wohl gewählt hatte, der Kaiser?