Fifa: WM-Vergaben unter Verdacht "Sag, was du für mich hast"

Die Fifa und ihr Präsident Joseph Blatter geraten wegen umstrittener WM-Vergaben unter Druck. Die unterlegenen WM-Bewerber England und Australien sollen erwägen, gegen die Vergabe zu klagen.

Von Thomas Kistner

Der Fußball-Weltverband rudert wieder im eigenen Sumpf, diesmal geht es um offenbar korrupte Funktionäre bei der WM-Doppelvergabe an Russland 2018 und Katar 2022. Nun aber könnte Fifa-Boss Sepp Blatter mit über Bord gehen: bei der Präsidentenwahl am 1. Juni in Zürich. Die neuen Vorwürfe wurden von Lord Triesman sowie einem britischen Abgeordneten am Dienstag bei Parlamentsanhörungen in London erhoben.

Freude in Katar nach der Vergabe der WM 2022 - doch es könnte sein, dass es bei der Vergabe nicht mit rechten Dingen zugegangen ist.

(Foto: AFP)

Kernstück der Anklage des ehemaligen englischen Bewerberchefs ist nicht nur, dass vier Funktionäre Gegenleistungen für ihre Voten gefordert hätten - sondern die Angst der Briten, dass sie ihre Chancen einbüßen, wenn sie die Korruption der Fifa meldeten. Das zielt direkt auf ein offenbar endemisch korruptes Wahlsystem des Weltverbandes.

Blatters erste Reaktion: Die Fifa brauche Beweise. Die jedoch liegen - zumindest für die vom Parlamentarier Damian Collins gegen afrikanische Vorständler erhobenen Vorwürfe - seit Herbst 2010 vor, übermittelt von der Sunday Times, deren Undercover-Reporter stunden- lange Korruptionsgespräche heimlich gefilmt hatten.

Nun kreidet das Blatt der Fifa beim Parlament an: "Aus unserer Sicht gab es keinen Versuch zu ermitteln, warum sechs Offizielle behaupten, dass eine erfolgreiche Bewerbung gekaufte Stimmen braucht. Zudem enthielten die Videobänder, die wir der Fifa gaben, klare Aussagen, dass es versuchte Stimmenkäufe in der aktuellen wie in früheren Bewerbungen gab." Massiv beschuldigt wurde bei den damaligen Aktionen neben Katar auch der für die WM 2010 gescheiterte Bewerber Marokko.

Collins sagte im Ausschuss, es gäbe Beweise für Zahlungen von je 1,5 Millionen Dollar an Fifa-Vize Issa Hayatou (Kamerun), den Chef des Afrika-Verbandes Caf, sowie den Ivorer Jacques Anouma - damit sie für Katar stimmten. Derweil belastete Triesman die Topfunktionäre Jack Warner, Nicolas Leoz, Ricardo Teixeira und Worawi Makudi. Warner habe ein Schulzentrum auf seiner Heimatinsel Trinidad gefordert, die Zahlung hätte über ihn laufen sollen.

Der Paraguayer Leoz habe gewünscht, in den Ritterstand erhoben zu werden, und sei "achselzuckend davongelaufen", als er ein Nein erhielt. Der Thailänder Makudi sei auf die TV-Rechte an einem Länderspiel Thailands gegen England erpicht gewesen. Teixeira, Chef der WM 2014 in Brasilien, soll direkt gefordert haben: "Sag', was du für mich hast." Teixeira nannte dies "absurd" und kündigte eine Klage an. Warner sagte der BBC, er habe nie Geld für seine Stimme gefordert - was Triesman ja gar nicht so konkret behauptet.

Einen Hinweis aufs offene Präsidentschaftsrennen liefert Blatters distanzierte Reaktion auf die Vorwürfe. Er sei sauber, könne aber nicht für andere im Vorstand sprechen; er wisse nicht, ob dort "Engel oder Teufel" sitzen. Wie es heißt, erwägen die unterlegenen WM-Bewerber England und Australien im Fortgang der Affäre gegen die Vergabe zu klagen.