Fifa und die Fußball-WM Schluss mit dem blinden Gehorsam

Wohin, ohne England und Deutschland? Fifa-Präsident Sepp Blatter.

(Foto: AFP)

Wenn Bundesliga und Premier League auf die Winter-WM in Katar pfeifen, ist die Fifa verloren. Was könnte sie denn tun: die Boykotteure rauswerfen?

Kommentar von Thomas Kistner

Die Winter-WM 2022 mal so betrachtet: Wie wäre hierzulande die Reaktion, hätte auch Deutschland damals den Kürzeren gezogen gegen Katar? Sie wäre so, dass jetzt Klagen gegen die Fifa diskutiert würden - weil es in der Bewerbung nur um ein Turnier im Juni/Juli ging, nicht um ein adventliches Wintersportfest. Wurden Katars düpierte Mitbewerber um Hunderte Millionen geprellt, die in Kampagnen, Stadionentwürfe und Bid-Bücher flossen - für eine Sommer-WM, die es nicht gibt?

Als die Debatte über Katars Sommerhitze losbrach, malte Sepp Blatter selbst die Gefahr weitreichender Rechtsstreitigkeiten an die Wand. Dass der Fifa-Chef seine Standpunkte flotter wechselt als Kicker ihre Fußballschuhe, bringt die Kernfrage nicht vom Tisch: Was, wenn die Mitbewerber klagen? Müssen sie das nicht sogar, wegen der verbrannten Millionen, für all die enttäuschten Fans?

Die Fifa verweist zum Thema gern vage auf einen Vertragspassus, der WM-Bewerber verpflichtet, nicht gegen ihre Entscheide vorzugehen. Das mag für die WM-Vergabe selbst gelten, doch wenn die ganze Vertragsgrundlage geändert wird, wenn statt einer Straße plötzlich eine Brücke gebaut wird, ist die Aussicht auf Schadenersatz groß - oder auf eine neue WM-Vergabe. Was es dafür braucht, sind vom Sport unabhängige Gerichte und Zeit. Beides ist zur Hand.

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Die Fifa muss viele Regressforderungen fürchten. Und weil es in diesem Geschäft nur ums liebe Geld geht, ist anzunehmen, dass ein Finanzier mit prallem Füllhorn im Hintergrund parat steht: Katar. Jüngst durfte sich das Emirat über eine bizarre Fifa-Ermittlung zu den WM-Bewerben 2018/2022 freuen, in der es besser abschnitt als die Engländer und Australier. Auch hängt Katars globalpolitisches Renommee davon ab, ob es diese WM behält oder nicht.

Ohne Deutschland und England wäre die Fifa verloren

Viel ist in Bewegung, alles hat seinen Preis. Es ist gut, dass Engländer und Deutsche jetzt erst einmal aufs Geld pochen. Übel wäre, wenn sie dies nur tun, um später diskret mit den Fifa-Granden eine Lösung auszuhandeln, die vor allem in die Kassen ihrer Großklubs fließt. Wollen die Ligen und die von Karl-Heinz Rummenigge geführte europäische Klubvereinigung ECA wirklich solidarisch für den Fußballbetrieb agieren, dann sollten sie von Anfang an so dominant auftreten, wie es Liga-Präsident Rauball gerade skizziert. Wenn Bundesliga und Premier League auf die Winter-WM pfeifen, ist die Fifa verloren. Punkt. Was könnte sie denn tun: DFB, FA und weitere Boykotteure rauswerfen? Das wäre so absurd wie die Idee, dass die Fifa dank der Zugkraft ihrer Mitglieder von Südsee bis Feuerland dicke TV-Quote macht, während Bundesliga und Premier League ins Spartenfernsehen abdriften.

Die Farce um eine WM, an deren Zustandekommen es ja wenige vernünftige Zweifel gibt, hat einen Punkt erreicht, an dem es Werkzeuge statt Worte braucht. Um endlich den Kitt abzukratzen, der allein dieses Gesamtkonstrukt Weltfußball mit Blatters Fifa an der Spitze zusammenhält: blinder Gehorsam.