Fifa-Präsident Blatters strategischer Rückzug

Nun also doch: Sepp Blatter tritt als Fifa-Präsident zurück. Der Zeitpunkt spricht für Panik - und zugleich für Strategie. Er kann jetzt Dinge in Ordnung bringen.

Kommentar von Claudio Catuogno

Als Michel Platini, der Chef des europäischen Fußball-Verbandes Uefa und einer der größten Widersacher von Fifa-Präsident Sepp Blatter, den 79-jährigen Schweizer persönlich zum Rückzug aufforderte, soll Blatter eine erstaunliche Antwort gegeben haben: "Es ist zu spät." Aus seiner Sicht war da was dran: Die Möglichkeit, sich halbwegs geräuschlos auf eine Ehrenpräsidentschaft zurückzuziehen, hatte er längst verpasst. Der alte Kämpfer stieg also noch einmal in den Ring - und gewann. Doch nun zeigt sich: Für einen Rücktritt ist es nie zu spät.

Sich für vier Jahre wählen zu lassen und dann nach vier Tagen aufzugeben - natürlich hat das etwas von einer Flucht. Intern hat sich Sepp Blatter in den 17 Jahren seiner Präsidentschaft immer alle Probleme vom Hals zu halten gewusst. Aber mit den sieben Verhaftungen in Zürich kurz vor dem Fifa-Kongress hat die US-Justiz auf spektakuläre Weise die Initiative an sich genommen. Seither ist auch Blatters Leben unkalkulierbar geworden. Am Wochenende beginnt in Kanada die Frauen-WM, ein Turnier, das nur schwerlich ohne den Präsidenten stattfinden kann. Der aber konnte nicht wissen, ob die amerikanischen Behörden die Gelegenheit nutzen wollten, um mit dem Fußball-Reisenden ins Gespräch zu kommen.

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Selbst in seinem Abgang zeigt der Fifa-Chef Gerissenheit

Der Zeitpunkt spricht also für Panik - einerseits. Andererseits, und das ist nicht ohne Ironie, könnte der alte Sepp seinem Problemverband mit diesem Schritt sogar einen größeren Dienst erwiesen haben, als wenn er kurz vor der Wahl die Waffen gestreckt hätte. Prinz Ali bin al-Hussein, 39, Blatters Gegenkandidaten von Platinis Gnaden, hielten ja selbst einige Blatter-Kritiker aus Kerneuropa für unwählbar. Die blasse Bewerbungsrede des Jordaniers verstärkte den Eindruck noch: Wäre dieser Mann wirklich in der Lage gewesen, die gewaltigen Herausforderungen anzupacken?

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Es hieß, al-Hussein sei während seiner Zeit im Fifa-Vorstand kaum je mit Wortbeiträgen aufgefallen. Diese Zweifel hatten aber kein Gewicht, so lange es um Blatter als Symbolfigur eines korrupten Verbandes ging. Nein, nicht weil er sich selbst bereichert hätte (dafür gibt es keine Belege, und sein streng geheim gehaltenes Honorar fürs Ehrenamt wird ja auch stattlich genug gewesen sein). Aber Blatter ist und bleibt der politisch Hauptverantwortlicher des Systems Fifa.

Das Problem ist nur: Wenn Sepp Blatter sagt, man müsse sich jetzt die Zeit nehmen, den besten Kandidaten für die Fifa zu identifizieren, dann dürfte er damit etwas ganz anderes meinen, als die nach Transparenz rufende Öffentlichkeit. Blatter braucht jetzt einen, der die Geschäfte in seinem Sinne weiterführt. Der nächste Präsident soll zwar von Transparenz reden, aber bitte nicht gleich Blatters Bezüge der letzten Jahre öffentlich machen. Er darf nicht zu viele Aktendeckel aufklappen.

Für Blatter selbst hat der Zeitplan des Rückzugs so viele Vorteile, dass man dahinter Strategie vermuten muss. Er kann jetzt auf dem Zürichberg in aller Ruhe ein paar Dinge in Ordnung bringen.