Fifa Lieber keine Fragen

Die aussichtsreichsten Fifa-Präsidentschafts-Kandidaten, der Europäer Gianni Infantino und Scheich Salman aus Bahrain, bevorzugen einen sehr diskreten Wahlkampf - sie zementieren dabei alte Misstände.

Von Thomas Kistner

Es ist Fifa-Wahlkampf, und alles ist wie immer: Die Kandidaten umgarnen in Hinterzimmern das Wahlvolk, jede Öffentlichkeit wird peinlich gemieden. Zwei Tage vor einer lange geplanten Anhörung in Brüssel war nur noch der Franzose Jérôme Champagne bereit, dem Europaparlament Reformideen zur Fifa vorzustellen. Die übrigen Bewerber um den Weltfußball-Thron, der beim Wahlkongress am 26. Februar vergeben wird, kniffen. Sie bearbeiten lieber diskret die 209 Mitglieder zählende Verbandswelt von Nauru bis Belize: Scheich Salman aus Bahrain, Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino, Prinz Ali von Jordanien und Tokyo Sexwale (Südafrika).

Angst vor kritischen Fragen? Prinz Ali teilte den Abgeordneten mit, er habe von der Beschwerde eines Mitbewerbers beim Fifa-Wahlgremium erfahren und gehört, ein Auftritt könne gegen Fifa-Regeln verstoßen. Das sei Unsinn, erfuhr die SZ am Dienstag aus Kreisen um das Wahlgremium: In einer freien Welt dürfe sich jeder Kandidat öffentlich äußern - nur verletzende Äußerungen seien nach dem Ethikcode zu bewerten. Auch habe es gar keine Beschwerde gegeben. Der britische Abgeordnete Damian Collins findet die Absage "lächerlich" und sieht in den Kandidaten "dieselbe alte Fifa, die nicht begreift, was es braucht, um glaubwürdiger zu werden".

Die alte Fifa: Gerade ist sie in Lateinamerika unterwegs, wo das FBI für einen massiven Personalschwund gesorgt hat. Infantino, langjähriger General des gesperrten Uefa-Chefs Michel Platini und Kandidat des Deutschen Fußball-Bunds, twitterte am Dienstag ein Schreiben mit Unterschriften der Topfunktionäre aus einem Mittelamerika-Verbund namens Uncaf; der umfasst Belize, Panama, Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua. Sie alle wollen Infantino. Solche Unterverbände haben gerade im korruptionsgeplagten Erdteilverband von Nord- und Mittelamerika (Concacaf) Tradition. Sie dienen der Machtsicherung bedeutungsloser Regionen - meisterlich praktiziert hat das Fifa-Skandalfunktionär Jack Warner, der die Concacaf zwei Dekaden lang beherrschte. Dessen Landesverband Trinidad&Tobago hat so geringes sportliches Gewicht wie das umliegende Inselreich von Anguilla bis Aruba - doch mit der Kreation des karibischen Regionalverbands CFU, der 31 Länder umfasst, sicherte sich Warner in der Concacaf die Macht selbst gegenüber Schwergewichten wie Mexiko und USA.

Nun zementiert Europas Kandidat Infantino Missstände, die im Kern zur strukturellen Korruption um die Fifa beitragen: die sportpolitische Aufwertung von Zwerg-Allianzen, teils ohne echten Fußballbetrieb, auf das Niveau von Verbänden wie dem DFB. Avisiert hat Infantino auch eine Aufblähung der WM auf 40 Teilnehmer.

Er liegt gut im Rennen. Aussichtslos erscheint die Lage des Trios Ali, Champagne und Sexwale. Den Südafrikaner hat jetzt sogar sein Landesverband zum Rapport einbestellt, Safa-Chef Dennis Mumble will "wissen, wo seine Kampagne steht".

Plant Scheich Salman einen Deal mit Hauptkonkurrent Infantino?

Alles läuft auf die Vertreter der alten Schule hinaus: Infantino gegen Salman. Letzter ist Chef des Asien-Verbandes und hat den muslimischen Teil Afrikas hinter sich. Insider schätzen Salman auf bis zu 80 Voten, was viel, aber nicht genug ist - bei 209 Verbänden braucht es 105. Infantino ist auf Salmans Fersen. Zwar verbucht er nun Mittelamerika und dürfte auch beim Südamerika-Verband Conmebol punkten. Doch selbst dieses Paket brächte nur 17 Voten. Zugleich ist eine Reihe von Europas 53 Verbänden nicht hinter ihm, darunter Skandinavier und Briten. Den Premier-League-Chef Richard Scudamore bezeichnet Salman genüsslich als "Freund".

Am Dienstag machte Salman nun plötzlich Andeutungen zu einem möglichen Deal mit Infantino. Dem Sender Sky TV sagte er, er habe enge Drähte nach Europa und sei für alles offen: "Bisher gibt es keinen Deal, aber abwarten, was in den nächsten Tagen passiert." Das legt nahe, die zwei Konkurrenten könnten sich die Macht teilen: Salman als Präsident, der in Zukunft stärker repräsentative Funktion haben soll, Infantino als hauptamtlicher Chef. Geschacher wie eh und je.

Bei der EU-Kommission in Straßburg war am Montag François Carrard erwartet worden. Doch auch der Chef des Fifa-Reformkomitees ließ den Termin platzen. Es heißt, er habe den Zug verpasst.