Fifa Klage gegen die Korrupten

Der Fußball-Weltverband will von Ex-Funktionären mehrere Dutzend Millionen Dollar Schadenersatz - und muss einräumen, dass bei der Vergabe der WMs 1998 und 2010 Bestechung im Spiel war.

Von J. Aumüller und T. Kistner

Die Anwälte des Fußball-Weltverbandes sind Kummer gewöhnt, aber die Lektüre der Cayman News im Februar brachte sie doch aus der Fassung. Zu sehen und zu lesen war, wie der frühere, von der US-Justiz der schweren Korruption beschuldigte Fifa-Funktionär Jeffrey Webb weiterhin seinen extravaganten Lebensstil pflegt. Fotos illustrierten, wie er in aufwendigem Stil den 40. Geburtstag der Gemahlin feierte und sich heiter beim Black Jack versuchte. Das stieß den Fifa-Advokaten so sauer auf, dass sie ihrer über Monate kompilierten Klageschrift gegen Spitzenfunktionäre spontan einen galligen Beschwerdebrief zu Jeffrey Webb beifügten.

An diesem Mittwoch hat der Weltverband einen ungewöhnlichen Schritt getan: Er schickte den US-Behörden, die seit Monaten im Korruptionssumpf rund um die Fifa ermitteln, ein 22-seitiges Schreiben, in dem er von früheren und mutmaßlich korrupten Funktionären wie Jeffrey Webb, Jack Warner oder Chuck Blazer sowie anderen Managern des Fußball-Gewerbes einen gigantischen Schadenersatz verlangt. Die genaue Summe ist noch nicht zu beziffern; klar ist nur, dass es um Dutzende Millionen Dollar geht. "Die Fifa will das Geld zurück, egal wie lange es dauert", sagte der neu gewählte Präsident Gianni Infantino.

Unrechtmäßig bereichert: Auf die Fußballfunktionäre Jack Warner und Chuck Blazer kommen hohe Rückzahlungsforderungen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Das Begehr der Fifa stützt sich auf Anklageschriften der US-Behörden von Mai und Dezember 2015, in denen zahlreiche Korruptionsfälle im Fußballbusiness um die Fifa beschrieben sind. Deals mit Marketing- und Fernsehrechten, aber auch im Kontext von WM-Vergaben. Deshalb richten sich die ersten Rückzahlungsforderungen auch nur gegen die 41 Personen, die in den Anklageschriften als Beschuldigte gelistet sind. Andere Funktionäre wie der langjährige Präsident Sepp Blatter, gegen die die Schweizer Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung ermittelt, tauchen in diesem Schadenersatz-Antrag nicht auf.

Um welche Summe es tatsächlich geht, ist völlig offen. Nach Einschätzung der US-Justiz flossen in den Korruptionsfällen mindestens 190 Millionen Dollar Schmiergeld, mehr als die Hälfte haben die Behörden schon eingefroren. Darauf wirft die Fifa ein Auge. Hinzu kommen horrende Kosten für die US-Kanzlei Quinn Emanuel, die seit Juni für die Fifa arbeitet und rund zehn Millionen Dollar im Monat kassiert.

Im Kern pocht die Fifa darauf, dass auch alle Regionalturniere im Weltsport Nummer eins von der "jahrzehntelangen" Vorarbeit des Weltmeisterschafts-Turniers kommerziell profitieren - und dass das korrupte Wirken der Ex-Funktionäre negative Auswirkungen auf globale Reputation und Geschäftsbeziehungen der Fifa hätte. Insofern könnte der Weltverband auch wegen des sich deutlich abzeichnenden Rückgangs an Sponsoreinnahmen Schadenersatz anpeilen. Konkret benennt die Fifa in ihrem Antrag nur Beträge, die die Ex-Funktionäre seit 2004 unrechtmäßig vom Weltverband als Bezahlung und Boni erhalten hätten. Allein diese summieren sich auf 28,2 Millionen Dollar (siehe Kasten) - kassiert "unter falscher Voraussetzung".

Spitzenreiter Blazer Die Fifa will von korrupten früheren Funktionären mehrere Dutzend Millionen Dollar Schadenersatz. Konkret schlüsselte sie bisher nur zu Unrecht erhaltene Bezahlungen und Boni der Beschuldigten auf. Am meisten verlangt sie von folgenden Personen: Chuck Blazer (USA): 5 374 148 Dollar Rafael Salguero (Guatemala): 5 134 980 Dollar Jack Warner (Trinidad): 4 462 263 Dollar Ricardo Teixeira (Brasilien): 3 514 025 Dollar Nicolas Leoz (Paraguay): 3 254 886 Dollar Jeffrey Webb (Cayman): 2 016 205 Dollar Marco Polo Del Nero (Brasilien): 1 673 171 Dollar Eugenio Figueredo (Uruguay): 1 011 018 Dollar

Wie realistisch es ist, dass die Rückforderungen erfüllt werden, bleibt offen. Auffällig eng schmiegen sich die Anwälte an die US-Justiz. In der Klageschrift wird neben Justizministerin Loretta Lynch ein Behördenvertreter zitiert, der "wahren" Opfern Hoffnung auf Schadenersatz macht - Opfern wie der Fifa, finden deren Anwälte.

Es ist für die Fifa zugleich unausweichlich, Schadenersatz zu verlangen. Seit Beginn der Affäre kämpft sie darum, dass die US-Ermittler sie als Opfer betrachtet. Sollte sie nämlich nicht mehr als Opfer, sondern gemäß des Anti-Mafia-Gesetzes "Rico" als Mittäterin in einer Verschwörung geführt werden, wäre das ihr Ende.

Mit dem Antrag sind bedeutende Eingeständnisse verbunden. So übernimmt die Fifa die Einschätzungen der US-Ermittler, dass bei den WM-Vergaben 1998 und 2010 Bestechung im Spiel war. Im Kampf um das 98er-Turnier habe der unterlegene Bewerber Marokko dem damaligen Fifa-Vize Jack Warner eine Million Dollar offeriert. Und dann ist da die WM 2010 in Südafrika. Nach dieser Vergabe flossen zehn Millionen Dollar Organisationskosten-Zuschuss der Fifa nicht an das Gastgeberland am Kap, sondern auf dessen Geheiß auf ein karibisches Konto, das Warner kontrollierte. Offizielle Begründung: Entwicklungshilfe für die "afrikanische Diaspora" in der Karibik. Nach Überzeugung des FBI - und nun auch der Fifa - war das Schmiergeld für ein Pro-Südafrika-Votum, das Warner sich mit Blazer und einem dritten Wahlmann aufteilte.

Das ist aus diversen Gründen brisant. In die Abwicklung der Zehn-Millionen-Transaktion war damals auch der (im Januar gefeuerte) Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke involviert. Das Geld aus Südafrika floss von einem Fifa-Konto in die Karibik. Eine Mitverantwortung der damaligen hauptamtlichen Fifa-Spitze sieht der Weltverband trotzdem nicht. Warner und Co. hätten bezüglich des Zahlungsgrundes gelogen und die Millionen "gestohlen".

Der Südafrika-Geldfluss weist Parallelen zur dubiosen Zahlung in der deutschen WM-Affäre auf. Die WM-2006-Organisatoren hatten, falsch etikettiert, Millionen gezahlt, die bei Mohamed bin Hammam in Katar landeten. Auch dieser Ex-Funktionär ist im Raster der Fifa-Anwälte. Nach einer gemeinsam mit Warner inszenierten Bestechungsorgie im Mai 2011 waren beide suspendiert worden. Trotzdem, so die Fifa, habe Bin Hammam noch im Juli 2011 weitere 1,2 Millionen Dollar an Warner überwiesen. Zu klären ist bald, ob der reiche Katarer auch im Sommermärchen als Geldverteiler zugange war.