Fifa In der Höhle des Löwen

Unabhängig davon, was US-Justizministerin Loretta Lynch am Montag in Zürich zur Affäre um den Fußball-Weltverband erklären wird, zielen die US-Ermittlungen auch auf Fifa-Spitzenfunktionäre.

Von Thomas Kistner

Loretta Lynch will reden. Am Montag gibt die amerikanische Justizministerin eine Pressekonferenz zum Stand der Fifa-Ermittlungen, und sie tut es in Zürich, in der Höhle des Löwen. Zwar sind die Löwen um Sepp Blatter kleinlaut geworden, seit die US-Justiz gegen gut zwei Dutzend Funktionäre und Manager ermittelt und den Fußball-Weltverband als Rico (Racketeer Influenced and Corrupt Organization) klassifiziert, als kriminell dominierte Organisation. Aber gegen ihn selbst werde ja nicht ermittelt, beteuert der Fifa-Chef so unermüdlich wie die immer neuen Helfershelfer aus der Sportwelt. Wie François Carrard, der als neuester "unabhängiger Reformchef" der Fifa firmiert - und gleich zum Einstieg hat der Schweizer Anwalt erklärt, dass Blatter "unfair behandelt" werde, es liege juristisch ja nichts vor gegen Landsmann Blatter. Behauptungen, aufgestellt in Unkenntnis des Ermittlungsstandes von Schweizer und US-Behörden.

Aber Carrard, 78, war selbst 14 Jahre Generaldirektor eines skandalumtosten Weltverbandes, das Internationale Olympische Komitee (IOC) geleitete er durch die Sümpfe der Salt-Lake-City-Bestechungsaffäre. Auch damals litten die Funktionäre unter harten Ermittlungen der Amerikaner; IOC-Boss Juan Antonio Samaranch musste 1999 sogar vor dem US-Senat antreten und gab ein klägliches Bild ab. Dass seitdem bei Olympia-Küren keine amerikanische Stadt mehr die ersten zwei Auswahlrunden überstand, ist aber sicher ein Zufall.

Ablenkung: Im August bekam Fifa-Chef Sepp Blatter in seiner Schweizer Heimatgemeinde Ulrichen eine Kuh namens "Colombo" geschenkt.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

So attackiert der Ex-Olympier Carrard nun als Fifa-Reformer das böse Amerika: Dort sei Fußball ein Schulmädchensport, ohne Wurzeln. An Blatter zweifelt er nicht, die US-Ermittlungen bezögen sich auf "ein paar Schurken" sagte er dem Schweizer Blatt Le Matin. Umso mehr fragt sich, welche Botschaft Loretta Lynch mitbringt. In Zürich wird mehr erwartet als Details zum Auslieferungsbegehr bezüglich der sechs Funktionäre, die dort seit dem FBI-Zugriff im Mai in "Ausschaffungshaft" sitzen. Was immer am Montag vorgestellt wird: Die US-Behörden graben längst tief im Fifa-Sumpf. Immer mehr Beschuldigte kooperieren als Zeugen.

Nun erfuhr die SZ aus gut informierten Quellen, dass die Amerikaner eine Causa aufrollen, die als Modellfall der Sportskorruption gilt: die ISL-Affäre. Diese Recherchereise in die Vergangenheit bringt eine neue Qualität in die Ermittlungen - und eine brisante Stoßrichtung: Sie zielt auf die Verbandsspitze um Blatter. Die Schweizer Marketingfirma ISL vermarktete zwei Jahrzehnte lang exklusiv die Rechte von Fifa und anderen Sportverbänden, bis Mitte der Neunzigerjahre auch solche des IOC. Als sie 2001 bankrott ging, flog auf, dass die ISL 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an Funktionäre gezahlt hatte. "Korruption war das Geschäftsprinzip", erklärten ISL-Manager damals vorm Strafgericht in Zug. Ein großer Batzen ging an Fußballfunktionäre, Millionen kassierten Blatters Vorgänger João Havelange und Schwiegersohn Ricardo Teixeira. 2010 wurden die Ermittlungen nach Schweizer Strafrecht eingestellt; die Beschuldigten mussten die Vorwürfe akzeptieren und eine Buße zahlen. Die betrug 5,5 Millionen Franken, allein 2,5 Millionen entfiel auf die Fifa. Denn sie war, obwohl Opfer des Komplotts, im Zug der Ermittlung in die Beschuldigtenrolle geraten: Ihre Spitzenleute hatten nicht kooperiert. Auch nicht der Mann, der im Gerichtspapier als "P1" firmiert: Sepp Blatter, der Präsident.

Joseph Blatter, 2011

"Krise? Was ist eine Krise? Die Fifa befindet sich in keiner Krise. Wir haben lediglich Schwierigkeiten."

In der Schweiz ist die Causa abgehandelt. Und Blatters Fifa-Ethikkommission fand die Rolle des Verbandschefs nicht weiter schlimm: "Ungeschicktes Verhalten" attestierte ihm der deutsche Ethikrichter Hans-Joachim Eckert. Dabei zog Blatter, bis 1998 Fifa-Generalsekretär, einst in Bieterverfahren für die WM-Rechte alle Register, um die ISL ins Boot zu holen und Mitbieter auszubremsen. Rivalen, die mehr zu zahlen bereit waren. Warum tat er das?

Freitagabend bereicherte das Schweizer Fernsehen diesen Fragenkatalog mit einen Vertrag von 2005, in dem Blatter WM-Fernsehrechte für die Karibik zu einem Spottpreis an den Vorstandskollegen Jack Warner vergab. Per Einzelunterschrift, die er bis 2013 in der Fifa hatte. Die Rechtsprofessorin Monika Roth sagte dem Sender, dieses Verhalten könne strafrechtlich relevant sein und verwies auf "den Tatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung". An diesen denken auch die Amerikaner. Blatter selbst hat Korruption stets bestritten; er betont, auch im ISL-Fall sei ihm keine nachgewiesen worden. Das trifft zu. Nur ist das Gros der Empfänger jener 142 Millionen, die über Offshorefirmen oder cash flossen, bis heute nicht identifiziert. Auch daran arbeitet die US-Justiz: Sie spürt beteiligten Banken, Kunden und Kontenbewegungen nach. Schmiergeld soll ja auch in die US-Hemisphäre gelangt sein. Eine Geldspur aus dem ISL-Komplex führt nach SZ-Informationen zu Immobilienbesitz von Teixeira in Florida. Der Brasilianer war 2012, als ihm die heimische Bundespolizei wegen anderer Delikte nachstellte, in das Luxusanwesen umgesiedelt; zugleich trat er als Fifa-Vorstand und Verbandschef Brasiliens ab. Als jüngst das FBI in den USA seinen Geschäftsfreund festnahm, Rechtemakler José Hawilla, floh Teixeira zurück nach Rio. Hawilla kooperiert mit der Justiz. Brasilien liefert Staatsbürger nicht aus. Die Schweizer Fahnder hatten in der ISL-Causa Dinge ermittelt, die nun brisant werden können: Etwa, dass Blatter von der ISL-Zahlung an Havelange wusste. Im Gerichtspapier heißt es: "Wird in einem Unternehmen (. . .) ein Vergehen begangen und kann wegen mangelhafter Organisation des Unternehmens keiner bestimmten natürlichen Person zugerechnet werden, wird das Vergehen (. . .) dem Unternehmen zugerechnet". Die Ermittler hatten damals wenig Handhabe, die Fifa-Spitze zu durchleuchten; Privatbestechung war kein Offizialdelikt. Erst am Donnerstag in Bern brachte der Ständerat die sogenannte Lex Fifa ein - nun muss bei Privatbestechung im Sport von Amts wegen ermittelt werden. In den USA ist die Gesetzeslage streng. Der 1970 erlassene Rico Act erfasst auch die Betrugsverschwörung von treuhänderisch beauftragten Personen gegen Privatorganisationen. Das rückt Fragen wie die ins Zentrum, wer zu verantworten hat, dass die Fifa im ISL-Fall vom Opfer zur Beschuldigten wurde und Millionen zahlen musste. Taten die treuepflichtigen Verbandsführer alles, um die Ermittlungen zu fördern? Oder haben sie ihre korrupten Kollegen gar diskret unterstützt? Trotz des klaren ISL-Verdikts von 2010 blieb Havelange Ehrenpräsident und Teixeira Fifa-Vorstand. Erst 2012 gab Havelange den Titel ab, als Medien beim Schweizer Bundesgericht die Freigabe der ISL-Verfügung erzwungen hatten. Teixeira war da schon wegen anderer Probleme abgetreten.

Wie es heißt, suchen die Amerikaner nun Ermittlungsansätze gegen hohe Funktionsträger. Sie wollen wissen, ob und welche Kenntnis einzelne Fifa-Leute von den Vorgängen hatten, und sie sollen eigene Anknüpfungspunkte zum ISL-Verfahren haben. Zu prüfen sei etwa, ob Pflichten der Vermögensbetreuung verletzt wurden.

Längst wird gegen Teixeira ermittelt, ebenso gegen Julio Grondona. Der Argentinier starb 2014, er hütete jahrzehntelang die Fifa-Finanzen und war Nummer zwei hinter Blatter. Seit 2011 geht ein Bundesanwalt in Buenos Aires der Frage nach, wie sich in Grondonas mit Verwandten besetztem Geschäftsumfeld ein dreistelliger Millionenbetrag anhäufen konnte. Die großen Kaliber rücken ins Visier. Aber das hat Justizministerin Lynch bereits bei ihrer ersten Pressekonferenz angekündigt, nach der Festnahme zahlreicher Funktionäre in Zürich und anderswo. Dafür wählte sie sogar einen Begriff aus dem Sport: "Das ist nur die Aufwärmübung."