Das Fatale an der strikten Anti-Technik-Haltung ist, dass sie eine wichtige und differenzierte Debatte verhindert. Denn unter all den rückwärtsgewandten Gedanken der Regelhüter befindet sich eine berechtigte Frage: "Wenn es mit der Torlinie losgeht, was kommt dann als nächstes?"

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Würde also der Pro-Technik-Fraktion ein Chip im Ball ausreichen? Oder sollte es eine Torkamera geben, die nicht nur die Frage "drin oder nicht drin" überwacht, sondern auch den ganzen Strafraum? Oder sollte die Torkamera gar keine Torkamera sein, sondern eine Installation über dem ganzen Spielfeld, die jedes Foul, jedes Handspiel, jeden falschen Einwurf registriert und als Video zu einem Offiziellen auf der Tribüne sendet, der wiederum im Notfall den Schiedsrichter auf dem Platz informieren kann?

Sehr genau muss man sich überlegen, wie diese Hilfsmittel so eingesetzt werden können, dass sie keine oder nur möglichst geringe Auswirkungen auf den Spielfluss haben. Fußball ist anders als Tennis oder American Football nun mal keine Sportart, in der es regelbedingt ganz automatisch zu vielen Pausen kommt, der generelle Videobeweis somit viel einfacher einsetzbar ist.

Man stelle sich nur mal vor, Klose habe gegen Florenz nicht im Abseits gestanden, der Schiedsrichter aber vorher auf Abseits entschieden und der Gegenspieler also die Abwehrarbeit eingestellt - wie ginge es dann weiter? Auf Tor jedenfalls könnte man schwerlich entscheiden. Ein solches Fehlurteil würde kein Videobeweis der Welt ausbügeln. (Es sei denn, der Schiedsrichter entscheidet ganz grundsätzlich nie mehr auf Abseits ...)

Ähnliches gilt, wenn es zu einem Pressschlag im Mittelfeld kommt, der Ball ins Aus geht, und der Schiedsrichter fälschlicherweise auf Einwurf für Team A entscheidet. Wegen jeder strittigen Einwurf- oder Zweikampf-Entscheidung zu unterbrechen, ist kaum möglich, und bis der vierte Offizielle auf der Tribüne das Video durchgesehen (wie oft schon gab es Situationen, die bei der ersten Durchsicht nicht eindeutig waren?) und das Ergebnis weitergegeben hat, ist auf dem Rasen längst eine andere Situation entstanden, möglicherweise gar ein Tor gefallen. Wie weit kann das Video den Spielverlauf zurückdrehen?

Solche Fragen müssen bedacht und diskutiert werden - und vielleicht kommt man zu dem Schluss, dass es unangebracht wäre, dem technischen Auge die generelle Oberaufsicht über den Platz zu geben. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ein Chip im Ball unkompliziert und ab sofort in der Kernfrage des Spiels (Tor oder nicht Tor?) für hundertprozentige Klarheit sorgen würde - und dass das sehr zu begrüßen wäre.

Stattdessen wollen Fifa und IFAB lieber das in der Europa League begonnene Torrichter-Projekt beobachten, bei dem hinter den Torauslinien zwei weitere Assistenten den Haupt-Schiedsrichter unterstützen. Frei nach dem Motto "Zehn Augen irren noch häufiger als sechs".

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(sueddeutsche.de/jbe/bgr)