"Fehler gehören doch dazu": Die Regelhüter des Fußballs entscheiden sich endgültig gegen technische Hilfe - ein unverständlicher Schritt.
Es hat in den vergangenen Wochen wahrlich nicht an falschen Schiedsrichter-Entscheidungen gemangelt. Da war das vermeintliche Handspiel von Hoffenheims Per Nilsson im Strafraum, der eindeutige, aber nicht gegebene Treffer von Schalkes Marcelo Bordon oder das klare Abseitstor von Bayerns Miroslav Klose. Stets hieß es danach: Mit einem Chip im Ball, einer Torkamera oder einem Videobeweis hätte das Fehlurteil verhindert werden können. Die Technik-Debatte kochte ein weiteres Mal hoch.
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Mittlerweile sagen ja selbst die Engländer, dass der Ball nicht drin war - aber was waren das 40 Jahre lang für nervende Diskussionen! (© Foto: AP)
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Nun aber ist klar, dass es weiter zu solchen Fehlurteilen kommen kann und kommen wird. Der Fußball-Weltverband Fifa und das für Regelfragen zuständige International Football Association Board (IFAB) entschieden auf einer Tagung am Samstag, "der Technik die Tür endgültig zu verschließen", wie es Fifa-Generalsekretär Jérome Valcke formulierte. Mit großer Mehrheit wurde sowohl die Idee eines Chips im Ball als auch der Einsatz einer Torkamera verworfen. "Die Frage war, sollen wir Technik im Fußball zulassen, und die Antwort war ganz klar: Nein!"
Strikter kann man eine Meinung nicht mehr formulieren. Gänzlich überraschend ist sie freilich nicht: Sowohl der Weltverband als auch das für alle Regelfragen zuständige IFAB, ein Kommissionsrelikt aus dem 19. Jahrhundert, in dem neben vier Fifa-Mitgliedern und einem Delegierten aus England auch Herren aus den anerkannten Fußball-Großmächten Schottland, Wales und Irland sitzen, haben stets eine große Skepsis für Neuerungen gezeigt.
Doch nach Szenen wie dem Abseitstor von Klose gegen Florenz oder dem Handspiel von Frankreichs Thierry Henry im WM-Qualifikationsspiel gegen Irland hatten die Befürworter technischer Hilfsmittel auf ein Umdenken gehofft. Selbst Fifa-Präsident Sepp Blatter deutete zart an, sich unter Umständen ("Sie muss aber hundertprozentig funktionieren und schnelle Ergebnisse produzieren") damit anfreunden zu können. Diese Hoffnung ist nun dahin.
Es ist schon eine ziemlich absurde Situation: Trainer, Spieler und auch die Schiedsrichter fordern für eine Sportart, die immer schneller geworden ist, die mehr denn je über Euro-Millionen und Arbeitsplätze entscheidet und in der es immer wissenschaftlicher und immer verbissener um den Sieg geht, technische Hilfsmittel - nur Fifa und IFAB hängen offenbar mit romantischer Sturheit am Fußball des 19. Jahrhunderts sowie an Szenen wie dem berühmten Wembley-Tor und verteidigen mit den immer gleichen Argumenten ihre Linie. Argument eins: Fußball soll überall auf der Welt nach den gleichen Regeln ablaufen. Argument zwei: Das Einzigartige am Fußball sind die Menschen, und zu Menschen gehören nun mal auch Fehler.
Beide Argumente sind nur schwer haltbar: Der Kreisliga-Fußball unterscheidet sich ja nicht nur vom Niveau her vom Champions-League-Fußball, sondern auch, weil er ohne Schiedsrichter-Assistenten, vierten Mann und Rasenheizung auskommen muss - und manchmal sogar ohne Rasen. Da tut so eine kleiner Chip im Ball als weiterer Unterschied auch nicht mehr weh.
Und die Fehler? Nun, da müssen sich die Herren von der Fifa und vom IFAB nicht beunruhigen, selbst mit einem Chip im Ball gäbe es weiterhin jede Menge Fehler. Torhüter, die sich große Böcke leisteten, Stürmer, die hundertprozentige Torchancen versiebten, und Trainer, die falsche Taktiken wählten. Der Stoff für den Stammtisch wird dem Fußball niemals ausgehen.
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Auch ich bin grundsätzlich für die Nutzung technischer Mittel, wo sie möglich ist. Ich finde nur, die Befürworter solcher Mittel, die es ja augenscheinlich in großer Anzahl gibt (ob es eine Mehrheit gibt, ist wieder eine andere Frage), machen es sich zu einfach, immer nur mit dem Finger auf die alten (?) Herren des International Board zu zeigen. Wenn man etwas will, dann muss man dies nachhaltig fordern und forcieren, Mehrheiten gewinnen und vor allem: Es muss ernsthaft diskutiert werden, wie das Geforderte in die Praxis umzusetzen ist. Man lasse nur einmal die letzten 15 Jahre der Sendung 'Doppelpass' Revue passieren, die ich in diesem Kontext für sinnbildlich erachte: Da geben sich die Protagonisten des deutschen Fußballs regelmäßig die Klinke in die Hand, aber seit 15 Jahren wird beim grundsätzlich leidenschaftlich behandelten Thema 'Videobeweis' immer nur etwas an der Oberfläche gekratzt. Bezeichnend ist, dass einzig Markus Merk mal einen durchdachten Vorschlag machte - aber kaum war er ausformuliert, ging Herr Wontorra zum nächsten Punkt seiner Abarbeitungsliste - und keinen störte es.
Die Frage muss erlaubt sein: Wollen wir den Videobeweis überhaupt? Oder sind wir einfach nur ein (Fußball-)Völkchen, das sich seinem Ärger kurz Luft macht, mal eben was Undurchdachtes fordert, sich dann aber wieder beruhigt - bis zur nächsten Fehlentscheidung?