Fifa erlaubt Torlinien-Technologie Her mit dem Oberschiedsrichter!

Wer glaubt, mit der Öffnung für eine neue Tortechnik kämen Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit ins Spiel, der irrt. Was der Fußball aber wirklich braucht, ist ein technisch ausgereifter Oberschiedsrichter: Der könnte all die Fehler beheben, die das sportliche Resultat ruinieren. Doch diesen Schritt scheut Sepp Blatter.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Das ist das Ende des möglichen Einsatzes von Technologie im Fußball", teilte die Fifa in Zürich mit. Nein, nicht am Donnerstag, sondern im März 2010. Damals mimte Sepp Blatter noch den Sonnenkönig über den größten Sport des Planeten, per Federstrich versagte er Millionen Fans und tausenden Profis, was die seit Beginn der Video-Ära immer vehementer fordern: Gerechtigkeit, korrekte Regelauslegung mit Hilfe elektronischer Techniken, die längst allen Menschen zur Verfügung stehen - nur nicht den paar Leuten, die die Regeln anwenden: den Schiedsrichtern.

Gut eine Dekade lang besang Blatter den menschlichen Makel als bewahrenswert, als eine Art Weltkulturerbe. Die Fifa tat, als sei es im Zeitalter von Teilchenbeschleunigern aussichtslos, eine melonengroße Kugel beim Überqueren eines dicken Kreidestrichs zu erfassen.

Einige Korruptionsaffären später steckt Sonnenkönigs Reich in der Krise. Blatter, enorm unter Druck, muss eine Großreinigung simulieren, der er, der Fifa-Hauptverantwortliche der letzten Jahrzehnte, natürlich nicht selbst zum Opfer fallen darf. Ein absurder Prozess, hilfreich wären da ein paar positive Begleiteffekte. Wie so oft, wenn's eng wird, wechselt Blatter flink auf die Volksbühne des Fußball über: Die Torlinientechnologie muss her! Warum jetzt?

Der Zeitpunkt ist ideal: Dank des der Ukraine verweigerten EM-Tores - und dank Uefa-Chef Platini, der die neue Technik ablehnt, als täte es dem Spiel gut, wenn Millionen Menschen sehen, was eine Spezies exklusiv nicht sieht: die Referees, die über das Nichtgesehene befinden müssen. Naiv rutschte Platini in die Rolle des Chefverweigerers, die der für die bisherige Situation verantwortliche Fifa-Boss listig für ihn freimacht. Blatter gilt nun als moderner Reformer, der Bremser Platini aussticht. Umfallen, ohne als Umfaller aufzufallen - das macht ihm keiner nach.

Ohne transparente Basis

Zugleich irrt, wer glaubt, mit der Öffnung für Tortechnik kämen Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit ins Spiel. Generell ist die Torlinie zu vernachlässigen. Nur dreimal im letzten halben Jahrhundert passierte dort Aufregendes: 1966 das Wembley-Tor, aktuell das Tor der Ukraine gegen England bei der EM - sowie Englands Treffer gegen Deutschland bei der WM 2010. Dieses eher marginale Problem ließe sich in einem technologischen Gesamtpaket mit abklären. Was der Fußball ja wirklich braucht, ist ein technisch ausgereifter Oberschiedsrichter. Der könnte all die Fehler, zudem bewusste Fehlurteile bei Foul, Handspiel oder Abseits korrigieren, die das sportliche Resultat ruinieren. Dinge, die ja viel öfter auftreten als Torlinien-Fragen.

Hier aber tut sich nichts. Technologische Überwachung scheut Blatters Fifa wie der Teufel das Weihwasser. Transparenz, die andere Sportarten pflegen, ist so unerwünscht, dass selbst bei der Torlinientechnik nur der Referee das Signal empfangen (und sogar ignorieren) darf. So mimt Blatter den Reformer, nimmt Dampf aus einem Kessel, der schon bedrohlich am Zischeln ist - und ändert doch nichts am Kern des Problems. Spiele können weiter durch gröbste Fehler beeinflusst werden. Dass die Funktionäre ihren Sport eingedenk globaler Wett- und Spielmanipulation nicht auf eine technisch gesicherte, transparente Basis stellen, ist unbegreiflich. Das wirft Fragen auf.

Immer wieder Wembley

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