Von Thomas Kistner

Fifa-Präsident Sepp Blatter versucht, jede Kritik an seiner Arbeit und an den künftigen WM-Ausrichtern Südafrika und Brasilien im Keim zu ersticken.

Der Boss war schwer gereizt, Gründe gab es ja genug. Seit Monaten umkurvt Sepp Blatter schlüpfrige Themen wie die außergerichtliche 90-Millionen-Dollar-Einigung mit dem ehemaligen Sponsor Mastercard, den die Fifa ausgestrickst hatte, oder die delikaten, sündteuren Personalrochaden auf der Chefetage. Über allem schwebt die düstere Frage, ob Südafrika es schafft, die Fußball-WM 2010 auszurichten. Und nun folgte ein Geständnis, das Blatter sozusagen zum Alleinverantwortlichen in Sachen Südafrika macht und von der International Herald Tribune so kommentiert wird: "Sein Führungsstil - er nennt es Vision - grenzt an Diktatur".

Sepp Blatter Fifa

Sepp Blatter, selbstbewusster Fifa-Chef. (© Foto: Getty)

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Blatters Fifa hat in Zürich die Rotation wieder abgeschafft, die der Boss erst 2000 eingeführt hatte, um endlich sein Wahlversprechen an Südafrika einzulösen. Genüsslich verbreitet das Blatt eine Blatter-Aussage aus einem TV-Beitrag: Die Fifa-Exekutive "wie die des Internationalen Olympischen Komitees", so heißt es, "traut diesem Kontinent nicht." Gut, dass es den trickreichen Präsidenten gibt, der zur Not gegen Widerstände durchboxt, was ihm für das weltgrößte Event vorschwebt. Er habe "den Mechanismus finden müssen, um nach Afrika zu gehen". Er erfand die Rotation - nun ist sie überflüssig, sogar mehr als das.

"Respekt vor den Fifa-Mitgliedern"

Dienstag, bei der Vergabe der WM 2014 an Brasilien, hatte Blatter erlebt, wie schwer es fällt, ein Spektakel zu inszenieren, das keines ist, weil ja nur ein Bewerber im Ring steht. Dann leistete er sich auch noch einen diplomatische Ausrutscher - vielleicht, weil ihn schon die erste Frage, die dem frischgekürten brasilianischen WM-Veranstaltern galt, unangenehm an die Großbaustelle Südafrika erinnerte. Kaum saß Brasiliens Verbandschef und Fifa-Vorständler Ricardo Teixeira mit seiner Delegation auf dem Podium, wurde er zur brenzligen Sicherheitslage im südamerikanischen Subkontinent befragt. Teixeira klärte die Fragestellerin aus Kanada barsch darüber auf, wie es in anderen Ländern aussehe, etwa in ihrem.

In Gegenwart von Staatspräsident Lula, der jedoch nicht auf dem Podium war, blaffte der Fußballboss in die Medienrunde, man möge "in Länder wie die Vereinigten Staaten gehen und sehen, wie dort ein Schüler den anderen erschießt", derlei "gibt es in Brasilien nicht". Die Sicherheitslage in Brasilien (die Mordrate pro Jahr liegt bei 50.000 Opfern) sei nicht schlechter als anderswo auf der Welt. Teixeira endete, schon sprang Blatter in die Bütt und dem Sportsfreund zur Seite. Er verbat sich solche Fragen - und forderte, in seiner Rolle als "Patron" des Hauses, "Respekt" vor Fifa-Mitgliedern.

Respekt, der fällt just im Fall Teixeiras schwer. Der WM-Chef 2014 hat Parlamentsuntersuchungen zum Themenkreis Betrug, Korruption, Steuerdelikte hinter sich, Anklagen wurden nie erhoben. In den Fußball kam er nur als Schwiegersohn des langjährigen Fifa-Paten Joao Havelange, im Landesverband CBF sind Teixeiras Verwandte virulent, der TV-Sender Globo deckte 2001 dunkle Drähte zu Briefkästen in Offshore-Ländern auf. Dazu Investitionen am US-Markt, die den CBF 16 Millionen Dollar ärmer, Teixeira um zwei Millionen reicher machten - oder Buchungen einer von ihm initiierten Reiseagentur, die in drei Jahren 14 Millionen Euro vom CBF kassierte. Und der Sponsorvertrag bis 2006, den der Boss mit Ausrüster Nike geschlossen hatte, entpuppte sich als eine Art Abtretungserklärung. Sogar Nominierungen und Termine des Nationalteams waren verhandelbar; detailliert geregelt waren indes Luxusflüge und -logen für Teixeira und Kumpels. Zwei Dutzend Straftaten lasteten die Abgeordneten dem neuen WM-Chef an.

All dies im Hinterkopf, reagierte etwa Fußball-Idol Socrates verhalten auf den Zuschlag. Das werde wieder eine "große Klauerei an Steuergeldern", sagte er, ein Gros der auf sieben Milliarden Euro geschätzten Investitionen werde "aus der Tasche des Volkes fließen". Kenner der Szene pflichten bei. Die TV-Sportexpertin Soninha, auch Stadträtin von Sao Paulo, hält den WM-Zuschlag für verwegen: "Unsere Korruption ist ja mehr als bekannt".

Das ist die Schattenseite des sonst erfreulichen Entscheids, den Fußball ins Land seiner höchsten Vollendung zu schicken. Blatter betreibt nun zwei heikle Missionen. Sorgen muss er sich aber wohl erst machen, wenn die Politik nicht mehr vor seiner Fußballspezialdemokratie in die Knie geht. Das kann noch dauern. Erst am Dienstag in Zürich bat Angela Merkel per Video den "lieben Herrn Blatter" um die Frauen-WM. Und der Herr erhörte die deutsche Kanzlerin.

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