Ermittlungen gegen die Fifa Blatter könnte der Nächste sein

Grübelt angeblich wieder über seinen Verbleib: Präsident Sepp Blatter.

(Foto: Ennio Leanza/dpa)

Die Schweizer Ermittler äußern sich erstmals zum Verfahren gegen die Fifa. In über 50 Fällen besteht der Verdacht auf Geldwäsche. Bisher wurden zehn Personen verhört - bald auch Blatter selbst?

Von Thomas Kistner

Die vielfältigen Korruptionsaffären um den Weltfußballverband Fifa entwickeln sich rasant zu einem der größten Fälle für die Schweizer Justiz. Die Bundesanwaltschaft hat im Zuge ihrer Ermittlungen rund um die Vergabe der Fußballweltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar rund neun Terabyte Daten sichergestellt, sagte Bundesanwalt Michael Lauber am Mittwoch in Bern. Und schon bei erster Sichtung sind die Fahnder in erstaunlicher Dimension fündig geworden. Bislang seien 104 Bankverbindungen identifiziert worden, in 53 Fällen bestehe der Verdacht auf Geldwäsche, gab Lauber bekannt und schloss nicht aus, dass im Zuge der Untersuchung auch Fifa-Präsident Joseph Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke befragt werden könnten.

Zur Ermittlungsdauer sagte der Bundesanwalt lediglich, es könne Jahre dauern. Die Schweizer Untersuchungen werde unabhängig von den Ermittlungen der US-Behörden geführt, die Amerikaner seien bislang auch nicht um Amtshilfe ersucht worden, erklärte Lauber. Allerdings stehen die Ermittlungen auch noch am Anfang, und mit einer engen Kooperation der Behörden hinter den Kulissen ist zu rechnen.

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Schon Ende Mai hatte die Schweiz auf Ersuchen der US-Justiz, die den jüngsten Korruptionsskandal ins Rollen brachte, sieben Funktionäre in Auslieferungshaft genommen, darunter zwei Fifa-Vorstände und ein ehemaliges Exekutiv-Mitglied. Inzwischen untersuchen Behörden weltweit in der Affäre. Fifa-Chef Blatter hatte vier Tage nach der Wiederwahl seinen vorzeitigen Rücktritt erklärt. Allerdings müssen ihn jetzt die Kontinentalverbände aus Europa, Asien, Nord- und Südamerika dazu drängen, einen wirklich zeitnahen Termin für den Amtswechsel anzuberaumen, auf den auch das Europaparlament drängt.

Ermittlungen könnten ungemütlich werden

Die Schweizer Staatsanwaltschaft gab der Vermutung deutlich Raum, dass die Ermittlungen auch für Blatter und seinen Generalsekretär Jérôme Valcke ungemütlich werden könnten. Befragungen seien nicht auszuschließen. Bisher wurden zehn Personen verhört. Beim Großteil handelt es sich um Fifa-Vorstände, die Ende Mai beim Wahlkongress in Zürich weilten - und die auch schon am 2. Dezember 2010 über die WM-Vergabe an Russland und Katar abgestimmt hatten.

Details zu verdächtigen Geldbewegungen, Personen und Beträgen gab Lauber nicht. Von der Schweizer Financial Intelligence Unit, der Meldestelle für Geldwäsche, seien aber 53 Verdachtsfälle registriert worden. Daneben standen die 104 Bankverbindungen schon vorher im Fokus der Ermittlungen. Sollten sich tatsächlich direkte Verbindungen zwischen Geldtransaktionen und WM-Vergaben finden, könnte die juristische Grundlage für eine Neuvergabe der Turniere in Russland oder Katar gegeben sein. Das hatte Domenico Scala, Compliance-Chef der Fifa, als Voraussetzung genannt.

Verdächtigungen gab es seit der umstrittenen WM-Vergabe Ende 2010 zuhauf. In den letzten Tagen kamen neue Anschuldigungen gegen Brasiliens langjährigen Fußball-Boss Ricardo Teixeira auf. Der Ex-Fifa-Vorstand und Schwiegersohn von Blatters Amtsvorgänger João Havelange soll 30 Millionen Euro aus der Golfregion auf ein Konto in Monaco erhalten haben. Die Fifa hatte eine Neuvergabe abgelehnt und von Verfehlungen einzelner Personen gesprochen.

Fifa fürchtet Schadensersatzansprüche

Im Falle eines WM-Entzuges kämen auf die Fifa allerdings enorme Schadenersatzansprüche seitens des betroffenen Landes zu. Immerhin wäre es dann die Fifa selbst, deren Leute korrumpiert wurden. Auch drohen aus den US-Verfahren Strafzahlungen. All das könnte sogar die Verhältnisse der Fifa, die über Reserven von mehr als 1,5 Milliarden Euro verfügt, übersteigen.

Nach SZ-Informationen soll der Weltverband eine der größten US-Kanzleien angeheuert haben, Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan LLP. Die Vertretung in Hinblick auf die Ermittlungen der US-Justiz wegen Korruption, Verschwörung und organisiertem Verbrechen soll William Burck übernehmen. Das Schweizer Verfahren ist von den Vorgängen in den USA unabhängig; es bezog sich zunächst auf die WM-Vergaben 2018/2022, dürfte aber ausgeweitet werden. "Das ist ein dynamischer Prozess. Es kann in jede Richtung gehen", sagte Lauber. Das FBI ist bereits auf eine Zahlung von zehn Millionen Euro von 2010-Gastgeber Südafrika an den Nord-/Mittelamerikaverband Concacaf gestoßen; das Geld kam aus der Fifa-Zentrale. Südafrika wies Korruptionsvorwürfe wie Russland und Katar stets zurück.

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