Fifa-Anhörung vor dem Europarat Druck von ganz oben

Kurzfristige Absage: Mohamed Bin Hammam kommt nicht nach Paris

(Foto: AP)

Der Europarat will Aufklärung über die Geschäftspraktiken der korruptionsgeplagten Fifa. Dazu hat der Ausschuss für Kultur und Sport zu einer Anhörung geladen. Mit Mohamed Bin Hammam sagt einer der wichtigsten Zeugen nun plötzlich ab - Branchenkenner hegen den Verdacht, Fußballboss Blatter habe Druck gemacht.

Von Thomas Kistner

Mohamed Bin Hammam, einst langjähriger Vorstand im Fußball-Weltverband Fifa und Chef des Asien-Verbandes, hat am Montag kurzfristig sein Erscheinen beim Europarat abgesagt. Dessen Ausschuss für Kultur und Sport lädt für Mittwoch in Paris zu einer Anhörung über die Geschäftspraktiken der korruptionsgeplagten Fifa, der Katarer hatte schon vor Monaten sein Kommen zugesagt.

Vergangene Woche jedoch war Fifa-Chef Sepp Blatter zur Audienz beim Emir von Katar in Doha aufgetaucht; Branchenkenner und Bin Hammam selbst hegten gleich den Verdacht, der Fußballboss wolle den Auftritt in Paris unterbinden. Zumal Blatter Tage zuvor Schweizer Europa-Abgeordneten bei einem Essen bedeutet hatte, er wolle Bin Hammam beim Europarat verhindern.

Der Vorgang entlarvt die von Blatter orchestrierte Reform der Fifa - für Offenheit und Transparenz - einmal mehr als Mogelpackung. Offenbar hat der Fifa-Boss über politischen Druck dafür gesorgt, dass ein Kronzeuge des Europarats mundtot gemacht wurde. Für die Deutung spricht Bin Hammams eigene Einschätzung der Situation. Am Freitag hieß es aus seinem Umfeld, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani könne die Paris-Reise noch verbieten. Sollte er dem Europarat absagen, so hieß es, "wissen die Leute wenigstens, warum".

Blatter meidet zwar diese besonders peinliche, weil öffentliche Anhörung. Er entsendet aber enge Getreue: seinen langjährigen Berater Jérôme Champagne sowie Theo Zwanziger. Der frühere Chef des Deutschen Fußball-Bundes ist nach Bin Hammams Rückzug erster Gastredner. Zwanziger, von den Spitzenkräften der DFB-Führung und des nationalen Fußballbetriebs längst erkennbar isoliert, ist auffallend Blatter-nahe, er warb wiederholt für dessen Integrität und hält ihn für die geeignete Kraft hinter der Reform-Übung. Dem Fifa-Vorstand gehört der oft pastoral auftretende deutsche Jurist erst seit 2011 an. Er soll hier die Statuten überarbeiten.

Bin Hammam galt ein Jahrzehnt lang als Blatters Engster. Doch "Bruder Mohamed" forderte den Amtsinhaber 2011 bei der Fifa-Präsidentenwahl heraus. Er stürzte drei Tage vor der Wahl über eine Bestechungs-Affäre, in der Folge sperrte ihn die Fifa lebenslang. Der Sportgerichtshof Cas hob diese Sperre auf, letzte Woche musste auch die Fifa ihre Ermittlungen einstellen.

In Paris dürften nun Fragen zum Thema Zeugen-Beeinflussung gestellt werden. Zumal die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International ihre Sportbeauftragte Sylvia Schenk entsendet. Auch der Europarat erwartet - nach der "plötzlichen" Absage am Montag - von Bin Hammam "ein formales Schreiben an unseren Vorsitzenden, inklusive Erklärungen und vielleicht eines schriftlichen Statements".

Das dürfte Wunschdenken bleiben. Am Montagabend teilte die Fifa plötzlich mit, Bin Hammam sei am Wochenende wieder mal zurückgetreten. Zugleich sperrte ihn die Ethikkommission erneut lebenslang: Chefermittler Michael Garcia habe jetzt Interessenskonflikte von 2008 bis 2011 nachgewiesen. Nichterwähnt wird die rechtssprechende Fifa-Instanz, die Richter Hans-Joachim Eckert (München) leitet. Diese Punktlandung der angeblich unabhängigen Fifa-Ethiker, zwischen Blatter-Visite in Katar und Zeugen-Auftritt in Paris, ist erklärungsbedürftig.