Fifa-Abschlussbericht zur ISL-Schmiergeldaffäre Abzockerei auf Kosten des Fußballs

"Blatters Glaubwürdigkeit ist jetzt noch weiter erschüttert": Transparency-International-Expertin Schenk über den Fifa-Präsident.

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Wieder bleibt die vielschichtige Rolle von Fifa-Präsident Blatter weitestgehend unbeleuchtet: Der Fußball-Weltverband hat den Abschlussbericht zur ISL-Schmiergeldaffäre veröffentlicht - und der stößt auf Skepsis. Denn er passt in den Prozess der Fifa-gesteuerten Selbstreinigung.

Von Thomas Kistner

Groß waren die Erwartungen nie an die Fifa-eigene Ethikkommission, als diese einen Abschlussbericht zur ISL-Schmiergeldaffäre beim Fußball-Weltverband erarbeiten sollte. Die Agentur ISL hatte einst mehr als 140 Millionen Schweizer Franken an Sportfunktionäre ausgereicht, ein großer Teil ging an hohe Fußballvertreter, Fifa-Chef Sepp Blatter wusste seit vielen Jahren von den Praktiken. Leise Hoffnung auf eine ernsthafte Aufarbeitung lag auf Hans Joachim Eckert, dem Chef der Ethik-Spruchkammer. Doch was der Münchner Richter nun präsentiert, hat die Fifa so verzückt, dass sie gleich eine Erklärung Blatters nachschob: "Ich stelle mit Zufriedenheit fest, dass in diesem Bericht bestätigt wird, dass 'das Verhalten von Präsident Blatter unter keinerlei Fehlverhalten von Ethikregeln fallen konnte'."

Auch der umstrittenen Fifa-Chefreformer Mark Pieth, dem jüngst in der Trace-Präsidentin Alexandra Wrage schon die erste Governance-Expertin türenknallend von der Fahne gegangen war, applaudierte.

Hingegen reagierten die unabhängigen Experten der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI) geschockt auf Eckerts Report. "Der Bericht spielt Blatters Rolle runter, er ist sehr unbefriedigend und verniedlichend. Eckert drückt sich um die zentralen Fragen", sagte die TI-Sportbeauftragte Sylvia Schenk. Integres Verhalten beginne "nicht erst an der Strafrechtsgrenze", schrieb sie dem bayerischen Richter ins Stammbuch.

Blatters Rolle bleibt fast völlig unbeleuchtet

4200 Seiten bekam Eckert vom Fifa-internen Chefermittler Michael Garcia vorgelegt. Die hat er in wenigen Wochen studiert und dazu eine neunseitige Erklärung gezimmert, die von Pieth als "umfassend und professionell" gelobt wird. Das stößt schon deshalb auf Befremden in der Branche, weil Blatters vielschichtige Rolle fast völlig unbeleuchtet bleibt.

Insbesondere die Frage, warum er von 1995 bis 1997 als hauptamtlicher Chef und Fifa-Generalsekretär in zwei Ausschreibungsverfahren für die Fernseh- und für die Marketing-Rechte an den Weltmeisterschaften 2002/06 alle anderen Bieter gezielt ausbremste, um die Partner von der ISL ins Geschäft zu hieven. Dies ist über die Geschäftskorrespondenz klar dokumentiert.

Warum Blatter dies tat, angeblich ja ohne zu wissen, dass diese ISL die Schmiergeldagentur für hohe Fifa-Leute um seinen Präsidenten und Förderer Joao Havelange war - das hätte man schon gerne gehört in einem sogenannten Ethik-Verfahren. Zumal andere Bieter teils signifikant höhere Gebote als die ISL gemacht hatten.

Die Konkurrenten wurden gar so massiv an der Nase herumgeführt, dass Eric Drossart, Chefmanager der US-Sportagentur IMG, Blatter persönlich anklagte: "Es fällt sehr schwer, zu einem anderen Schluss zu kommen als zu dem, dass hier zwei Sorten von Regeln angewendet werden. Eine für die ISL, und eine für alle anderen", schrieb er. Drossart nannte Blatters Zwischenbescheide während des Bieterverfahrens "kosmetische Übungen", um die Fifa gegen "künftige Vorwürfe der unfairen und unsauberen Wettbewerbsführung zu schützen" - die dmals bereits in der Presse erhoben werden.

Bestechung war das Geschäftsprinzip

Auch im Fifa-Vorstand regte sich so starker Verdacht, dass Vertreter aus Europa und Afrika die Einberufung eines "Arbeitskomitees" für die Rechtevergabe erwogen.

Doch Havelange sorgte dafür, dass die Verfahren in Blatters Händen blieben. Erst als das Duo an der Fifa-Spitze sogar eine Art Gemeinschaftsagentur mit der ISL ansteuerte, zogen Ende 1997 die oppositionellen Vorstände aus Europa und Afrika die Notbremse. Als dann im März 2008 sechs ISL-Spitzenmanager unter dem Chefstrategen Jean-Marie Weber vor dem Zuger Strafgericht standen, gaben sie zu, dass Bestechung das Geschäftsprinzip war.

Allein von 1989 bis 2001 brachte die ISL 142 Millionen Franken Schmiergelder für allerlei Sportverbände auf. Die Insolvenzverwalter fanden Dutzende Begünstigte, Tarnfirmen, Barauszahlungen. Bis heute ist aber nur ein Bruchteil dieser Riesensumme ihren Empfängern zuzuordnen - daher ist bis heute auch ungeklärt: Haben vom schmutzigen Spiel nur die paar Figuren profitiert, die auf den Zahllisten identifizierbar sind? Also nur Männer wie Havelange, sein Ex-Schwiegersohn Ricardo Teixeira und der Paraguayer Nicolas Leoz, die mit Tarnfirmen, teils aber auch namentlich vermerkt sind?