Von Sarina Pfauth

Pippi Langstrumpf fliegt durch die Halfpipe, die Langläufer laufen rum wie in den achtziger Jahren und Kati Witt versucht sich als Paris-Hilton-Double. Ein Abend Olympia im Livestream.

Natürlich geht es bei Olympia um sportliche Leistungen. Und auch um innere Werte und so. Aber mal ehrlich: Was sind ein paar Sekunden hin oder her gegen weiße Zähne, strohblondes Haar und ein bezauberndes Lächeln?

Kati Witt, Getty

Kati Witt als Paris Hilton: "Mir war kalt, da musste ich eine Mütze aufsetzen." (© Foto: Getty)

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Nehmen wir zum Beispiel Skirennläuferin Lindsey Vonn, die am Abend eine Goldmedaille bei der Damen-Abfahrt einfährt. Vonn steckt in einem hautengen Rennanzug in den Farben ihres Heimatlandes, der ihre durchtrainierte Figur betont (vielleicht etwas zu sehr, in den USA wurde in der vergangenen Woche eine Diskussion darüber geführt, ob ein Foto von Vonn in Rennpose sexistisch sei).

Wenn die 25-Jährige nach dem Rennen ihren Helm abnimmt, fallen lange blonde Haare heraus, die sie während der späteren Interviews unter einer süßen weißen Strickmütze mit bunten, olympischen Ringen bedeckt. Ein paar Tränchen dekorieren die Wangen - und fertig ist die "strahlende Siegerin". Sie lächelt, sie sagt nette Dinge über Maria Riesch, mit der sie mittelfristig wieder enger befreundet sein will. Sie spricht über ihre fürchterlichen Schienbeinschmerzen. Und man möchte unbedingt, dass sie weiterredet. Worüber? Eigentlich egal. Ihre Zeit? Schon vergessen. (Nein, nicht ganz: Es waren 1:44,19 Minuten.)

Gutes Aussehen schadet der Sportlerkarriere jedenfalls nicht. Sponsoren, das Publikum und natürlich die Fernsehkameras haben Augen im Kopf - und bei Olympia zählt nicht nur der Wettkampf, sondern auch die Show. Sein und Schein, beides hat Gewicht.

Das sagt auch der Kommentator des Snowboardwettbewerbs in der Halfpipe: "Gerade der Style zählt viel". Hosen auf Halbmast, schrille Jacken, bunte Boards: Wer in einem solchen Outfit durch die Luft wirbelt, sieht sofort um Klassen cooler aus als die Kollegen vom Biathlon - und zieht nicht zuletzt durch Äußerlichkeiten junge Zuschauer in aller Welt vor den Fernseher. Während das ZDF die Qualifikation der Snowboarder überträgt, zeigt die ARD einen Beitrag über den kurze Zeit später gekrönten Snowboardkönig: Shaun White, 23 Jahre alt, mit eigener Halfpipe in den Rocky Mountains, Leibwächtern, Koch und Flugzeug. The Flying Tomato nennen sie ihn, wegen der roten Haare. Zu denen fällt den Kollegen von der ARD noch eine Menge mehr ein: Eine "Pippi Langstrumpf des Schnees" sei er, ein "bunter Hund" und ein "rotes Tuch für seine Gegner". Die Zeit, sonst eher zurückhaltend bei Äußerlichkeiten, schreibt schlicht: "Die Mädchen lieben seine Haare".

So gut wie White hat es nicht jeder: Manch andere Olympioniken sind in der Kategorie Aussehen von der Natur und den Wettkampfregeln stark benachteiligt. Zuvorderst natürlich die Curler. Wer einen Wintersport im kurzärmligen Polohemd betreibt und dazu schwarze Hosen trägt, mit denen man auch locker in einem Büro der Deutschen Bank auftauchen könnte, der kann nicht erwarten, als Sportler ernst genommen zu werden. Viel besser sind auch die Eisschnellläufer in ihren Wurstpellen nicht dran. Den Kasachen Denis Kuzin traf es besonders hart, weil von seiner eingeschweißten Brust eine große gelbe Sonne leuchtete. Sein Rivale aus Japan hingegen sah aus wie Spiderman in Goldpapier, was zumindest irgendwie extravagant war. Und dann sieht man an diesem langen Olympia-Fernsehabend noch die Langläufer. Eine ganz eigene Spezies - und das wohl uneitelste Sportlervolk auf diesem Planeten.

Der Moderator stellt die Teilnehmer des Halbfinals vor: Der bärtige Wikinger steht links, daneben Musti, der Schwarze - ein dunkelhaariger Finne. Vorher, im Viertelfinale, sah die Nummer 14 in ihrem weißen, hautengen Overall aus wie Frau Holle. Die war es aber nicht, sondern der Doppelolympiasieger von Turin, Björn Lind.

Dann wird rübergeschaltet zu den Frauen. Dort erscheint die Italienerin Magda Genuin mit weißer Bommelmütze. Unschön. Im Bild taucht dann Kikkan Randall aus den USA auf, die in der Schule "Kickanimal" genannt wurde, weil sie die Klassenarbeiten immer zuerst abgab. Sie trägt heute einen knallroten Anzug und dazu eine rosa gerahmte Sonnenbrille. Modisch gesehen: schwierig.

Und dann, der modische Clou: Haufenweise Langläufer fahren mit Stirnband. Dieses Accessoire schien jahrelang ausgestorben zu sein, aber nein: Im Langlaufsport fand es Unterschlupf, dort ist es nach wie vor en Vogue.

Die größte modische Überraschung des Abends gelang jedoch zwei Expertinnen: Ex-Eiskunstläuferin Kati Witt und Ex-Schwimmerin Franzi van Almsick sollten Maria Riesch von einer Tribüne aus moralisch unterstützen. Dort oben erschienen dann aber zwei Damen, die man nur mit Mühe als zwei ehemalige deutsche Leistungssportlerinnen enttarnen konnte. Sie trugen riesige Sonnenbrillen und auf Witts Kopf trohnte ein Ungetüm aus Fell. Dieses Mützenmodell kennt man sonst eher von russischen Neureichen. "Das Outfit sah stylisch aus", konstatierte Moderator Michael Antwerpes später auf dem Sofa. "Das trägt man jetzt so".

Kati Witt schien sich dessen aber schon nicht mehr so sicher zu sein. "Ich hab ne Sms gekriegt", gab sie zu: "Was macht Paris Hilton da oben auf der Bühne? Aber mir war kalt, da musste ich eine Mütze aufsetzen."

Sie hatte einfach keine Wahl.

Im Video: Die Brüder Linger haben für Österreich die erste Goldmedaille bei den olympischen Winterspielen in Kanada geholt.

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(sueddeutsche.de/segi)