Von Ein Kommentar von Thomas Hummel

Schiedsrichter stehen am Pranger: Vier Tore wurden übersehen, einmal dem Falschen die rote Karte gezeigt. Nur die Herren der Fifa wollen am entwürdigenden Schauspiel nichts ändern.

Neuerdings streben immer mehr erregte Menschen auf den Haupttribünen Richtung Presseplätze. Dort sitzen die Medienleute vor ihren Bildschirmen - und damit vor des Rätsels Lösung, in München raunte am Sonntag ein stattlicher Schnauzbartträger einem verdutzten Journalisten zu: "Wos hod er denn da wieda pfiffa? War's denn abseits?"

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Schiedsrichter sind häufig Ziel von Klagen (hier eine Szene aus Bielefeld). Die Zuhilfenahme des Fernsehbeweises könnte helfen. (© Foto: ddp)

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Der Reporter konnte den vor Wut erröteten Besucher beruhigen: Ja, es war abseits. Doch dieser Szene wohnt das Paradoxon der modernen Fußballwelt inne: Mit technischen Hilfsmitteln wird bald jeder Zuschauer im Stadion nach Sekunden wissen, ob der Schiedsrichter richtig "pfiffa hod" oder nicht. Am Fernsehschirm ist das ohnehin längst der Fall. Nur der bedauernswerte Leiter des Spiels, der weiß es nicht. Und so bietet der Fußball so tragische Vorfälle wie beim Zweitligaspiel TSV 1860 gegen TuS Koblenz.

Dort hatte Schiedsrichter Stefan Lupp nach 20 Minuten ein Foul gepfiffen, als 1860-Stürmer Berkant Göktan Richtung Tor gesprintet war und von einem Koblenzer Verteidiger umgestoßen wurde. Lupps Ansinnen, die rote Karte zu geben, war deutlich. Wie üblich wurde der Unparteiische in Sekundenschnelle von Koblenzer Spielern umringt, die ihn bedrängten, auf ihn einredeten - und in diesen Sekunden geschah es: Lupp vergaß, wer der Übeltäter war. Die Information entfloh aus seiner Erinnerung, und wie es mit der menschlichen Erinnerung so ist: Sie kam nicht mehr zurück.

Es folgte ein Schauspiel, das jämmerlicher kaum hätte sein können. Lupp galoppierte rückwärts zum einen Linienrichter, im Fernsehen (wo auch sonst) konnte man den Dialog verfolgen. Lupp: "Nummer? Nummer?" Linienrichter: "Scheiße." Lupp lief quer über den Platz zum anderen Linienrichter, der Dialog dürfte der selbe gewesen sein. Es war ein öffentliches Beispiel für kollektives menschliches Versagen.

Auf der Pressetribüne wusste längst jeder, dass der Koblenzer Bajic das Foul begangen hatte. Nur Lupp lief unten auf dem Rasen verstört wie ein in die Enge getriebenes Beutetier umher, fragte sogar Spieler um Rat. Das dauerte fünf Minuten. Dann zeigte Lupp dem Falschen die rote Karte. Matej Mavric musste zu seiner Überraschung vom Platz. Kollege Bajic hielt sich vorsichtshalber von dem Tumult fern.

Wieso es in einem derartigen Fall nicht möglich sein soll, dass der vierte Schiedsrichter oder sonst ein Offizieller am Spielfeldrand sich am Monitor informiert und den Kollegen Lupp aufklärt, erschließt sich bald nur noch den alten Herren der Fifa. Der Fußball-Weltverband lehnt die Einführung eines TV-Beweises strikt ab.

Die Szene in München hat auch die Diskussionen um einen Torrichter überholt, nachdem binnen weniger Tage sage und schreibe vier reguläre Treffer in der Bundesliga nicht anerkannt wurden, obwohl der Ball nach Studie der Fernsehbilder hinter der Linie war. Doch selbst in dieser, wichtigsten aller Fußballfragen - drin oder nicht drin? - darf dem Schiedsrichter auf dem Platz nicht geholfen werden.

Unter diesen bisweilen entwürdigenden Umständen der Bloßstellung ist es fast bewundernswert, dass ein 29-jähriger Mensch wie Stefan Lupp den Mut aufbringt, sich in ein Stadion mit mehreren zehntausend Menschen zu begeben, beobachtet von Millionen am Bildschirm. Und er ist im Zweifel der einzige, der nicht weiß, was wirklich passiert ist.

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(sueddeutsche.de)