Fechten Gescheiterte Klavierspieler

Heile Welt: Die Florett-Männer holten 2012 Olympia-Bronze.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Jahrelang hat der Fechter-Bund viel versäumt. Nun gibt es die Quittung: Erstmals seit 60 Jahren verpassen alle deutschen Teams Olympia.

Von Volker Kreisl

Ein kleines bisschen Hoffnung blieb natürlich bis zum Schluss. Die letzte Chance eines ganzen Jahres ergab sich weit weg, in Vancouver. Dort, im Westen Kanadas, sollten die deutschen Degenfechter das Kunststück schaffen, das alle anderen Fecht-Teams des Landes nicht zuwege brachten. Nämlich einen gewaltigen Punkterückstand in der Weltrangliste mit einem Schlag ausgleichen. Irgendwie also über sich hinauswachsen, alle schlagen, auch den Weltmeister, und dann Erster werden. Aber über sich selber hinauswachsen kann man eben nicht.

Die Degen-Männer fochten in Vancouver genauso limitiert wie in den Wochen zuvor die Degen-Frauen, die Florett-Männer und ihre Kolleginnen am Säbel. Mit Rang sechs in Vancouver verpassten auch sie die letzte Chance, sich für die Olympischen Spiele in Rio zu qualifizieren. Was sie derzeit können, reicht nicht im Weltvergleich. "Wir sind sehr enttäuscht. Die Aufgabe war am Ende zu groß", sagte Sven Ressel, der Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bunds (DFB). Bei den Olympischen Spielen im August in Rio wird der Verband, der sich traditionell stark über die Team-Erfolge definiert, nur mit einer Handvoll Einzelsportlern vertreten sein - erstmals seit 60 Jahren ohne Mannschaft. Er steckt nun in der wohl schwierigsten Situation seines Bestehens. Fechter-Präsident Dieter Lammer sagt: "Der Tiefpunkt ist erreicht."

Damit verpasst der DFB einige wichtige Medaillenchancen, und zugleich wohl künftige Fördergelder vom Dachverband DOSB. Aber es geht noch um mehr. Bei Olympia hat eine Disziplin wie das Fechten eine seltene Chance, Werbung zu machen für den schwer verständlichen Masken-Sport. Und vor allem die hitzigen Mannschaftskämpfe, die mit vielen Führungswechseln den Zuschauer über mehr als eine Stunde in Atem halten, die sich nicht selten dramatisch zuspitzen, wären eine solche Gelegenheit.

Zudem verlieren die Deutschen nun mit jeder Mannschaft je drei Startplätze. Die wurden oft auch mit Jüngeren besetzt, die sich erstmals bewähren durften, wie Britta Heidemann, die schon 2004 in Athen mit dabei war und in Peking dann Olympia- siegerin wurde. Diese Form der Talent- Köderung fällt beim Männer-Florett und Frauen-Degen nun gleich zweimal nacheinander aus: Gemäß olympischer Waffenrotation gibt es 2020 in Tokio in den beiden Disziplinen keine Team-Wettkämpfe. Die Aussichten sind trübe.

Dem gesamten deutschen Verband steht ein tief greifender Umbau bevor. "Es ist jetzt der Zeitpunkt, einen Neuanfang zu starten und alles auf den Prüfstand zu stellen", sagt Lammer, und damit meint er "auch die Trainer". Nachdem Vorgänger Lothar Blase zurückgetreten war, ist Lammer erst seit einem Monat im Amt, er sagt, er sei offen für jeden Beitrag. Doch Beiträge zu sortieren wird nicht ausreichen. Die Niederlagen der Fechter wie das entscheidende, klare 30:45 in Vancouver gegen die Ukraine sind die Ergebnisse an der Oberfläche. Darunter wuchert ein unübersichtliches Interessengeflecht mit lauter Konflikten. Lammer wird mehr brauchen als eine gute Idee. Er wird auch das zeigen müssen, was seinen Vorgängern fehlte: die Autorität, etwas durchzusetzen.

Die gute Idee ist nicht so schwer zu finden. Das Fechten hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend geändert. Seit dem Auszug einer Vielzahl von Trainern aus den osteuropäischen Ländern in die ganze Welt wird auch in Asien und Nordamerika hochklassig gefochten. Aus den fünf großen Fecht-Nationen, zu denen einst auch Deutschland zählte, sind nun zehn bis zwölf geworden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland nach Schätzungen von Experten nur noch höchstens halb so viele Fechter. Der Verband braucht also wie alle erfolgreichen Sparten ein System, das seine Talente auf dem Lande über Vereine, Landeszentren und Bundesstützpunkte bis in die Weltklasse begleitet, immer mit derselben Idee und gerecht aufgeteilten Fördergeldern.

Zur Hochphase gewannen die Frauen 1988 in Seoul sogar Gold.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Das ist die Theorie, doch schon auf unterster Ebene hakt sie. Die Fecht-Schule ist ja wie Klavier- oder Gesangsunterricht. Es ist eine der wenigen Sportarten, in der die Talente Einzelunterricht brauchen. Da wird keine Gruppe dirigiert, sondern jeder erhält eigene Lektionen, also intensive Wiederholungen von Attacken und Paraden, nur zwischen Lehrer und Schüler. Fechtunterricht kostet mehr Geld als Fußballunterricht, und weil das keiner zahlt, arbeiten viele Vereinstrainer für ein klägliches Honorar, oder sie sind überfordert. Der ehemalige Junioren-Bundestrainer Artur Wojtyczka trainiert heute beim MTV München, er sagt: "Wir erleben es ständig, wie uns Talente durch die Lappen gehen." Er glaubt, die Deutschen hätten es jahrelang versäumt, ein Trainer-Ausbildungssystem wie etwa in Nordamerika aufzubauen, "und bis man gute Trainer hat, dauert es drei, vier Jahre".

Wojtyczka hält die Trainerfrage für entscheidend. Doch der Aufstieg der Talente wird auch durch eine unsichtbare Mauer zwischen den Landesverbänden und den Bundestrainern aufgehalten. Nicht nur Degen-Bundestrainer Didier Ollagnon, der gerade in Vancouver gescheitert ist, ringt seit Jahren mit regionalen Chefs um Kooperation oder wenigstens um die Freigabe von Top-Talenten. Dabei zeigen die Beispiele der vielen nun enteilten Nationen, dass ein Team nur durch gemeinsames, hochklassiges Training mithalten kann.

Reichlich Argwohn und Misstrauen ist im Spiel, man unterstellt sich gegenseitig Postengeschacher, Amateurdenken oder Hochnäsigkeit. Dieter Lammer, der neue deutsche Fecht-Chef , hat also eine gewaltige Aufgabe vor sich. Er setzt nun vor allem darauf, dass sich im deutschen Fechten "endlich das Bewusstsein ändert". Immerhin, die wichtigste Voraussetzung für eine Bewusstseinsänderung wäre seit Sonntag geschaffen: ein Tiefpunkt.