FC St. Pauli Ein Sieg für die alten Gefühle

Freude am Millertor: Marc Rzatkowski und der FC St. Pauli fügen RB Leipzig die erste Niederlage in der Rückrunde zu.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Die Hamburger gewinnen das Spiel gegen RB Leipzig, das Trainer Ewald Lienen als "Klassenkampf" bezeichnet hatte. Das wirft die Frage auf: Ist der Außenseiter nun selbst eine Spitzenmannschaft?

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Zu gern hätten die 29 546 Zuschauer im ausverkauften Millerntor-Stadion gewusst, was nach dem 1:0-Sieg des FC St. Pauli gegen Tabellenführer RB Leipzig im Mannschaftskreis der Paulianer auf dem Rasen besprochen wurde. Trainer Ewald Lienen hat später zumindest einen Satz verraten. Er habe seinen Spielern vorgehalten, nur einen Treffer erzielt zu haben "und wieder nichts für unser Torverhältnis getan zu haben".

Lienen konnte gut flachsen. Zum dritten Mal nacheinander hatten die Hamburger den großen Zweitliga-Favoriten mit dem Brausegeld 1:0 bezwungen. Es war die erste Auswärtsniederlage der Sachsen in dieser Saison, und Pauli-Torwart Robin Himmelmann hatte zum elften Mal seinen Kasten komplett sauber gehalten. Dafür hatte er mit fantastischen Reflexen etwa gegen Willi Orban (per Fuß, 20. Minute) und bei einem Kopfball von Marcel Sabitzer (38.) einiges beigetragen.

Ewald Lienen hatte vor dem Spiel vom Klassenkampf gesprochen

Die kampfkräftigen Hamburger konnten auch deshalb stolz auf diesen Triumph sein, weil Leipzig "seit zwei Jahren die beste Mannschaft war, die am Millerntor aufgetreten ist", wie Pauli-Sportchef Thomas Meggle unwidersprochen analysierte. Und so wie Ende der Achtzigerjahre, als der eher linksgerichtete Kiezklub bei einem Gastspiel des FC Bayern von einem "Klassenkampf" sprach, hatte auch Lienen diesen Begriff jetzt benutzt. Die Gäste haben nämlich mehr Geld für Zugänge ausgegeben als die übrigen 17 Zweitliga-Vereine zusammen.

Nicht nur bei Linksverteidiger Daniel Buballa erwachten die alten Pauli-Gefühle: "Wenn man als Underdog reingeht, macht es doppelt Spaß", gab er hinterher zu Protokoll. Die Frage ist nur: Ist der FC St. Pauli, der zumindest bis Montag die gleiche Zahl an Pluspunkten hat wie der Tabellendritte 1. FC Nürnberg, nicht selber eine Spitzenmannschaft? Ewald Lienen sagt es so: "Wir sind zu Spitzenleistungen fähig, aber erst, wenn wir auch gegen tiefer stehende Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte Siege einfahren, könnte man uns so nennen."

Die Hamburger kommen mit gefühlten 35 Prozent Ballbesitz aus

Das ging in dieser Saison schon manches Mal schief. Der nächste Test dieser Art steht am Freitag an, wenn der Tabellenvierzehnte FSV Frankfurt ans Millerntor kommt. Gegen die Leipziger kamen die Hamburger, wie zuletzt beim 2:0 in Fürth, mit gefühlten 35 Prozent Ballbesitz aus. Sie hatten eine Abwehr, die schon bei der einzigen Sturmspitze Lennart Thy begann. Und sie hatten die Innenverteidiger Lasse Sobiech und Philipp Ziereis, die gegen die Ausnahme-Angreifer Yussuf Poulsen und Emil Forsberg immer noch ein Bein dazwischen brachten.

Wenn man hinten so gut steht, sich zuweilen "wie ein Kaninchen vor der Schlange einigelt" (Tierfreund Lienen), und zudem manchmal Glück hat (laut Statistik gaben die Leipziger 29 Torschüsse ab), reicht schon ein Konter, um den überlegenen Gegner aus dem Konzept zu bringen. Das sei "kein Hexenwerk", wie Lienen kundtat. Aber es war in der 8. Minute schon ein besonders brillanter Konter: Thy schaufelte den Ball zu Christopher Buchtmann, der auf dem linken Flügel freigelaufen war, der passte auf den durchstartenden Buballa. Der wiederum bediente Marc Rzatkowski, der die Kugel flach ins Tor drosch.

Ralf Rangnick führt eine neue Fußball-Vokabel ein

Leipzigs Trainer Ralf Rangnick tröstete sich ein wenig mit den guten statistischen Werten, kritisierte aber die entscheidende Szene: "Da haben wir nicht gut restverteidigt." Ein kurioses Wort, was laut Rangnick heißen sollte: Die Innenverteidiger Orban und Marvin Compper waren zu weit weg von Thy, als dieser den Angriffszug einleitete. Und wie es so ist, wenn man nach Einwechslung weiterer Offensivspieler (Davie Selke, Massimo Bruno) Alles oder Nichts spielt, hatte Leipzig am Schluss sogar noch Glück: Bernd Nehrig traf die Latte des RB-Tores (77.), Fafa Picault den Pfosten (88.).

Sorgen muss sich der Tabellenführer aber kaum machen. "Ich wünsche Leipzig viel Glück", sagte Lienen, bevor sich Rangnick zum Mannschaftsbus aufmachte, "aber ich glaube nicht, dass sie es brauchen."