FC Bayern Zu leicht für das Duell mit den schweren Jungs

Keylor Navas (links) pariert, Franck Ribéry ist enttäuscht.

(Foto: AFP)

Will der FC Bayern das Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid noch drehen, muss ein Trommelfeuer à la Liverpool her. Doch die Mannschaft hat ihre besten Jahre hinter sich.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

So ein Champions-League-Halbfinale ist im Wesenskern auch nichts anders als ein Boxkampf - es geht darum, den Gegner auf die Bretter zu schicken, ihm den Knockout zu versetzen. Wie im Boxen gibt es auch im Fußball Gewichtsklassen, was nicht nur deshalb deutlich wurde, weil der FC Bayern gewogen und zumindest im Hinspiel für zu leicht befunden wurde. In einem Duell, in dem Real Madrid mit wenigen Schlägen auskam, um bei den Münchnern trotzdem nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Wer mitzählte, kam auf nur vier scharfe Hiebe, mit denen sich die Madrilenen begnügten: Jene von Marcelo und Asensio landeten krachend im Netz, Ronaldos einziger Schlag traf ebenfalls ins Ziel, wurde aber als regelwidrig eingestuft, und als Benzema kurz vor dem letzten Gong austeilte, bekam Torwart Ulreich soeben noch die Deckung hoch. Vier Schläge, trotzdem 2:1 - so boxt nur einer, der sich all seiner Qualitäten sicher ist.

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Raserei in Liverpool, Kampfabend in München

Wenn man so will, wurde in den Halbfinal-Hinspielen in verschiedenen Klassen gekämpft. Der FC Liverpool von Trainer Jürgen Klopp und die AS Rom trafen sich im Weltergewicht (bis 66,678 kg), also dort, wo in den besseren Fights blitzartige Intervalle geschlagen werden, die das menschliche Auge überfordern. Wo sich jene treffen, die ihre Zukunft noch vor sich zu haben glauben. Sieben Tore wurden aneinandergereiht, und der Beste, Mo Salah, war bis zur 75. Minute in keiner Ringecke zu stellen. Anstatt jedoch mit 5:0, wie es bei der Auswechslung des Ägypters stand, reist Salah-Liverpool nun mit dem nicht gar so bequemen 5:2 zum Rückkampf nach Italien. Jetzt noch einmal so ein 3:0 wie im Viertelfinale gegen Messi-Barcelona, und die Römer stünden aufgrund der Auswärtstorregel im Finale.

Kontrastiert wurde diese herrliche Raserei Kloppscher Prägung vom Münchner Kampfabend, in den die beiden Schwergewichtler fast wie in Zeitlupe starteten. Jeder Athlet, der es in dieser Klasse bis nach ganz oben geschafft hat, weiß aus seiner ruhmreichen Vergangenheit, dass ein einziger Hieb genügt. Im Super-Schwergewicht trommelt niemand seinen Gegner mürbe, aufgrund der Schlaghärte genügt der Lucky Punch. Der eine Treffer, der zu Boden schickt.

Real scheint sein Spiel in dieser Pragmatik noch einmal optimiert zu haben. Die Champions-League-Triumphe 2016 und 2017 formten eine Macht, die lauert, die ewig warten kann, weil sie weiß, wie man so einen Abend kontrolliert. Das Spiel von Real ist furchterregend konkret geworden, sogar dann, wenn Ronaldo wie jetzt in München im Flaniermodus unterwegs ist. Der FC Bayern hingegen, Weltmeister aller Klassen von 2013, fuchtelte wild durch die Gegend und merkte spätestens in der Nahdistanz, im Strafraum, dass er die Orientierung verloren hatte.

Was noch helfen könnte? Jetzt, da in Madrid mindestens zwei Tore nötig sind? Ein Trommelfeuer à la Liverpool vielleicht, aber dazu müssten die Münchner noch einmal abkochen. Sie müssten tief runter ins Weltergewicht, dorthin, wo die pfeilschnellen Jungs zu Hause sind. Doch das klappt nach allen biologischen Erkenntnissen nicht, schon gar nicht mit einer Elf, die bereits im Hinspiel sehr gelitten hat. Und die zudem ahnt, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hat.

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