Der FC Bayern erlebt am ersten Oktoberfestsamstag eine historische Niederlage gegen Bremen. Franz Beckenbauer rät Klinsmann anschließend zum Wiesnbesuch samt Frustbesäufnis.
Touristen fragen in München gerne, warum das Bier hier aus so großen Krügen getrunken wird. Endlich gibt es eine sinnvolle Antwort: Damit die Fans des FC Bayern schneller ihren Frust ertrinken können.
Anzeige
Für die 2:5-Niederlage an diesem Samstag reicht ein kleines Pilsglas wahrlich nicht, ohne hier den Alkoholkonsum verniedlichen zu wollen.
Allein den Wirten auf dem Oktoberfest konnte es gleich sein, wie der FC Bayern sein Heimspiel gegen Werder Bremen meisterte: Bier eignet sich zum Trösten ebenso wie zur Siegesfeier.
Der Deutsche Meister muss sich aber schon fragen, was ihm an diesem ersten Wiesn-Samstag widerfahren ist: Ein Unglück? Eine Blamage? Eine Revanche?
Zur Erinnerung: Vor einem Jahr hatte der FC Bayern mit Franck Ribéry die Bremer mit 4:0 vorgeführt. Auch ohne Ribéry, dessen Comeback kurzfristig um eine Woche verschoben werden musste, schien der FC Bayern den alten Erzfeind von der Weser nicht fürchten zu müssen.
Bremen hatte bis dato erst einen Sieg aus drei Bundesligaspielen sowie das peinsame 0:0 gegen Famagusta vorzuweisen. Die Münchner hingegen standen als Zweiter in der Liga und Erster in der Champions-League-Gruppe zumindest in der Statistik bestens da.
Dass vielleicht doch nicht alles in Ordnung ist in dieser Elf, hatte die kümmerliche zweite Halbzeit in Bukarest gezeigt. Das lieblose bis dreiste Verwalten des dürren 1:0-Vorsprungs in der Champions League ließ schon am Charakter der Mannschaft zweifeln, dass sie sich daheim gegen Bremen aber mit fünf Gegentoren vorgeführen lässt, hätte der größte Pessimist nicht erwartet.
Dafür brauchte es obendrauf noch eine äußerst miserable Tagesform, etwa von Torwart Michael Rensing, um nur mal von hinten anzufangen mit der Schelte. Bereits nach drei Minuten sprang Rensing energisch in eine Bremer Flanke - und rauschte dann erstaunlich weit am Ball vorbei. Das hatte auch Per Mertesacker nicht gedacht, er verpasste knapp den nun unbewachten Spielball.
Daraufhin bekam der FC Bayern den Gegner fürs Erste in den Griff, das von Klinsmann gebastelte fünf Mann starken Mittelfeld mit Lahm, Lell, Schweinsteiger, Zé Roberto und van Bommel spielte sich die Bälle recht flüssig zu, auch Podolski lief eifrig. Das Ganze war schön anzuschauen, täuschte aber eine Münchner Dominanz nur vor, für einen ordentlichen Torschuss reichte es nicht.
Und so war es Pizarro (für Bremen), der dem gegnerischen Tor erstmals gefährlich nahe kam: Er nahm einen weiten Pass von Diego gekonnt mit, spielte Demichelis spielend leicht aus, lupfte dann auch noch elegant den Ball über Rensing - und scheiterte am Pfosten.
Noch war die optische Überlegenheit der Münchner aber nicht gebrochen. Bis der starke Mesut Özil in der 30. Minute einen genauen Pass in den Laufweg von Markus Rosenberg legte, der an Michael Rensing vorbei zum 1:0 einschob. Also eigentlich zum 0:1, denn der Außenseiter führte.
Vielleicht wäre doch noch alles gut geworden, wenn Lukas Podolski nur drei Minuten später mit seinem schwachen Fuß einen nicht ganz so schwachen Schuss abgegeben hätte, doch er hob den Ball aus kurzer Distanz weit über die Latte. Luca Toni köpfte in der 39. Minuten aus neun Metern frei stehend - zu harmlos für Bremens Schlussmann Tim Wiese. So weit die Münchner Chancen.
Zurück zu Rensings schwarzem Tag: Er hätte in der 45. Minute einen Freistoß von Özil festhalten müssen, doch Rensing ließ den Ball vor die Füße von Naldo abtropfen, der erhöhte auf 2:0.
Immerhin blieb dem FC Bayern noch eine Halbzeit, um das Spiel zu drehen.
Doch zum Unvermögen kam an diesem Samstag auch noch das Pech hinzu - das 3:0 von Özil war ein Traumtor, zu dem neben einer guten Schusstechnik eben auch etwas Glück gehört.
"Hinten sehr offen"
Hatte jemand noch nicht getroffen? Genau, Pizarro, der Ex-Münchner und Neu-Bremer. Auch er durfte mal: Aus kurzer Distanz spitzelte er den Ball an Rensing vorbei, besonders schlechte Haltungsnoten bekamen Lahm und Demichelis in der Verteidigung.
Auf der Tribüne saß ein versteinerter Franck Ribéry, dessen kleine Tochter tatsächlich klatschte - der Jubel der lautstarken Bremer Fans hatte sie wohl mitgerissen.
Es folgte auch noch das 0:5 aus Münchner Sicht, erzielt von Rosenberg, erneut lenkte Rensing einen Freistoß nicht lehrbuchhaft zur Seite ab, sondern schulbubhaft zum Gegner.
Am Münchner Debakel konnten die beiden Anschlusstore von Tim Borowski nichts mehr ändern. Darum nur kurz an Borowski der Glückwunsch zur sehr ausgezeichneten Schusstechnik.
Von der Statistik nun zur Analyse und der Frage: Was war hier eigentlich passiert?
"Ich muss lange zurückdenken, dass ich einmal so hoch verloren habe", sagte ein zerknirschter Mark van Bommel, der als Einziger nach dem Schlusspfiff zu den wenigen ausharrenden Münchner Fans geschritten war. "Das erste Tor war ein Freistoß, bei dem wir nicht aufpassen. Das 2:0 darf auch nicht passieren. Und in der zweiten Halbzeit waren wir sehr offen hinten", bilanzierte van Bommel.
Sein Mitspieler Tim Borowski nutzte das Interview, um sich angesichts der "desolaten Leistung" nun "bei jedem Fan im Stadion zu entschuldigen".
Eine Erklärung war das allerdings noch nicht. Franz Beckenbauer zumindest verzichtete auf eine harte Schelte und gab zu, vergleichbare Niederlagen als Spieler auch schon mal erlebt zu haben.
Jürgen Klinsmann konnte beim Interview sogar noch lächeln: "Wir hatten genügend Möglichkeiten ein Tor zu machen, aber immer wenn wir dran waren ein Anschlusstor zu erzielen, kam der nächste Hammer". Die kommende Woche wird für ihn nicht angenehm werden, erstmals seit dem 1:4 der Nationalmannschaft gegen Italien im März 2006 muss er als Trainer das totale Versagen seiner Mannschaft eingestehen.
"Jürgen, fahr auf das Oktoberfest"
"Die Mannschaft wird selbstkritisch mit der Klatsche umgehen. Das ist eine Niederlage aus der wir sehr viele Schlüsse ziehen werden, aber es tut weh, keine Frage", sagte Klinsmann. "Das wir derart auf die Mütze bekommen haben, muss man wegstecken, das habe ich der Mannschaft in der Kabine eben gesagt, wir werden wir aufstehen, am Mittwoch steht schon das nächste Spiel an", tröstete er sich.
Franz Beckenbauer hatte für Klinsmann am Ende noch einen Ratschlag: "Jürgen, fahr auf das Oktoberfest und trinke ein paar Wiesnmaß, aber fahr nicht mit dem Auto nach Hause." Klinsmann dürfe zwei Maß trinken, so Beckenbauer, die Spieler vielleicht besser drei, "das wäre jetzt das Beste, ein paar Maß Bier und fertig, da muss man nicht mehr analysieren".
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Bundesliga RSS
- Fußball-Bundesliga Helmes nicht zu bremsen 19.09.2008
- FC Bayern: Franck Ribéry Der Wellenbrecher 17.05.2010
- Bundesliga: 1. FC Nürnberg Sieger auf Euro-Suche 17.05.2010
- Bundesliga: Relegation Jungbrunnen für Franken 16.05.2010
- FC Augsburg: Einzelkritik Wütende Bolzer 14.05.2010
- Bundesliga: Relegation Wahlkampf in Nürnberg 14.05.2010
- Bundesliga: Relegation Eigler erlöst Nürnberg 13.05.2010
(sueddeutsche.de/marb)
Erster Arbeitstag als Chef der Deutschen Bank
alle Achtung. Kein Kommentar zu diesem Artikel!? Muss ja wirklich ein lang anhaltender Schockzustand sein für die Bayernfans. Oder ein ausgewachsener Kater, da so mancher Beckenbauers Rat gefolgt ist.