FC Bayern Ultras und Hooltras

Die Fangruppe Schickeria nimmt Stellung zu Übergriffen einiger Mitglieder, bei denen eine Frau schwer am Auge verletzt wurde. Eigentlich schwören "Ultra"-Gruppen der Gewalt ab - dennoch ist die Staatsmacht ihr größter Feind.

Von Markus Schäflein

Es ist ihnen schwergefallen, die richtigen Worte zu finden. Nach den schlimmen Ausschreitungen an einer Autobahnraststätte am Samstag haben sich die Vertreter der Ultra-Gruppierung Schickeria viel Zeit gelassen. Sie vermuteten, dass die Klubführung des FC Bayern München und einige Journalisten, die von Berufs wegen mit Worten sicherer umgehen, ihre Aussagen fehlinterpretieren wollten. Jetzt haben sich die Ultras dennoch zu einer Stellungnahme durchgerungen. "Wir distanzieren uns als Gruppe von den Flaschenwürfen auf Personen durch Einzelne'', teilte die Schickeria mit, von einem "feigen, lebensgefährlichen und zu verurteilenden Akt''.

Die sogenannten Ultras unter den Fußballfans sind bekannt für aufsehenerregende Choreografien. Manche sind aber auch gewaltbereit.

(Foto: Foto: AFP)

Man darf diese Worte ernst nehmen. Denn Ultras, am ehesten als "Extrem-Fans'' zu beschreiben, sind ihrem Selbstverständnis nach explizit gegen Gewalt. In einer gruppeninternen Informationsbroschüre hat die Schickeria ihre Regeln festgelegt - dort steht auch, dass "das Werfen von Gegenständen (...) für uns ganz klar dem Einsatz einer Waffe'' entspreche und abgelehnt werde.

Die eigene Satzung wird von Ultras normalerweise hoch geachtet. Aber die Männer, die am Samstag Nürnberger Fans angegriffen und eine Frau mit einer Flasche schwer verletzt haben, sind zum großen Teil Mitglieder der Schickeria. "Wenige Leute haben unsere Ideale und damit 700 Leute verraten'', sagt ein Mitglied, "in wenigen Minuten wurde alles zerstört.''

Stadionverbot für alle

Dass nun die ganze Gruppe öffentlich mit dem Geschehen identifiziert werde, sei "bei dem mittlerweile üblichen Umgang mit Fußballfans nicht verwunderlich'', so die Schickeria in der Stellungnahme, auch wenn es für die Gruppe mit ihren mehreren hundert Mitgliedern "natürlich extrem unglücklich'' sei.

"Es gibt aber, wie das vergangene Wochenende traurigerweise vor Augen geführt hat, wesentlich schlimmere Dinge als Rufmord. Dennoch wollen wir darauf hinweisen, dass wir die Stadionverbote und kollektive Bestrafung aller 80 Mitfahrer, also explizit auch aller Unschuldigen und Unbeteiligten sowie die für mehrere Bayern-Fans angeordnete Untersuchungshaft für höchst fragwürdig halten.'' Die große Mehrheit der mitgereisten Fans sei an den Übergriffen nicht beteiligt gewesen. Viele seien zur Tatzeit um 8 Uhr in den Bussen gewesen, hätten noch geschlafen. Sie waren um 5.15 Uhr in München losgefahren.

Bei den organisierten Bayern-Fans rufen die Maßnahmen des Vereins gegen die Schickeria - Stadionverbote für alle Mitreisenden, kein Kartenverkauf mehr an Mitglieder der Gruppierung - unterschiedliche Meinungen hervor.

Einige halten die Schickeria für einen unverzichtbaren Teil der Fanszene. Andere wären sie gerne los: Weil sich Ultras generell für die Unterstützung der Mannschaft und die Choreographien im Block intensiver einsetzen als die übrigen Anhänger, tendieren sie dazu, sich als die besseren Fans zu empfinden - das führte zu Meinungsverschiedenheiten in der Kurve. Zudem halten andere Fans antikommerzielle Aktionen der Ultras, vor allem Kritik an Sponsoren, für vereinsschädigend.

Auflehnung gegen die Gesellschaft

Und Mitglieder der Fanszene berichten, in Deutschland steige die Zahl gewaltbereiter Ultras - die dann streng genommen nicht mehr Ultras genannt werden können. Dies deckt sich mit Beobachtungen des Fansoziologen Gunter Pilz, der den Begriff "Hooltras'' erschaffen hat - für Fans, die leben wie Ultras und randalieren wie Hooligans.

"Zehn bis 20 Prozent der Ultras'', wagt der umstrittene Fanforscher eine Schätzung, "sind gewaltbereit.'' Er beobachte "eine zunehmende Abkehr von ihrem selbst gesetzten Anspruch der Gewaltlosigkeit.''

Viele andere Bayern-Fans argumentieren jetzt, gerade weil die Schickeria wie alle Ultra-Gruppen streng hierarchisch organisiert sei, trage sie eine Verantwortung für einzelne Mitglieder. Dass die Gruppierung Gewalttäter nicht rechtzeitig ausgeschlossen hat, hat verschiedene Gründe. Zum einen bestehen enge Freundschaften unter den Mitgliedern. Es hat aber auch mit dem Selbstbild der Ultras zu tun.

Sie definieren sich über die Auflehnung gegen die Gesellschaft, die sie als einengend empfinden und die für sie in der Kommerzialisierung des Fußballs Ausdruck findet. Sie schaffen eigene Symbole und Schriftzüge, die sie auf Aufklebern und Graffitis verbreiten, sie setzen auf den Rängen manchmal verbotene Pyrotechnik ein. Weil diese Regelverstöße streng geahndet werden, zudem regelmäßige Routinekontrollen vor den Stadien durchgeführt werden, hat sich die Polizei zu ihrem größten Feindbild entwickelt.

Daher solidarisieren sich auch Ultras, die der Gewalt selbst abgeneigt sind, eher mit gewaltbereiten Mitgliedern ihrer Gruppierung als mit der Staatsmacht. Die Schickeria kündigte an, sie werde "sämtliche Aktivitäten unserer Gruppe im Stadion bis auf Weiteres einstellen''. Sie hat ihre Saison-Abschlussfeier abgesagt, "aus Respekt vor dem Opfer sowie aus Solidarität mit denjenigen, die zu Unrecht weiterhin inhaftiert sind''.