FC Bayern: Torwart "Jürgen, mach, was du für richtig hältst!"

Michael Rensing ist im Tor des FC Bayern nicht mehr sicher. Auch eine Ablösung durch Robert Enke ist denkbar.

Von Klaus Hoeltzenbein

Leicht ist es bestimmt nicht, als Torwart ein Souverän zu bleiben, wenn hinter einem aus tausend Kehlen der Einsatz des Rivalen gefordert wird. "Rensing!, Rensing!, Rensing!", verlangte der Anhang des FC Bayern am Samstag immer wieder, und in diesem Reizklima wird es Hans-Jörg Butt nicht unrecht gewesen sein, dass ihn wenigstens die Frankfurter Spieler in Ruhe gelassen haben. Ein einziges Rollerbällchen, bei dem er zu Boden musste, beförderte die Eintracht beim 0:4 in Richtung Tor, und als Butt eine komplizierte Situation elegant im Stile eines Liberos auflöste, bekam er sogar einmal respektvollen Applaus von den Rängen.

Es geht auch nicht gegen Butt. Es geht um den Wechsel, den epochalen vor dem 0:4 von Barcelona. Rensing, ein Liebling der Fankurve, musste raus, Butt, ein nahezu Fremder, durfte rein. Und wegen Arbeitsmangels ist die zentrale These, die Trainer Jürgen Klinsmann nun als Begründung nachreichte, noch nicht zu beurteilen: "Von der Qualität muss ich sagen, dass Michael hoffentlich noch da hinkommen wird, wo ein Jörg Butt war oder ist."

Im Umkehrschluss kann dies nur folgendes bedeuten: dass der FC Bayern lange wissentlich den Schwächeren, nämlich Rensing, im Tor stehen hatte. "Michael hat in seiner Entwicklung einen absolut guten Verlauf", sagte Klinsmann weiter, "aber jetzt gebe ich die Verantwortung an einen erfahrenen, ruhigen, sachlichen Torhüter weiter, der vollstes Vertrauen in der Mannschaft genießt." Butt, 34, sei "ein Wortführer", "ein Leader in der Kabine", all dies - zweiter Umkehrschluss - sei Michael Rensing, 24, (noch) nicht.

Der Putsch auf dem Torwartposten ist in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die derzeit so angespannte Situation. In anderen Klubs mag ein solcher Wechsel ein Alltagsvorgang sein, in einem Verein aber, in dem Sepp Maier, Jean-Marie Pfaff und Oliver Kahn stellvertretend für je eine Ära im Klubleben stehen, wirkt ein Torwarttausch wie ein Königsmord.

Am Anfang stand ja auch das Versprechen des Managers Uli Hoeneß aus der Zeit, bevor Klinsmann verpflichtet wurde, dass Rensing jede Chance bekommen solle, das Erbe des großen Kahn anzutreten. In 25 Bundesligaspielen dieser Saison, zuletzt beim 1:5 in Wolfsburg, hütete Rensing durchgehend das Tor, dann aber, so Klinsmann, habe der Manager seinen Widerstand aufgegeben. Er habe nur gesagt: "Jürgen, mach', was Du für richtig hältst!" Denn: "Uli Hoeneß hat nur ein Interesse: einen erfolgreichen FC Bayern zu sehen."

Wechseln wollte Klinsmann schon viel früher, von vornherein stand er der klubinternen Erbfolge skeptisch gegenüber. Sepp Maier, der langjährige Torwarttrainer von Kahn/Rensing, bereicherte die aktuelle Debatte soeben mit der Botschaft, es müsse doch längst bekannt sein, dass Klinsmann vor Saisonstart für eine Verpflichtung von Jens Lehmann plädiert habe, doch der Bayern-Aufsichtsrat leistete Widerstand.

Ausgerechnet Lehmann? Jener Lehmann, den Klinsmann vor der WM 2006 am bayerischen Volkshelden vorbei ins Nationaltor gelotst hatte? Niemals vermittelbar in München, diese Personalie, hieß es. Erwogen hatte Klinsmann dann im Herbst, den Nachwuchstorwart Thomas Kraft, 20, an Rensing vorbei zu befördern. Damals legte Hoeneß noch sein Veto ein. Dass der Manager jetzt nachgab, lag auch daran, dass sich die Argumente gegen Rensing häuften.

Zwar war ihm keines der fünf Wolfsburger Tore direkt anzukreiden, aber er verhinderte auch keines. Anders als Kahn halte Rensing nicht die Unhaltbaren, wird beklagt, und: Er verunsichere den Gegner beim Torschuss nicht mit seiner Aura. Im Gegenteil: Sein Bemühen, Kahn ähnlicher zu werden, so autoritär, so furchteinflößend, wirke sich eher negativ aufs Nervenkostüm der eigenen Verteidiger aus. Häufiger schon kam es zu Verbalgefechten zwischen den tobenden Lúcio/Demichelis und dem tobenden Torwart.

Nimmt man noch die Schwäche bei hohen Bällen hinzu, so ist der Torwartwechsel fachlich durchaus zu rechtfertigen. Ein Trainer, für den jedes Spiel ein Endspiel ist, darf nur noch seinen Überzeugungen folgen. Diskutabel aber sind der Zeitpunkt und die wieder einmal schlingernde Moderation einer Personalie, war doch Rensing nach dem Gespräch mit Klinsmann davon ausgegangen, gegen Frankfurt zurück ins Tor zu dürfen. Gerüchten zufolge hatte Klinsmann ein Interview Rensings in Barcelona ("Man hat gesehen, dass es nicht am Torwart liegt, sondern dass die Probleme ganz woanders liegen") als illoyal gewertet; öffentlich verwies der Trainer "auf das Tagesgeschäft", das häufig zu einem Umdenken zwinge.

Fragwürdiges Verständnis

In Barcelona sei Butt "der Einzige" gewesen, der sich "gegen die Niederlage gestemmt" habe, im Wortsinne: "Er hat sich aufschlitzen lassen, sein Gesicht, von Thierry Henry, ein bitterböses Foul. Und da lasse ich es nicht zu, dass er so ein Erlebnis stehen lassen muss. Da sag' ich dem: Jörg, du gehst jetzt im nächsten Spiel wieder ins Tor." Zumal Klinsmann noch auf dem Rasen einen Akt der Rache vermisst hatte, nämlich "einen Verteidiger, der dann mal den Henry über die Außenlinie grätscht". Fußballer haben oft ein fragwürdiges Verständnis von Nehmen und Geben.

Gezeichnet von den Schrammen, die von Henrys Sohle rührten, bekräftigt Butt jetzt: "Ich will der Mannschaft auf dem Platz helfen." Wie lange, ist offen. Vom Stil her ist Butt ein Torwart wie Jens Lehmann, seine fußballerische Qualität ist statistisch durch die 26 Liga-Elfmeter dokumentiert, die er einst für den HamburgerSV und Leverkusen verwandelte. Die Probe seiner aktuellen Reflexe steht noch aus. Derweil wird bei Rensing, dem Klinsmann momentan "leider wehtun" müsse, erst eine ferne Zukunft zeigen, ob und wo er sich von der Rochade im Tor erholt.

Wahrscheinlich ist, dass die Bayern sich nach einer neuen Nummer eins umsehen, und selten ist eine deutsche Nummereins so offensiv auf den Markt gebracht worden wie jetzt Robert Enke, 31, von Hannover96: "Bisher liegt kein Angebot vor. Wenn die Bayern es wünschen, würden wir ein Gespräch nicht ablehnen", sagt Klubvorstand Martin Kind. Als Ablöse sind mehr als acht Millionen aufgerufen. Für einen Klub, der gehofft hatte, die Torwartfrage durch Michael Rensing in der Tradition der Maiers, Pfaffs und Kahns gelöst zu haben, ist das kein Schnäppchen mehr.