Spielbericht Wie viel Unglück passt in ein einziges Fußballspiel?

Das einseitigste Finale der Champions-League-Geschichte findet ein tragisches Ende: Der FC Chelsea schlägt den FC Bayern in dramatischer Art und Weise im Elfmeterschießen. Die Münchner vergeben in 120 Minuten Chancen für vier Endspiele und werden in dieser Saison zum dritten Mal Zweiter.

Von Frieder Pfeiffer

Es gibt nicht viele Sportarten, in denen die deutlich schwächere Mannschaft gewinnen kann. Der Fußball aber gehört dazu. Und der FC Chelsea ist ein Meister in der Disziplin Siegestehlen. So deutlich darf das gesagt werden nach dem wohl einseitigsten Finale der Champions-League-Geschichte.

"Das versteht kein Mensch"

Der große Traum vom historischen Gewinn der Champions League im eigenen Stadion hat sich für den FC Bayern nicht erfüllt. Präsident Uli Hoeneß, Kapitän Philipp Lahm, Torhüter Manuel Neuer und Trainer Jupp Heynckes versuchen die Enttäuschung in Worte zu fassen. mehr ...

Und es ist die Antwort auf die Frage, die sich nach diesem unglaublichen Spiel mit Bayern-Chancen für vier Endspiele, einem späten Ausgleich und einem vergebenen Robben-Elfmeter in der Verlängerung stellt: Wie viel Unglück passt in ein einziges Fußballspiel? 4:3 im Elfmeterschießen, das knappste Ergebnis für den deutlichsten Spielverlauf - und das auch noch falsch herum. Dramatischer und bitterer hätte die Saison des FC Bayern nicht enden können: Ein deutsches Team verliert zuhause im Elfmeterschießen gegen eine Mannschaft aus England.

"So ist Fußball", stammelte Thomas Müller, dem "die Worte fehlten". Und Manuel Neuer, der die meiste Zeit einen entspannten Blick auf das Spiel gehabt hatte, fand eine zu allgemein zutreffende Sichtweise: "Wenn man das Spiel gesehen hat, hat man nicht damit rechnen können, dass Chelsea als Sieger vom Platz geht." Trainer Jupp Heynckes sah vor allem die vielen verschenkten Möglichkeiten: "Das darf nicht passieren."

Es waren nur wenige Zentimeter, die Bastian Schweinsteiger bei dessen Elfmeter fehlten, vom Innenpfosten prallte der Ball zurück ins Feld. Es war ein Sinnbild, wie knapp die Bayern in dieser Saison an allen Zielen vorbeischrammten.

Didier Drogba vollendete wenige Augenblicke später, Schweinsteiger lag zu diesem Zeitpunkt in seinem Trikot vergraben am Mittelkreis. Die große Generation der Bayern bleibt weiter ohne internationalen Titel, Drogba hingegen krönte seine Zeit in London mit einem letzten Treffer - und dem ersten Champions-League-Titel für den Klub von Roman Abramowitsch.

Es war das schlimmstmögliche Ende eines langen Weges. Seit Monaten hatte die Bayern-Seele nur auf dieses eine Datum hingelebt, den 19. Mai 2012. Ein Jahr für dieses ein Spiel, eine Saison für diesen einen Abend. Uli Hoeneß nannte es das "Highlight der Vereinsgeschichte", schon 2010 hatte er gefordert: "Da müssen wir dabei sein!" Vor dieser Saison war klar: Meister? Gerne. DFB-Pokalsieger? Gerne. Das Champions-League-Finale im eigenen Stadion gewinnen? Aber bitte, unbedingt.

Gerade in diesem Endspiel, das über die historische Einordnung dieser goldenen Bayern-Generation urteilen würde, musste Trainer Jupp Heynckes improvisieren. Die Bayern vermissten David Alaba, Holger Badstuber und Luiz Gustavo, dafür kamen Diego Contento, Anatolij Timoschtschuk und Thomas Müller zum Einsatz. Chelsea war in der Defensive ebenfalls auf Experimente angewiesen. Auch ihnen fehlten drei Spieler, die sich aufs Tore verhindern verstehen. Hinzu kam in Offensivkünstler Ramires der insgesamt siebte gesperrte Profi dieses Finals.

Chelseas Trainer Roberto di Matteo schlug im Taktikbuch wohl auch deshalb wieder das Kapitel Bollwerk auf und stellte auf seine linke Seite gleich zwei Außenverteidiger, neben Ashley Cole lief Ryan Bertrand auf. Bisherige Champions-League-Einsätze des 22-jährigen Engländers: null.

Frisch genäht präsentierten sich beide Abwehrreihen im wichtigsten Spiel der Saison. Niemand wusste, wie schnell das Gewebe auf der einen oder anderen Seite unter Wettkampfdruck auseinanderreißen würde. Klar war jedoch schnell: Di Matteo hatte den deutlich dickeren Garn benutzt. Blau sortierte sich vor dem eigenen Tor, Rot durfte einige Offensivaktionen anbieten.

Nach zehn Minuten hatten bereits Kroos, Schweinsteiger und Robben in aussichtsreicher Position vor dem Chelsea-Tor Maß nehmen dürfen, nach 13 Minuten trug sich auch Gomez in die Torschussstatistik ein, die damit schnell auf 4:0 schaltete. Allein, die Videoleinwand vermeldete: 0:0.

Die Bayern agierten deutlich flexibler als gewohnt, Ribéry, Robben und Müller rotierten hinter Gomez laufhungrig hin und her. Die überwundene Statik verschaffte den Münchnern Raum, durch den die dichte Defensive des FC Chelsea ein wenig entzerrt werden konnte. Die Chancen häuften sich. Nach gut 20 Minuten scheiterte Robben an Chelsea-Keeper Petr Cech und dem Pfosten. 5:0 stand es nun nach Ecken. Allein, die Videoleinwand vermeldete: 0:0.

Drei Minuten später trat Ribéry sogar die siebte Ecke - und Roberto di Matteo schickte seine Einwechselspieler zum Aufwärmen. Auch das half nichts, Manuel Neuer musste weiter nur Bälle von Balljungen fangen, die Bayern dominierten weiter. Gomez, von einer abgefälschten Flanke überrascht, verstolperte alleingelassen im Strafraum (39.) und vergab auch drei Minuten später eine weitere gute Möglichkeit. Gefühlt stand es inzwischen 23:1 nach Chancen. Die Videoleinwand zeigte das nicht an. Sie vermeldete: 0:0.

"Das ist eine Katastrophe"

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