FC Bayern Pep Guardiolas bessere Hälfte

Bayern muss gegen Juventus seine geschwächte Defensive kompensieren - das sollen unter anderem Thomas Müller, Douglas Costa, Robert Lewandowski und Franck Ribéry erledigen.

(Foto: Michael Dalder/Reuters)
  • Ohne die Verletzten Jérôme Boateng, Javi Martínez, Holger Badstuber und Medhi Benatia muss der FC Bayern in der Champions League bei Juventus Turin antreten.
  • Trainer Guardiola wird versuchen, die geschwächte Defensive durch seine überragende Offensive zu kompensieren - wie beim 3:1-Sieg gegen Darmstadt.
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Von Christof Kneer

Als die Bundesliga 50 Jahre alt wurde, hat der große Klaus Fischer end- und letztgültig definiert, was ein Fallrückzieher ist. Es gebe einige Varianten, meinte Fischer, "aber nur eine richtige: mit dem Schussbein abspringen, dann quer und hoch in die Luft legen, einen Scherenbewegung machen und schießen". Fischer, 66, ist der einzige Mensch, dem diese Definition zusteht, er hat den Fallrückzieher erst erfunden, dann in Serie hergestellt und schließlich berühmt gemacht, und wenn man diese Definition liest, muss man klar festhalten: Nein, Thomas Müller kann das nicht. Er hat nicht nur keine Technik, keine Tricks und keine Muskeln, er kann auch keine Fallrückzieher.

Das muss man einerseits kritisieren und anprangern. Andererseits ist es natürlich auch so was von wurscht. Thomas Müller hat aus dem Nichthaben und Nichtkönnen längst eine Kunst entwickelt, die kein anderer hat und kann.

Am Wochenende zum Beispiel, beim 3:1-Sieg gegen Darmstadt 98, hat Thomas Müller den Rückplumpszieher erfunden. In einem seiner spontanen Karl-Valentin-Anfälle hat er sich Vidals Vorlage mit der Brust selbst vorgelegt, und dann hat er sich nach hinten fallen lassen und den Ball, selbstverständlich ohne korrekte Scherenbewegung, aufs Tor gemüllert. Ein normaler Fußballer hätte sich oder wenigstens dem Gegner wehgetan, oder er hätte die Eckfahne getroffen. Thomas Müller traf selbstverständlich ins Tor. Er traf in jenes Tor, in dem er zuvor schon das 1:1 untergebracht hatte und vor dem er später auch Robert Lewandowskis 3:1 einleitete.

Thomas Müller sei "inhaltlich nicht immer zu beschreiben", sagte Sportvorstand Matthias Sammer später, und das schien ihn gar nicht zu stören, obwohl inhaltliches Beschreiben zu Sammers Lieblingsdisziplinen gehört. Sammer freut sich immer so, wenn er Kategorien findet, in die er Spieler einteilen kann, und so gesehen hatte ihn Müllers unbeschreibliches Spiel an diesem Tag am Ende eben doch glücklich gemacht. "Thomas ist ein Führungsspieler, das hat man in der Halbzeit gespürt", sagte Sammer, und dazu muss man wissen, dass es in Sammers Welt drei Sorten von Spielern gibt, Führungsspieler, Teamspieler und Individualisten.

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Bisher hatte man Müller eher der dritten Kategorie zugeschlagen, er galt als kauziger Spielentscheider und auch als Gerne-viel-laut-und-lustig-Redner, aber als Wortführer galt er nicht. In der Halbzeit, beim verblüffenden Spielstand von 0:1, habe Müller die Kollegen in Abwesenheit des geschonten Kapitäns Philipp Lahm heißgemacht und aufgerüttelt, erzählte Sammer nun, er habe sie aber auch ermahnt, Ruhe zu bewahren. Und nur drei Minuten nach der Pause war der Aufrüttler mit dem Ausgleichstor dann höchstpersönlich dafür verantwortlich, dass das Ruhebewahren deutlich leichter fiel.