Beim 0:2 in Hamburg sieht sich der FC Bayern mit einer Aufgabe konfrontiert, die er nicht lösen kann.
Wie stark der Zustand der Verzweiflung beim brasilianischen Verteidiger Lúcio im Laufe der Partie fortgeschritten war, konnten die Zuschauer der Begegnung zwischen dem Hamburger SV gegen FC Bayern nach 84 Minuten in einem besonders vielsagenden Moment erkennen. Da fand sich Lúcio ganz allein im Strafraum wieder, vor sich die allerbesten Aussichten, dem Spiel beim Stand von 0:2 noch eine Wende zu geben. Roy Makaay hatte zuvor von ihm ein Signal empfangen und den Ball mit einer leichten Berührung weitergeleitet, obwohl er vielleicht selbst etwas damit hätte anfangen können.
Oliver Kahn hatte schon in der neunten Minute das Nachsehen gegen Hamburgs Rafael van der Vaart (© Foto: dpa)
Anzeige
Makaay ist zwar ein diplomierter Top-Torjäger und als solcher von Berufs wegen zum Egoismus verpflichtet, aber er ist auch ein Mann mit starkem Gemeinschaftssinn, und außerdem erkannte er an, was für einen langen Weg Lúcio aus seinem angestammten Land in der Innenverteidigung zurückgelegt hatte. "Das ist ganz stark von ihm, dass er da steht, wo ihn keiner erwartet", erläuterte Makaay später respektvoll.
Nun landete also der Ball höchst einladend vor Lúcios großen Füßen. Doch statt ihn zu stoppen und mit sanftem Plopp in der Ecke zu versenken, trat ihn Lúcio mit der wilden Hektik eines 13-Jährigen in Richtung Abendsonne, die er jedoch trotz der offiziell gemessenen 127 Stundenkilometer Schussgeschwindigkeit knapp verpasste.
In diesem Augenblick erlahmte auch beim letzten der angeblich Unbesiegbaren der Widerstandsgeist. Lúcio, der bis dahin mit Riesenschritten über den Platz gehetzt war, als ob er von einem bösen Geist gejagt würde, bedeckte das Gesicht mit den Händen. Er schien sich zu schämen. "Jeder weiß doch, wie Lucio ist", erzählte Makaay, "der will dann selber die Entscheidung vollziehen, und war dann traurig, dass er es nicht geschafft hat."
Frühe Vorentscheidung
Dabei war die Entscheidung über die erste Niederlage seit dem 0:1 in Schalke vor vielen, vielen Monden (wie die Indianer sagen würden) bereits nach neun Minuten gefallen. Nach dem frühen 0:1 durch van der Vaart war die Idee von Trainer Felix Magath, dem Gegner die Last der Verantwortung für das Spielgeschehen aufzuzwingen, nichts mehr wert. Und plötzlich lernte Deutschland, das nach Magaths Angaben die ganze Woche "geweint hat, weil es befürchtete, dass wir wieder gewinnen", die Bayern von einer Seite kennen, die nicht mehr zur Legendenbildung taugt.
Beim Versuch des Gegenschlags wirkten sie ratlos und überfordert, als ob sie ein Problem aus der Quantenforschung zu lösen hätten. Während im Strafraum der einzige Angreifer Makaay hinter den breiten Schultern seiner Bewacher van Buyten und Boulahrouz kein Tageslicht mehr erblickte, kreiselten Salihamidzic, Zé Roberto, Ballack und Karimi um die bruchsichere Hamburger Abwehrfestung und suchten vergeblich Einlass.
Nur der vorwärtsverteidigende Willy Sagnol hatte sich noch ein bisschen Leichtfüßigkeit bewahrt, ansonsten "war das gar nix in der ersten Halbzeit", wie Oliver Kahn konstatierte. Auch die Heimkehr von Michael Ballack auf sein Hoheitsgebiet erwies sich nicht als Gewinn, er wirkte nach drei Spielen Pause gestresst und fand nicht in seine Rolle als Mittelfeldregent.
Anstrich von Ohnmacht
Viel besser wurde es aber auch in der zweiten Hälfte nicht, obwohl Magath durch Wechsel einige Ausfälle zu korrigieren suchte (dabei aber Ballack übersah), und so ergab sich nach einer Niederlage, die den Anstrich von Ohnmacht trug, die Gelegenheit für ein typisches Münchner Szenario: Doch wer nun dramatische Appelle vom Trainer oder Manager erwartete, der wurde enttäuscht.
Entspannt informierte Uli Hoeneß über die Ursachen einer "völlig verdienten Niederlage", die er in der moralischen Verfassung der Spieler ausmachte: "Weil sie seit sechs Wochen nachgelesen haben, dass sie unschlagbar sind und überhaupt keine Gegner mehr haben, und das haben sie am Ende dann vielleicht selbst geglaubt - heute ist bewiesen, dass es nicht so ist." Auf diese These reagierte Makaay leicht gekränkt: "Dass wir die beste Mannschaft der Bundesliga sind, das wissen wir. Das braucht uns keiner zu erzählen. Aber wir wissen auch, dass wir unsere Leistung bringen müssen."
Diese Erläuterungen lassen Raum für Notizen: Noch ist ja nicht bewiesen, ob dem HSV durch seinen widerspenstigen Auftritt die Entzauberung des Meisters gelungen ist, oder ob die Bayern die Erfahrung einer Niederlage machen mussten, um zu überlegener Stärke zu finden. "Nach so einer langen Serie braucht man einen vor die Nase. Das tut allen gut", bemühte der gnädig gestimmte Kapitän Kahn einen psychologischen Effekt.
Probleme im Sturm
Manager Hoeneß allerdings glaubt ebenso wenig wie Trainer Magath, dass sein Team die mythische Kraft besitzt, das ihm in den vergangenen Wochen angedichtet wurde: "Wie die Mannschaft landauf, landab dargestellt wurde, so ist sie nicht. Sie ist eine sehr gute Mannschaft, aber keine Übermannschaft."
Vor allem die Anstrengungen im Sturm fallen ausgesprochen irdisch aus, wenn Ballack und Makaay nicht die entscheidenden Momente geltend machen. Beiden sind durch Verletzungen Rhythmus und Frische verloren gegangen, prompt herrscht Not in vorderster Reihe. Pizarro und Santa Cruz suchen immer noch ihre verlorenen Talente, Guerrero ist als tragende Figur überlastet - und Lúcio als Angreifer fehlbesetzt.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 26.9.2005)
Migros zeichnet Produkte aus Israel speziell aus