Von Moritz Kielbassa

Mit seiner Rotationsstrategie gerät Jürgen Klinsmann selbst ins Rotieren. Der Bayern-Trainer braucht schnelle Erfolge, damit seine Konzepte glaubwürdig werden.

Jürgen Klinsmann lächelte, als er die Wettervorhersage verkündete. Doch seine Augen, die Spiegel der wunden Trainerseele, verrieten, dass es ein gequältes Lachen war. "Viel Wind" erwarte er daheim in München, sagte Klinsmann mit leerem Blick, denn beim FC Bayern sind Niederlagen laut Grundgesetz verboten, und am Samstag haben sie abermals verloren, 0:1 in Hannover. Tabellenneunter sind sie damit, die bajuwarischen Dauerdominatoren der Bundesliga - eine verstörende Momentaufnahme, die Manager Uli Hoeneß "nervt". Klinsmann ahnt: Es wird Häme hageln. "Wenn du bei Bayern verlierst, kommen viele hinterm Baum hervor und geben ihre Meinung ab."

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Jetzt ist guter Rat teuer: Jürgen Klinsmann nach der Auswärtsniederlage in Hannover. (© Foto: Getty)

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Das ist der Münchner Realismus, der sich bei Misserfolg schlecht verträgt mit den oft exklusiven Gedanken des schwäbischen Trainervisionärs. In Hannover begab sich Klinsmann auf die Spuren des Rotationsgroßmeisters Ottmar Hitzfeld, seines Vorgängers, von dem er sich sonst deutlich abhebt. Klinsmann schonte die Leistungsgaranten Lúcio und Zé Roberto - im Vorgriff auf die Champions-League am Dienstag gegen Lyon.

Er setzte auch Schweinsteiger, van Buyten und Oddo auf die Bank. Dafür gewährte er den Dauerreservisten aus Südamerika, Breno und Sosa, eine unverhoffte Einsatzchance. Er formierte ein Team von braver Blässe, mit Lell, Ottl, Borowski (u.a.), das die Partie anfangs klar kontrollierte, das aber nach Husztis Freistoß zu Hannovers 1:0 (23.), mit herrlichem Flugbogen über die Mauer, keine Antworten mehr gab. Auch die Einwechslungen von Ribéry und Podolski brachten nicht genug Inspiration.

Klinsmann stand die längste Zeit vor seiner Bank, im Gegenlicht der tiefen Sonne, und sah eine "total unnötige Niederlage, weil wir nach dem 0:1 den Rhythmus verloren haben". Das war richtig analysiert. Dennoch konnte, wer wollte, das Ergebnis teils auch den Trainermaßnahmen anlasten. Das könnte bald zum Problem werden für den eifrigen Aktionisten Klinsmann. Gegen Bremen Dreierkette ohne Personaltausch, diesmal Viervierzwo mit Radikalrotation, dazu eine erhöhte Trainingsintensität und innovative Positionswechsel im Mittelfeld - alles dreht sich und bewegt sich beim neuen FC Bayern, das ist die Klinsmann-Handschrift.

Doch alle Ideen, so gut sie sein mögen, brauchen Bestätigung. Durch Erfolg. "The picture tells the story", metapherte am Wochenende Klinsmanns Kölner Kollege Christoph Daum. Im Fußball bestimmt das Bild: die Tabelle. Den schwächsten Ligastart seit 1977 zeigt sie für Bayern aktuell an; und zehn Gegentore nach sechs Spielen - so viele, wie in der Vorsaison nach 20.

Ohne Siege sitzt Klinsmann in der Ergebnisfalle. Dabei geht es auch um interne Überzeugungs-Argumente. "Die Spieler müssen merken, dass ihre Investitionen Früchte tragen", sagt der Reformator selbst. Niederlagen kosten Glaubwürdigkeit, weil ihnen das Zurückerinnern ans Bewährte folgt: Hatten wir früher nicht Erfolg mit Taktik X und Trainingsgestaltung Y? So können Mythen entstehen.

Das Rotationsrad ist keine KlinsmannErfindung, trotzdem ergab sich daraus in Hannover, anknüpfend an frühere Münchner Mathematikdebatten, ein Gelehrtenstreit. "Hören Sie doch auf, die Niederlage darauf zu schieben", riet Manager Hoeneß gereizt. Er hatte nicht Unrecht: Es lag sicher nicht an den Hineinrotierten, an Verteidiger Breno, an Sosa im Mittelfeld oder am früh verletzten Lell (Faserriss), dass Bayern im Vorwärtsspiel seltsam leblos blieb, ohne Aggressivität und Tempo, mit vielen Hochweitbällen von hinten. Klinsmann vermisste: "Kreativität, Spielwitz und Spiel ohne Ball." Hoeneß hatte bis zum 0:1 gegen harmlose 96er das sichere Bauchgefühl eines Sieges in FC-Bayern-Manier: "Ich dachte: Wir können hier nicht verlieren. Irgendwann schießen wir ein Tor - und fahren nach Hause."

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