Von Moritz Kielbassa

Schon nach dem ersten Pflichtspiel des Rekordmeisters wächst in der Führungsetage des FC Bayern die Unruhe.

Zu Beginn des abenteuerlichen Fußballspiels kündigte der Trainer von Rot-Weiß Erfurt eine fiese Riegeltaktik an. Das beste Mittel gegen den FC Bayern sei, so Karsten Baumann: "Wir schließen sie in ihrer Kabine ein." Das war natürlich ein Witz, ebenso wie das Gerücht, dass Erfurts Präsident Rolf Rombach, ein Jurist von 54 Jahren, im Falle eines Sieges nackt über den Rasen des Steigerwaldstadions flitzen wollte.

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Jürgen Klinsmann (links)und Bastian Schweinsteiger waren mit dem ersten Bayern-Auftritt nicht zufrieden. (© Foto: ddp)

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Als später Uli Hoeneß das reale wilde Treiben mit sieben Toren analysierte, fiel die Unterscheidung zwischen Spaß, Ironie und Ernst deutlich schwerer. "Zu keiner Sekunde" habe er "Angst gehabt, dass wir verlieren", beteuerte der Bayern-Manager nach 90 Minuten voller Stresshormone. Im Übrigen habe man das Weiterkommen in der ersten Pokalrunde, anders als in den beiden Jahren zuvor, diesmal in der regulären Spielzeit bewerkstelligt: "Mit einem souveränen 4:3", scherzte Hoeneß süß-sauer. Keiner der zuhörenden Reporter wagte zu lachen.

Die Bayern und die 1. Runde

Zu sehr hatte den Manager zuvor die Frage nach seinem Blutdruck in Wallung versetzt ("ich weiß nicht, was das immer wieder soll"), sein Hinweis auf die historische Besserwerdung der Bayern im Kampf gegen Pokalblamagen ergab daher ein versöhnliches Schlusswort. In der Tat hatten die Münchner 2006 beim FC St. Pauli eine Verlängerung benötigt, 2007 in Burghausen sogar ritterliche Paraden von Oliver Kahn im Elfmeterschießen. Aber damals gab es keinen neuen Trainer Jürgen Klinsmann. Es gab keinen Medienhype von der Wucht eines Hurrikans - und nur einen Bruchteil des gefühlten Erfolgsdrucks von heute.

Der sportliche Ist-Zustand der Bayern kann diese hoch gestapelte Erwartungshaltung noch nicht erfüllen. Zu zerklüftet war die Vorbereitung, in der man Klinsmann zufolge drei Tage vor dem Start der Bundesliga noch "mittendrin steckt". Zu kurz war die Zeit des Akklimatisierens für die EM-Urlauber. Und zu viele Gute sind verletzt, von den Offensivartisten Franck Ribéry und Luca Toni bis zum Abwehrstabilisator Martin Demichelis, dessen Ausfall womöglich sogar am schwersten wiegt. Als das Spiel in Erfurt Spitz auf Knopf stand, 3:3, wärmte sich hinter dem Tor ein einziger verbliebener Bayern-Profi auf, Andreas Ottl. Und die Defensive zeigte vielfach die Festigkeit einer Quarkspeise.

Drei Ausgleichs-Gegentore des euphorisierten Drittligisten waren selbst für den Daueroptimisten Klinsmann des Unguten zu viel - obwohl er ja für diese Art von Fußball steht: für torreiche Spektakelsiege mit allerlei Angriffsattraktionen. Zur Pressekonferenz, in einem sehr großen Raum mit sehr grünen Wänden und sehr schlechter Luft, erschien ein nachdenklicher Klinsmann, der Bedarf für Basisarbeit erkannte: "Uns hat heute die Sachlichkeit gefehlt. Wir haben hinten zu viele Fehler gemacht und ein paar Lektionen bekommen. Bei der Abstimmung in der Viererkette und beim Umschalten von Ballverlust auf Defensive gibt es noch eine Menge Arbeit."

Ein bisschen Positives

Wer Positives aus dem Bayern-Spiel filtern wollte, stieß auf das Bemühen, quirlige Netzwerke im Angriff zu knüpfen, mit überraschenden Lauf-und Passwegen. Ob Zufall oder Lernerfolg - beim 0:1 und 1:2 bohrten sich Verteidiger Lahm (in Stürmer-Manier) und Podolski mit plötzlichen Antritten aus der Tiefe in die Erfurter Abwehrnähte, vorbeirennend an Kollegen im Passivabseits. Beide Male kam im rechten Moment der steile Risikopass, wie ihn der Vertikalspiel-Verfechter Klinsmann fordert. Dem jungen Toni Kroos die Regierolle im offensiven Mittelfeldzentrum zuzuweisen, war zudem eine gute Wahl. Der 18-Jährige trat als listiger Passgeber (0:1) und Schütze des 4:3-Siegtors in Szene.

Mit frostiger Mimik jedoch sahen Klinsmann und Sitznachbar Hoeneß von der Bank aus, wie simpel sich auch die eigene Defensive ausmanövrieren ließ. Daniel van Buyten patzte als Lucio-Partner in der Innenverteidigung wie in finsteren Zeiten der Vorvorsaison, rechts hinten sah Lell wenig besser aus. Philipp Lahm errechnete spontan "80 Prozent" Steigerungsbedarf, wenn auch die Ligapremiere am Freitag gegen den Hamburger SV gelingen soll. Eine Niederlage in Erfurt hätte fatale Sogwirkung entwickeln können, das blieb Klinsmann erspart.

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