Die Bayern freuen sich, dass die Bank-Politik und die Ecken wieder funktionieren und so der Erweckungsprozess unter Heynckes weitergeht - und planen nebenbei ihre Zukunft.
Es schien, als sei der Ball schon stundenlang in der Luft. Er hatte eine feine Rotation und verlor doch nicht seine Richtung. Es war herrlich anzuschauen, wie er sich dort oben unter der Sonne drehte auf seinem verwirrend schönen Direktflug durch das Stadion der Freundschaft. Auch die Cottbuser Verteidiger würdigten dieses ästhetisch anspruchsvolle Erlebnis, sie staunten und verharrten am Boden.
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Torschützen unter sich: Martin Demichelis und Lukas Podolski klatschen ab. (© Foto: AP)
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So müssen Ecken geschlagen werden. So werden sie zu Waffen. Ecke - Tor, dies ist das simpelste Rezept des Fußballs, das ist schon bei den Kindern auf der Wiese so. Ein paar Spielzeiten zurück wirkte dieses Rezept auch noch beim FC Bayern, Ecke Sagnol, Kopfball Ballack - das war einst so eine Waffe. Seither war sie entschärft, unzählige Ecken wurden nach Ballack geschlagen und nichts, aber auch gar nichts ist passiert. Wann nur hatten die Bayern letztmals eine Hymne auf die schnörkellose Schönheit eines Eckballs gesungen?
Ecke Podolski, Kopfball Demichelis, 2:1. So simpel kann Fußball sein, und so simpel ist er dann doch wieder nicht. Denn rund um diesen Eckball aus der 61. Minute ließ sich einiges beobachten von dem, was nach dem Wechsel von Jürgen Klinsmann auf den Fünf-Spiele-Trainer Jupp Heynckes verändert wurde. Erzählen wollen die Bayern derzeit öffentlich davon nicht, er werde "nicht irgendwelche Hinweise auf die Arbeit von Jupp Heynckes geben", kündigte Manager UliHoeneß an, "das würde Rückschlüsse auf Jürgen Klinsmann liefern. Wir haben verabredet, dass wir das nicht tun."
Auch Heynckes hat Lúcio nun nicht, Abrakadabra, in einen Stürmer verwandelt und Luca Toni, Abrakadabra, zum Verteidigen gezwungen, es sind seine Reformen in den kleinen Dingen des Spiels, die in der Summe dafür sorgen, dass die Bayern wieder ruhiger am Ball, aber auch kompakter, souveräner und damit entschlossener wirken.
Ein Beispiel: Heynckes hat den tief im Schmollwinkel verstecken Lukas Podolski nicht nur begnadigt, er hat auch von den Qualitäten seines linken Schussbeines so hymnisch geschwärmt wie einstmals Peter Alexander im deutschen Schlager von den Beinen von Dolores. Und dann hat er das Podolski-Linksbein auch noch gebeten, jene Ecken von rechts zu servieren, die zuvor in der Saison vom Schweinsteiger-Rechtsbein verschwendet wurden.
Ein Linksbein kann, und dies ist ein Rätsel der Biologie, solche Standards oft verzinkter und damit effektvoller schlagen, und als sich vor dem 2:1 dann doch der Argentinier Sosa den Ball schnappen wollte, habe Heynckes, so berichtet es Hoeneß, flehentlich befohlen: "Lukas! Das musst du doch jetzt machen!"
Nicht nur in dieser fast schon entscheidenden Eckenszene wurde deutlich, in welchen Nuancen sich das Rollenspiel bei den Münchner gewandelt hat. Die Impulse kamen in Cottbus von der Bank, von Profis, die zuvor selten gespielt hatten. Das 1:0 (23.) war erst der zweite Saisontreffer Sosas, der den verletzten Zé Roberto vertreten durfte. Das 2:1 war ein halbes, das 3:1 ein ganzes Tor für Podolski, und mittendrin rackerte der lange absente Hamit Altintop so rast- und ruhelos wie vor einem Jahr für die Türkei bei der Europameisterschaft.
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Totilas und sein Reiter
Wenn jemand glaubt, meine Ansichten über Magath mit "rot" bewerten zu müssen, dann hat er nichts begriffen oder ist selbst charakterlich zweifelhaft veranlagt!
Zutiefst enttäuscht bin ich über Felix Magath, dessen Arbeit beim VfL Wolfsburg ich bis jetzt sehr bewundert hatte. In der entscheidenden Phase der Meisterschaft von der Kommandobrücke zu gehen und Mannschaft und Club im Stich zu lassen - das zeugt von einer grandiosen Verantwortungslosigkeit. Und diese Verantwortungslosigkeit wird umso größer, wenn man sie im Lichte der Bedingungen sieht, unter denen Magath nach Wolfsburg gekommen war: "Trainer und Manager" in Personalunion! Man kann die Leute in Wolfsburg verstehen, wenn sie jetzt rufen: "Magath, du Söldner, hau ab!" - Magath ist charakterlich für mich die größtmögliche Enttäuschung. Er wird in Schalke genauso scheitern, wie jetzt am Ende der Saison in Wolfsburg; denn Magath hat ein charakterliches Problem, das er nie ablegen wird und kann!
Dass Altintop lange verletzt war und von daher auch von Heynckes nicht aufgestellt werden konnte und dass Podolski von drei Trainern und dem Management verschmaeht wurde und nur deshalb so umworben wurde, weil neben dem seit der EM ohne Form agierenden Toni nun auch kein verletzter Klose ist, solche Kleinigkeiten fallen leicht unter den Tisch.
Jupp Heynckes ist ohne Zweifel der richtige Mann für Bayern. Zumindest als Interimstrainer. Heynckes kennt den Bayern-Laden und hat 25 Saisons als Vereinstrainer absolviert (inklusive der Pokalwettbewerbe deutlich über 1.000 Spiele Trainererfahrung). Die Spieler und auch die Verantwortlichen des FCB machen nun einen befreiten Eindruck. Jürgen Klinsmann kann sicherlich ein sehr guter Trainer werden. Allerdings sollte er dann bei seiner nächsten Trainerstation darauf achten, dass er nicht die Mannschaft gegen sich aufbringt. JK hat enorm an Glaubwürdigkeit verloren gehabt, da er ohne Not den Kapitän rasiert hat, Rensing gedemütigt hat und Spielern wie van Buyten EInsätze zugesichert hat, die dann doch nicht zustande kamen.
Da möchte ich doch widersprechen: zwar gab es unter JK die glanzvollen, von Ihnen genannte Ergebnisse, aber es gab eben im öden Ligaalltag auch die Heimniederlage gegen Köln (damals Abstiegskandidat) oder gegen Schalke (nicht viel besser). Ich denke, Olifan meinte auch die Art und Weise, jetzt wieder Fußball zu spielen, und die hat sich unter JH in der Tat (soweit ich das sehe) verbessert. Deshalb glaube ich, dass diese beiden Spiele schon etwas aussagen: es waren Spiele, die gewonnen werden mussten, die aber tatsächlich auch gewonnen worden sind.
Was die Fehlerfrage für die Zeit unter JK angeht, gebe ich Ihnen ebenso Recht wie bei der Einschätzung, dass es vielleicht für den schönen Fußball ein richtiger Ansatz war, JK zu holen. Und in der Tat ist es ziemlich egal, wer jetzt Trainer ist, es muss nur - und hier zitiere ich zustimmend Uli Hoeneß - ein Fußballlehrer sein. Dass die Medien den von Ihnen beschriebenen Ansatz einer "Analyse" wählen werden, sehe ich allerdings genauso.
Ich finde es schade, dass und wie das Experiment Klinsmann scheiterte, aber ich denke, es wird mit der CL-Quali klappen, und das wäre unter JK zumindest weniger wahrscheinlich gewesen.
Paging