FC Bayern München Meister ohne Feindbild

Kurt Landauer, vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten jüdischer Präsident des frühen FC Bayern, wäre diesen Dienstag 125 Jahre alt geworden.

Von Markus Schäflein

Kurt Landauer hat Spuren in München hinterlassen, man muss allerdings genau hinschauen, um sie zu finden. Eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 2005 vermeldet: "Der neue Rettungsweg vom Lottlisa-Behling-Weg zum neuen Fröttmaninger Fußballstadion wird nach Kurt Landauer benannt. Das hat der Kommunalausschuss des Stadtrats beschlossen."

Die Bayern-Fangruppierung Schickeria dokumentiert ihre antirassistische Haltung alljährlich mit der Ausrichtung eines Kurt-Landauer-Turniers. Und der jüdische Verein TSV Maccabi erinnert ebenfalls mit einem Turnier an den früheren Präsidenten des FC Bayern München. Landauer taucht auch in der FCB-Vereinschronik auf, er habe "wie keiner vor ihm die Werte und Prinzipien" des Vereins verkörpert, heißt es dort. Ansonsten hat sich lange Zeit fast niemand mehr öffentlich mit Kurt Landauer beschäftigt - schon gar nicht der FC Bayern selbst.

2003 kam eine Zeit-Autorin auf den Spuren des Juden Kurt Landauer nach München und wollte mit dem Manager des FC Bayern über ihn sprechen. Uli Hoeneß ließ ausrichten: "Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt." 2008 folgte der Klub einer Einladung zu einer Tagung über Fußball in der NS-Zeit am Starnberger See nicht: "Schicken Sie uns bitte eine E-Mail. Wir konzentrieren uns zurzeit auf den Uefa-Pokal."

Weshalb der FC Bayern so defensiv mit seiner Historie als jüdisch-christlich geprägter Klub umgeht, bleibt sein Geheimnis. Womöglich will er nicht in Verdacht geraten, mit seiner - im Gegensatz zu vielen anderen Fußballvereinen - positiven Geschichte prahlen zu wollen. So müssen nun, zum 125. Geburtstag Kurt Landauers, andere dafür sorgen, dass sich die Münchner erinnern, während sich auf der offiziellen Homepage des FC Bayern am Tag vor dem Jubiläum nicht einmal ein Hinweis auf Landauer fand. Maccabi München und die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau laden an diesem Dienstagabend zu einer Gedenkfeier ein. Immerhin, Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge folgt der Einladung.

Ein letztes buntes Fest

Es war 1932, als der FC Bayern zum ersten Mal Meister wurde. Landauer war Präsident, Trainer der österreichisch-ungarische Jude Richard Dombi. Er ließ ballorientiert üben und schulte den Umgang mit dem Spielgerät stets unter Wettkampfbedingungen. Dombi war ein vielseitig gebildeter, moderner und nicht billiger Trainer. Auch Jugendleiter Otto Beer war Jude, und der Aufstieg des Klubs wurde nicht zuletzt auf die Jugendarbeit zurückgeführt.

Die Münchner Neuesten Nachrichten berichteten, die Meisterschaft hätten "Hunderttausend ohne Unterschied des Standes und der politischen Einstellung" gefeiert. Landauers Neffe Uri Siegel erinnert sich: "1932, das war eine Episode, die Spaß gemacht hat. Sie ist nur vorbei gegangen wie ein Komet."

Es war eines der letzten bunten Feste, bevor die Feiern braun wurden. Am 22. März 1933 legte Landauer sein Amt als Präsident des FC Bayern nieder, offiziell "mit Rücksicht auf die politische Neugestaltung der Verhältnisse in Deutschland". 1938 wurde er aus der Wäschereifirma Rosa Klauber herausgeholt, in der er arbeitete, nachdem er 1933 seine Stelle als Anzeigenleiter der Neuesten Nachrichten verloren hatte. Er wurde verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt. Nach vier Wochen wurde Landauer wegen seiner Zeit als Frontkämpfer im ersten Weltkrieg wieder entlassen. Während seiner Haft war die Wäscherei Klauber arisiert worden; die Nachfolgefirma Lüdecke und Straub entließ Landauer mit sofortiger Wirkung. Am 15. Mai 1939 wanderte er nach Genf aus.

Am 26. Juni 1947 meldete das Sport-Magazin: "Kurt Landauer, süddeutscher Fußballpionier, ist zurück aus der Emigration." Nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr wurde Landauer zum vierten Mal zum Präsidenten des FC Bayern gewählt, er bekleidete dieses Amt bis 1951. In einem Schreiben Landauers vom 20. August 1947 an die alliierten Behörden stand: "Getreu den Traditionen unseres Clubs werden wir auch weiterhin Ihre Bestrebungen zu fördern helfen." Dem neuen Oberbürgermeister Karl Scharnagl teilte der Verein mit, dass "wir bisher als Judenclub, der es ablehnte, sich eine nationalsozialistische Vereinsführung aufzwingen zu lassen, mit allen Mitteln gedrückt wurden". Dank Landauer und Scharnagl verfügte der FCB über gute Voraussetzungen für seine Zukunft in der Bundesrepublik.

Analogien zur Gegenwart?

Landauer starb 1961 in München. Was hat der FC Bayern von heute noch mit dem Mann zu tun, der insgesamt 18 Jahre sein Präsident war? Vielleicht etwas mehr, als man glauben möchte - manche Wissenschaftler stellen sogar Analogien zwischen Vergangenheit und Gegenwart her.

Der Münchner Politologe Thomas Hauzenberger, wohlgemerkt als Fan des Lokalrivalen TSV 1860 sozialisiert, schrieb: "Man könnte sich die Frage stellen, ob die Polemik, die notorisch gegen den FC Bayern vorgebracht wird, unwissentlich auf das Repertoire antisemitischer Topoi zurückgreift: das so genannte Bonzentum, der Vorwurf, dass die Erfolge der Bayern erkauft und nicht erkämpft sind, die Tatsache, dass der Verein kein eigenes Stadion in einem bestimmten Stadtteil besaß, was man wiederum mit dem Topos der jüdischen Wurzellosigkeit assoziieren könnte - weltläufig statt beheimatet."

Hauzenberger sagt, dass es sich da womöglich um eine "wilde Idee" handelt. Vielleicht ist es nur so, dass der Mensch derart konstruiert ist, dass er ab und zu ein Feindbild braucht. Dann wäre Kurt Landauer froh, dass dieses Gefühl heute bei so vielen Menschen nur 90 Minuten pro Woche anhält.