Ein Kommentar von Christof Kneer

Jürgen Klinsmann hasst Abhängigkeit. Doch er muss erleben, dass Siege weniger mit seinen Ideen und Strategien in Verbindung gebracht werden als mit den Ideen eines Bauchfußballers.

Jürgen Klinsmann mag Fußballspieler, die sich was trauen. Er mag Spieler, die sich von nichts und niemanden vom Torerfolg abbringen lassen, nicht mal vom eigenen Mitspieler. Der frühere Stürmer Klinsmann weiß, wie aufregend ein Sololauf sein kann und wie viel Spaß es macht, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Wenn der Trainer Klinsmann sich also einen Spieler wünschen könnte, dann käme womöglich Frank Ribéry dabei heraus - jener formidable Franzose, der in Lissabon erst mit dem Kopf durch eine Abwehrwand jagte, bevor er sich von nichts und niemandem vom Führungstor abbringen ließ, nicht mal von Luca Toni.

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Platz da, den mach ich: Franck Ribéry hält sich vor dem 1:0 Mitspieler Luca Toni vom Leib. (© Foto: Getty)

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Wer ein Bild sucht, mit dem sich die Lage beim FC Bayern am prägnantesten beschreiben lässt, dem sei jene herrische Geste empfohlen, mit der Ribéry sich Toni vor dem 1:0 vom Leib hielt. Diese Geste war mehr als eine nonverbale Laufweg-Fachdebatte zwischen zwei Offensivexperten - es war eine Geste, welche die Machtverhältnisse bei Bayern perfekt abbildete.

Jener zutiefst unpolitische Spieler, der nur spielen will, prägt längst die Binnenpolitik des Großunternehmens. Er entscheidet, ob beim FC Bayern die Zahlen stimmen. Hat Ribéry Lust und Form, gewinnt der FC Bayern zum Beispiel 5:0 in der Champions League; schneidet der Gegner aber ein System und/oder zwei Gegenspieler auf Ribéry zu, verliert Bayern zum Beispiel 1:2 gegen Köln.

Es war Klinsmanns erklärter Wille, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser zu machen, aber zurzeit ist der FC Bayern jeden Tag ein bisschen mehr Ribéry. Wenn Klinsmann etwas hasst, dann ist es Abhängigkeit - und nun muss er erleben, dass Siege weniger mit seinen Ideen und Strategien in Verbindung gebracht werden als mit den Ideen eines Bauchfußballers und erklärten Anti-Strategen. Die viel zu sehr auf Ribéry zugespitzte Zusammensetzung der Mannschaft ist im übrigen nicht Klinsmanns Schuld, aber sie ist längst sein Problem - und die Abhängigkeit des Trainers vom Einzelspieler Ribéry verschärft sich bedenklich, wenn er die Mannschaft nicht hinter sich weiß.

Kein Spieler hat es für notwendig erachtet, wenigstens irgendein Detail dieses 5:0 dem Trainer zuzuschreiben. Stattdessen muss Jürgen Klinsmann mit ansehen, wie sich zum zweiten Mal in seiner noch jungen Trainerkarriere ein paar Spieler eine Taktikänderung ans Revers heften - so wie einst Michael Ballack, der sich unmittelbar vor Ausbruch der Weltmeisterschaft 2006 eine defensivere Rolle zugeteilt haben soll.

Aus dieser WM ist Klinsmann dann übrigens als umjubelter Sommermärchenheld hervorgegangen. Wie die Geschichte bei Bayern weitergeht, dürften auch Lust und Form von Franck Ribéry entscheiden.

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(SZ vom 27.02.2009)