Von Thomas Hummel

Wohin führt Klinsmanns Philosophie den FC Bayern? Das 4:2 gegen Wolfsburg mit all seinen Wendungen gibt Antworten.

Jürgen Klinsmann hatte sich die Haare sehr kurz geschnitten, in seinem Gesicht zeichneten sich viele Details ab, die Wangen waren ein wenig eingefallen. Der 44-Jährige ist ohnehin schlank, am Samstag wirkte er wie ein Asket. Nach dem 4:2 (1:2) gegen den VfL Wolfsburg schritt er nicht wie sonst dynamisch und wortlos zum Ausgang, sondern stellte in der Mixed Zone seinen Rollkoffer ab und sagte in die Mikrofone: "Die Mannschaft hat tolle Moral gezeigt, aber es hat sehr viel Kraft gekostet." Er meinte damit die Spieler - doch er hätte auch sich selbst meinen können.

Eigene Philosophie für den Mannschaftserfolg: Jürgen Klinsmann. (© Foto: AP)

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Der Trainerjob beim FC Bayern München ist ein anstrengender, und Klinsmanns Ehrgeiz erlaubt ihm nicht, sich zu schonen. Er will hier unter keinen Umständen scheitern, will sich und der Welt beweisen, ein guter Klubtrainer zu sein. Es geht sogar so weit, dass sich der durchaus umtriebige Manager Uli Hoeneß vor dem Arbeitseifer seines neuen Übungsleiters ängstigt. Zuletzt riet er ihm öffentlich, mal länger zu schlafen.

Doch auch nach dieser neunten Bundesliga-Partie dürfte der Bayern-Trainer eine unruhige Nacht erlebt haben. Wie viele andere auch. Denn unter dem Schwaben zeigt der FC Bayern einen Fußball wie sich das in München bislang nur eine Truppe vom Circus Krone erlaubt hätte. Gut, die Buddhas und die nicht-öffentlichen Trainingseinheiten hätten die Anhänger noch geschluckt, aber 2:5 gegen Bremen, 3:3 gegen Bochum, 3:0 gegen Florenz, nun 4:2 gegen Wolfsburg nach 0:2-Rückstand. Dahin scheint eine 40-jährige Tradition des Rasenschachs, des zynischen Ergebnisfußballs mit garantiertem Gegner-Derblecken am Schluss.

Skeptische Blicke aus dem Umfeld

Das Umfeld beäugt den Wandel skeptisch, nach den ersten Misserfolgen hatten viele Klinsmanns Ablösung gefordert. Obwohl das Publikum Woche für Woche ein Spektakel geboten bekommt, genießt der Trainer kaum einen Bonus, ist selbst für Münchner Verhältnisse extrem abhängig von kurzfristigem Erfolg. Allein Hoeneß und Vorstandvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge halten streng Kurs und geben sich überzeugt davon, dass der Klinsmann-Fußball mittel- und langfristig Impulse und neue Erfolge bringt.

Doch da erinnert man sich an eine alte Fußballweisheit: Ein guter Angriff gewinnt Spiele, doch nur eine gute Abwehr gewinnt Titel. Und was die Bayern-Verteidigung da bisweilen vorführt, nimmt fast Dimensionen wie in Bremen an. Wolfsburg hätte einige Tore mehr als nur zwei erzielen müssen. Wohin führt die Philosophie des Jürgen Klinsmann den stolzen FC Bayern? Das Spiel gegen Wolfsburg mit all seinen Wendungen gab Antworten.

Aggressive Adrenalin-Gang

Teile des Kaders sind in einem körperlich exzellenten Zustand, zuvorderst Bastian Schweinsteiger, Zé Roberto, Tim Borowski und inzwischen auch Miroslav Klose. Zusammen mit dem physisch stets präsenten Franck Ribéry haben sie Felix Magaths Medizinball-Kicker in der zweiten Halbzeit phasenweise überrannt. Und weil es in der Bundesliga wenige Profis gibt, die fitter sind als Magaths Spieler, muss sich die Liga in Acht nehmen vor dem rasanten Bayern-Teil.

Dazu hat Klinsmann die Gabe, gestandene Profis in einer Kabine zu "pushen", wie das am Samstag einige (Hoeneß, Schweinsteiger) aus der Halbzeitpause berichteten. Er formulierte es selbst so: "Wir haben der Mannschaft klar gemacht, dass wir dringend anfangen müssen, den Gegner im Eins-gegen-Eins auch bösartiger anzugehen, ihm den Schneid abzukaufen." Seine Spieler folgten: Aus einer recht passiven VfL-Begleittruppe wurde binnen 15 Minuten eine aggressive Adrenalin-Gang, die den Gegner überrumpelte. Da wird der Anpfiff zum Halali, dem Frontalangriff war schon der AC Florenz am Dienstag in den ersten Minuten erlegen gewesen.

Dazu kam eine überraschend gelungene Analytik. Zé Roberto nach der Pause auf die linke Verteidigerposition zu stellen und damit das Offensivspiel völlig neu zu ordnen, hat die Partie gegen Wolfsburg mindestens mitentschieden. Es war fast wie einst der Überraschungs-Schachzug mit Sprinter David Odonkor im DFB-Team. Allerdings muss Klinsmann noch beweisen, ob er solche taktischen Kniffe dauerhaft beherrscht.

Lesen Sie weiter, wer es momentan beim FC Bayern am schwersten hat.

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