Ein Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Klinsmanns Münchner taumeln zwischen 0:4 und 4:0, 1:5 und 5:1. Der FC Bayern wollte sich modernisieren - doch jetzt ist er völlig aus der Mode.

Wer erstmals ins Stadion Camp Nou von Barcelona kommt, den drängt es, sofort nach einem Maßband zu verlangen. Entspricht das alles hier den Regeln? Ist das Spielfeld nicht länger als 110 Meter? Ist es nicht breiter als 75 Meter? Der Platz, den sich der FC Barcelona für seine moderne Interpretation des Totalen Fußballs gewährt, ist der maximal erlaubte.

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Die Bayern-Spieler Massimo Oddo (rechts) und Martin Demichelis sind nach der Pleite gegen Barcelona schockiert. (© Foto: Getty)

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Gepflegt wird die Mär, dass es der Niederländer Johan Cruyff war, der erst als Spieler (1973 bis 1978) und später als Trainer (1988 bis 1996) darauf drängte, den größtmöglichen freien Raum für Kreativität zur Verfügung gestellt zu bekommen. Für sich wie für weitere Generationen: Noch heute folgt der Wirbel, in dem Messi, Eto'o, Henry, Xavi und Iniesta den FC Bayern untergehen ließen, streng der Tradition. Barcelona will gestalten, begeistern, will immerzu Regie führen - und wer gestalten will, braucht Platz. Sonst tritt ihm der Gegner auf die Füße.

Der Kontrast zum FC Bayern ergab sich in Barcelona schon aus der Analyse: Man sei nicht in die Zweikämpfe gekommen, hieß es bei den Münchnern. Zweikämpfe? Eine alte These aus der Bundesliga besagt: Wer die Zweikämpfe gewinnt, gewinnt das Spiel - aber der FC Barcelona spielt Zweikampf-Vermeidungsfußball. Seine komplexen Kreationen fußen auf Intuition, Technik und Tempo - Zweikämpfe sind dabei lästig, denn sie bedeuten Verletzungsgefahr und Zeitverlust.

Die Ablehnung der puren Athletik, die Liebe zum Ball, die Sehnsucht nach ewiger Offensive - das alles gab dem Klub auch in Krisenzeiten ein Dogma, einen Halt. Die Spielidee wurde nie verraten, der FC Barcelona stürmt aus seiner Tradition heraus. Der Großteil der wertvollen Elf wurde nicht hinzugekauft, er wurde getreu der Cruyffschen Lehre auf dem Klubgelände ausgebildet. Auch Josep Guardiola, der aktuelle Trainer, ist Ziehsohn des Vereins.

Der FC Bayern hat seine sportliche Identität hingegen verloren. Vom Pragmatismus, mit dem Ottmar Hitzfeld lange regierte (erst das Resultat, dann das Vergnügen), ist nichts mehr zu sehen, Klinsmanns Münchner taumeln zwischen 0:4 und 4:0, 1:5 und 5:1. International ist der Kontakt zum Tempofußball Barcelonas und Arsenals oder zu den Kraftakten von Manchester United oder dem FC Chelsea abgerissen.

Und nun werden sie auch noch in der Bundesliga infrage gestellt. Hier wieder eine Haltung zu finden, eine neue Bayern-Schule mit zielführender Spielidee, kann sehr, sehr lange dauern.

Klinsmann hatte einen attraktiven Hurra-Stil versprochen, aber er hat ihn nicht verwirklichen können. Bei der WM 2006 stand er als Bundestrainer im Ruf, ein Radikal-Reformer zu sein, doch auf der Langstrecke, im Klub, vor dieser unglaublich teuren Mannschaft, fanden seine Botschaften kaum Gehör. Das ambitioniert verkündete Programm blieb eine Hülle, die Inhalte kommen bei den Profis nicht an. Modernisieren wollte sich der FC Bayern - doch jetzt ist er völlig aus der Mode.

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(SZ vom 11.04.2009)