Von Moritz Kielbassa

Diesmal 2:2 nach 2:0 - der FC Bayern zeigt auch bei Borussia Mönchengladbach unberechenbaren Fußball und sucht weiterhin die alte Souveränität.

Die Anklage lautete: fahrlässiges Herschenken einer Zwei-Tore-Führung gegen einen minder bemittelten Gegner aus dem Ligakeller - im Wiederholungsfall (Vorstrafe: 3:3 gegen Bochum). Doch Mark van Bommel wollte diesmal kein Kronzeuge sein. Mehrfach hatte der Kapitän der FC Bayern in jüngster Zeit Wasser in den Münchner Siegerwein gegossen, weil er auf fortgesetzte Fehlleistungen in der Defensive hinwies.

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Auch Mark van Bommel konnte die beiden Gegentreffer nicht erklären. (© Foto: ddp)

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Am Samstag, als zwei späte Kopfballtore (79./81.) der bis dahin fast chancenlosen Gladbacher den FC Bayern wieder bremsten bei dessen Aufholmanöver Richtung Tabellenspitze, als viele also mit einem Tobsuchtsanfall van Bommels rechneten - da überraschte der kluge Holländer mit seinen subtil-ironischen Zwischentönen erneut. Van Bommel hielt ein Plädoyer: gegen Analysewut.

"Leichtsinnig" und "sehr, sehr ärgerlich" fand sein Trainer Jürgen Klinsmann das kostspielige Malheur in der Schlussphase, "das darf nicht passieren", grollte Teamkollege Philipp Lahm. Auch van Bommel wurde gefragt: Lag es an Arroganz, an Disziplinlosigkeit oder gar an chronischer Abwehrschwäche?

"Nein!" Woran dann? "Am Anschlusstor!" Wie? "Da hat der Gegner Luft bekommen, das Stadion ist aufgewacht, so ist Fußball." Sicher, aber war das Zustandekommen der Gegentore nicht sinnbildlich für diese Saison? "Ach was, immer dieses Analysieren. Solche Tore sind 1978 passiert und sie werden auch 2020 passieren."

Am 15.11.2008 hat Bayern zumindest den Erkenntnisgewinn von vier Bergaufwochen torpediert - in zwei bitteren Minuten. Nach fünf Siegen bedauerte Klinsmann das Ende eines "tollen Laufs". Insbesondere waren seine Bayern zuletzt durch kernige Physis aufgefallen - und die daraus abgeleitete Fähigkeit, Rückstände mit lässiger Selbstverständlichkeit umzubiegen. Im Sprühregen am Niederrhein passierte: das Gegenteil.

Toni, der Schrankenöffner

Dabei setzten die Minuten 1 bis 79 zunächst Bayerns Wiederfindung souveräner, unterkühlter Effizienz fort. Philipp Lahm legte prima vor für Luca Toni (21.), und dessen Vorliebe für Schranken öffnende 1:0-Tore kennt man. Als Borussen-Verteidiger Steve Gohouri, der dem Schiedsrichter in Halbzeit eins straffrei den Vogel gezeigt hatte, Franck Ribéry foulte, schritt der Franzose selbst zum Elfmeter: 2:0 (65.), der erwartete Sieg war im Sack.

Dachte jeder. Nichts wies auf ein famoses Aufbäumen der aufopferungsvoll laufbereiten, jedoch der individuellen Münchner Klasse unterlegenen Borussen hin. Marko Marin, ihr frecher Fummler, hatte ein paar quirlige Dribblings probiert, das schon. Aber Torchancen? Und ein Elfmeter für München wäre schon fällig gewesen, als Paauwe dem sprintenden Lahm auf den Schuh stieg (39.). Doch Bayern produziert in diesem Herbst Wundertütenfußball, und zumindest von einem Anklagepunkt ist der Rekordmeister heuer grandios freizusprechen: vom Vorwurf der Verbreitung von Langeweile.

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